Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „biC # Welt" Nr. 16 liberalen Lager in das antisemitisch-reaktionäre, der in Russland berüchtigte Schriftsteller Menschikow, durch sein jesuitisch-perfides Feuilleton über die Rolle der Juden in der Geschichte des ostasiatischen Krieges die Krone auigesetzt. Mit scheinbar glänzenden Sophismen und mit der Maske eines ehrlich sein wollenden Publizisten erzählte Menschikow den vielen Lesern der „Nowoje Wremja" dass die Juden aus Rache für Kischenew die Japaner gegen Russland so lange hetzten, bis der Krieg ausbrach. Dass die Juden, selbst Asiaten, sich mit den Asiaten verbunden hätten, um Russland im Herzen Asiens einen Schlag zu versetzen; dass endlich die Juden ein Unglück für Russland seien, weil sie Russland zugrunde richten wollen. Dieser explosive Artikel hat zündend gewirkt. Wohl hatten einige anständige Zeitungen, wie der „Kiewljanm", „Wjcsnik Jewropy" und „Russj", den Versuch gemacht, die schlimmen Folgen der hasserfüllten Predigt Menschikows abzuschwächen und seine Verleumdungen der Juden zurückzuweisen. Aber das von Menschikow verbreitete Gift hatte bereits seine Wirkung getan: Die dunklen Riemente unter Führung des von Kischenew her zu trauriger Berühmtheit gelangten Kruschewan hatten sich an die Arbeit gemacht. Ihre Wahl fiel diesmal auf die Stadt Odessa, ein Zentrum jüdischen Lebens, lieber die Agitation des Kruschewan und Genossen und über die unter den Juden in Odessa herrschende Bestürzung hat der leitende Redakteur der „Petersburgskija Wjedemosti", Herr A. Stolypin, Briefe aus Odessa erhalten, auf Grund welcher er folgendes Bild entrollt: „Die intelligente Einwohnerschaft von Odessa, insbesondere aber die jüdische Bevölkerung, ist von lebhaften Besorgnissen erfüllt. Die Befürchtungen, dass es während des Osterfestes zu Exzessen gegen die Juden kommen könne, entspringen nicht schreckhafter Phantasie oder unmotivierter Angst, sie finden ihre Begründung in mannigfachen charakteristischen Vorarbeiten. Seit einer Woche werden in Odessa Proklamationen verbreitet, in denen die Bevölkerung zum gewaltsamen Angriff gegen die Juden aufgerufen wird. Die Juden werden darin der Sympathie mit den Japanern verdächtigt. Vor einigen Tagen war der durch die Ereignisse in Kischenew zu trauriger Berühmtheit gelangte Redakteur des ,,Znamja'\ Kruschewan, hier und konferierte mit seinen Freunden. Kruschewan hat seine neuerliche Ankunft für die Charwoche angekündigt. Seine Zeitung „Znanija" wird hier in den niederen Volksschichten unentgeltlich verteilt. In der Volksbuchhandlung Sfistunow werden allen Büchern und Bestellungen Exemplare der .,?namja" beigelegt. Man sieht Polizisten auf ihren Standplätzen und die Hausbesorger in der Toreinfahrt in die Lektüre der ..Znamja" vertieft. Sein bekannter Hetzruf: „Schlagt die Juden tot!" dringt in alle Kreise. Redakteure freisinniger Zeitungen erhalten anonyme Zuschriften, in denen mit einer baldigen Abrechnung des russischen Volkes mit den Juden und ihren Beschützern gedroht wird. Der Stadtgouverneur von Odessa, Neuthardt, ist in Kenntnis gesetzt von der Existenz und Verbreitung dieser Proklamationen/' Erschwert wird die Lage der Juden in Russland njeh dadurch, dass sogar ihre vermeintlichen Freunde unter den Russen sie im Augenblicke der Gefahr verlassen. Während Herr Stolypin die verzweifelten Briefe der Juden aus Odessa ienroduziert und ihre Hilferufe vermittelt, hat er nichts besseres zu tun, obwohl er die gebildeten antisemitischen Hetzer „Verbrecher und Schufte" nennt, als den Juden ein langes Sündenregister vorzuhalten. Lauter solche Sünden, welche, von den Russen begangen, als Tugenden betrachtet werden. Die nach Ostasien ziehenden jüdischen Aerzte senden aus der Mandschurei an ihre Verwandten in Russland einen telegraphischen Glückwunsch zum Passahfeste durch die Zeitungen, und Herr Stolypin erblickt darin die Sucht der Juden, die Aufmerksamkeit der russischen Gesellschaft auf sich zu lenken und zu zeigen, dass sie in den Krieg ziehen, um für das Vaterland zu bluten. Wenn aber die Spalten der russischen Blätter von Kollektivdepeschen mit Gratulationen russischer Offiziere und Marineure aus Ostasien wimmeln, dann heisst es rührend, dass sie ihre I iebe zu den Zurückgebliebenen bekunden . . . Dass die Agitation gegen die Juden in Odessa bereits Früchte" zu tragen begonnen hat, kann man aus der amtlichen Mitteilung der „Wjedomosti Odesskawo Gradonatschalstvva44 ersehen. Diese Mitteilung lautet: Am 25. März durchzog eine Menge halbwüchsiger Burschen die Strassen, geführt von dem Sohne eines höheren russischen Staatsbeamten, Alexander Neumann, und stiess Drohungen gegen die Juden aus. Alexander Neumann hielt auf der Strasse eine Hetzrede gegen die Juden und forderte die angesammelte Volksmenge auf, gegen die Juden vorzugehen. Der Jude Wolf Bernstein, welcher der Rede Neumanns zugehört, antwortete darauf in äusserst scharfen Worten, aber die Menge machte Miene, über ihn herzufallen. In diesem Augenblick erschienen an Ort und Stelle berittene Polizisten und jagten die Menge auseinander. Auf Grund des dem Stadthauptmann von Odessa, General Neuthardt, hierauf unterbreiteten Berichtes über den Vorgang auf der Puschkinskajastrasse verurteilte der Stadthauptmann Alexander Neumann zu einer Arreststrafe von zwei Monaten, aber auch den Juden Bernstein zu Arrest von einem Monat. Und erst dieser Vorfall hat die Verwaltung von Odessa veranlasst, energische Massnahmen zu ergreifen. Wie die Petersburger „Nowosti" melden, hat der Stadthauptmann von Odessa eine Verordnung erlassen, in welcher erklärt wird, dass alle russischen Untertanen den gleichen Schutz der russischen Gesetze 'gemessen; nur Gegner Russlands könnten innere Zwiste anzetteln. In dieser Verordnung wird verboten, absichtlich falsche Gerüchte zu verbreiten. Die Schuldigen würden mit einer Geldstrafe von 500 Rubeln oder Arrest bis zu drei Monaten bestraft. Aber auch die Zentralregierung in Petersburg hat Massnahmen ergriffen, um die Wiederholung von- Exzessen gegen die Juden zu verhüten. Aus Petersburg wird nämlich darüber unter dem 2. April offiziell gemeldet: „Im Hinblicke auf die unter den Juden des südlichen Russland verbreiteten beunruhigenden Gerüchte, die auch in vielen ausländischen Blättern ein Echo fanden, wurde der russischen Presse eingeschärft, strenge alles zu unterlassen, was die Volksleidenschaften erregen und einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufregen könnte. Die Ortsbehörden wurden beauftragt, strenge Massnahmen zur Aufrechterhaltung des Friedens und der öffentlichen Ordnung zu ergreifen." Von Interesse dürfte es. sein, dass nunmehr auch der Urheber der Verhetzung und der Aufregung der Juden, Menschikow, sich beeilt hat, sich von jeder Gemeinschaft mit den moralischen Teilnehmern an den Judenexzessen loszusagen. Er richtete an die „Petersburgskij'a Wjedemosti" einen Brief, in welchem er unter anderem schreibt: „Judenexzesse habe ich stets mit Abscheu verdammt. Ich bin mit Herrn Stolypin völlig einverstanden, dass gebildete Antisemiten, welche unwissende und wilde Eelmente aufhetzen, Verbrecher und Schutte sind." Dass Menschikow dabei glaubt, dass er durch seine Arbeiten die unwissenden und wilden Elemente gegen die Juden nicht aufhetzt, ist nach der von ihm abgegebenen Erklärung selbstverständlich. Es dürfte jedoch zu hoffen sein, dass es diesmal den kompetenten Faktoren in Russland gelingen wird, die Schandtaten von Kischenew und Hömel nicht durch neue vermehren zu lassen ... Gt. Judenexzesse in Lompalanka» Roustschouk, 8. April 1904. Am 10. März verschwand in Lompalanka, wo eiaie kleine jüdische Gemeinde von 80 Familien lebt, plötzlich ein Bulgare vor 28 Jahren. Wie gewöhnlich zögerte die Bevölkerung nicht, gegen die Juden Verdächtigungen zu erheben, indem sie ihnen einen Ritualmord nachsagte. Die Erregung, die von den Antisemiten planmässig genährt wurde, wrurde so gross, dass der Präfekt nachgeben und sich zu einigen sehr eingehenden Hausdurchsuchungen in mehreren jüdischen Häusern entschliessen musste. Die Polizei entdeckte nichts und jagte das zusammengelaufene Volk auseinander. Seit damals schwirrten ununterbrochen Gerüchte umher, bis man am 1. April den Leichnam in einer Entfernung von 4 Kilometern von der Stadt an der Donau auffand. Am 2. des Monats begaben sich zwei Aerzte, der Untersuchungsrichter und eine grosse Anzahl von Bulgaren auf den Platz des Leichenfundes. Der Leichnam wurde in denselben Kleidern gefunden, die der Mann bei seinem Verschwinden getragen hatte. Das Gesicht war zerkratzt, Schnurrbart und Augenbrauen ausgerissen und der Körper zeigte zahlreiche Wunden. Die Zehen waren durchbohrt, ebenso die Halssehnen. Nach der Autopsie erklärten die Aerzte, dass er bereits fünfzehn Tage im Wasser liege. Er war offenbar samt seinen Kleidern ins Wasser geraten. Die Leute zweifelten aber an der Richtigkeit dieser Erklärung und waren gegen die Aerzte sehr erbittert. Die Behörden, welche Exzesse gegen die Juden voraussahen, ordneten an, dass diese ihre Geschäfte schliessen und in ihren Wohnungen bleiben sollten. Gleichzeitig besetzte ein Kavallerieregiment alle Zugänge zu den Strassen des Judenquartiers. Gegen 4 Uhr nachmittags sammelten sich von allen Seiten bulgarische Banden, es formierte sich ein Zug von 3000 Personen, mit Musik an der Spitze, um dem Leichnam