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Die Welt · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 16 „bis * Weit" Seite 7 und aus der Geschichte der letzten Zeit und den gegenwärtigen Verhältnissen den Niedergang des »Epigonentums uns erklären? Die jüdische Gemeinde Berlins ist eine reiche und mächtige. Viele hervorragende öffentliche Institutionen zeugen von nicht geringer Kulturhöhe der Gemeinschaft. Aber welchen Geist verkörpern sie? Wuchsen sie von innen heraus, entsprechend der Entwicklung des Gemeinwesens, stets äussere Symbole wirklicher innerer Zustände, oder entstanden sie, ihren Gründern fremd, nur Dank ihrer grossen Geldmittel? Die preussischen Julen leben in einem starken, gewaltig aufwärtsstrebenden Staatswesen. Man findet selten in so kurzer Zeit einen so mächtigen Aufschwung, eine so grosse Kräftentfaltung wie beim preussischen Volke. Welchen Anteil haben an diesem Fortschritte die Juden? Wir finden sie an der Spitze des tüchtigsten Kaufmannsstandes, als Begründer und Verbreiter der gelesensten Zeitungen, wir finden sie unter den bedeutendsten Professoren, unter den hervorragendsten Organisatoren der grossen Massen. Dies alles trotz der bei all' der Freiheit dennoch bestehenden sehr fühlbaren Beschränkung. Welche Kulturfähigkeit besitzen also die Juden? Ja, wir werden wohl von den Juden überhaupt sprechen dürfen, wenn wir bedenken, dass doch die preussischen, insbesondere Berliner Juden zum grossen Teil nicht aus Aufcochthonen bestehen. Was werden wir auch noch darüber sagen, dass trotz der so sehr verlockenden Reize, die gerade hier die Umgebung ausübt, trotz der tatsächlich täglich sich mehrenden Abfälle und der erschreckend fortgeschrittenen Assimilation wir dennoch von einem starken jüdischen Gemeinwesen und erwachendem jüdischen Gefühle sprechen können? Welche Hoffnungen dürfen wir hegen? Dies seien blos gewisse Gesichtspunkte, von denen die Betrachtung auszugehen hätte. Die Betrachtungen wollen wir folgen lassen. j. Der Arier-Paragraph. (Zum deutschen Turntag.) Es herrscht eitel Freude in den judenliberalen Sippen. Heulen und Zähneklappern, ohnmächtiges Wüten in allen Zelten wehrhafter Männer der Ostmark. Der dreizehnte deutsche Turntag in Berlin hat gegen den geschlossenen, mit allen Mitteln des Verzweiflungskampfes geführten Widerstand der alldeutschen österreichischen Turnvereine die Bildung eines Turnkreises 15b beschlossen, auf welchen der Arierparagraph keine Anwendung findet, in dem sich in einer Art „splendide isolation" die freiheitlichen, das ist „judenliberalen" Turnvereine nunmehr ihres sogenannten Erfolges freuen. Damit ist es den Assimilanien wieder einmal gelungen, das zu erlangen, was sie einen Sieg nennen : eine unwürdige Angliederung und Einschmuggelung in fremdes Volkstum, ein glorreiches Verstecken und Verleugnen eigener Volkszugehörigkeit. Die deutschen Turnvereine Oesterreichs wollen die Juden nicht. Sie sind ja Organisationen der alldeutschen, der rassenantisemitischen Partei. Mögen die Mitglieder dieser Vereine noch so oft „Hoch Vater Jahna «chreien, so ist ihnen doch um den edlen Zweck des Turnens in zweiter, zuweilen auch in letzter Linie zu tun. Es sind politische und zwar nationalpolitische Vereine, Und etwas mag denn doch daran gelegen sein, wenn andere Nationen ihre sportliche Betätigung gerne mit nationaler Begeisterung verbinden. Etwas, was auch wir Juden lernen müssen; denn wir brauchen weit dringender eine nationale sportliche Betätigung, als irgend ein anderes Volk. Es ist die Erkenntnis des Wertes der Volkserstarkung. Bei der völligen Verkehrtheit der geltenden politischen und nationalen Ansichten unseres offiziellen Judentums ist es selbstverständlich, dass bei uns Juden sich diese Bewegung in entgegengesetzter Richtung vollzieht. Die deutschen Turnvereine in Oesterreich haben die Juden hinausgeworfen, folglich setzen diese allen ihren Ehrgeiz daran, sich wieder hineinzudrängen, respektive zu zeigen, dass sie auch Patent- Deutsche sind. Der Kampf ist lächerlich und beschämend auf beiden Seiten. Ein geradezu drolliger Anblick ist es, wie sich die deutschen Wotansfanatiker abzappeln, um den doch mindestens so echten Germanen des echten Deutschlands an rassigem Deutschtums den Rang abzulaufen, indem sie jetzt nach der Niederlage auf dem Berliner Turntage, das ganze von den sonst so hochverehrten Heroen Bismarck, Moltke und Kaiser Wilhelm I. aus Blut und Eisen zusammen gekittete Kaiserreich deutscher Nation gerne als eine „jüdische Schwindelgrün durg* hinstellen möchten. Dieser ulkige Wahnsinn mag uns belustigen; aber die Komik auf unserer Seite hat einen stark-tragischen Beigeschmack. Man möchte an der ganzen, mühseligen, bisher geleisteten Arbeit, die Juden zu ein wenig Selbstachtung zu erziehen, verzweifeln, wenn man sieht, welches Triumphgeschrei sie anstimmen, wenn es ihnen wieder einmal gelungen ist, sich irgendwo durch ein Hinterpförtchen ein wenig Duldung zu erschleichen. Der Begriff der sogenannten Toleranz, von den judenliberalen Humanitätsphilosophen und einer allmächtigen öffentlichen Meinung seit etwa 2 Jahrhunderten aufgepäppelt, ist das grösste Unglück für das Judentum. Duldung ist Mitleid und Mitleid ist ein Ziel, nur für Bettler aufs innigste zu wünschen! Was aber die Frage der Bildung eines Tarnkreises lob anlangt, so ist ein praktischer oder taktischer Vorteil gar nicht ersichtlich. Es ist eine schäbige Gabe, die schon an diesem Turntage gezeigt hat, dass sie ein Danaergeschenk ist. Daher ist die Freude gar nicht am Platze. Die Vereinigungen, um die es sich hier handelt, sind 60—90% „verödet". Früher oder später werden sich die Widerhacken zeigen, die an diesem Beschlüsse hängen. Die reinjüdischen Turnvereine, in denen wir vollwertige Mitglieder sind, blühen allerorten auf. Unser Turnverband hat in den Baseler Kongresstagen ein beachtenswertes Lebenszeichen von sich gegeben. Benützen wir diese Konjunktur, um unsere Vereine gross und stark zu machen, nicht um uns an fremdes Volkstum anzuklammern. Dazu ist jetzt die Zeit. Denn das mögen sich die Bannei träger des Arierparagraphen nur gesagt sein lassen : Die Pflege des Turnens steht nicht nur den Deutschen zu, wie ein ostdeutscher Leitartikler phantasiert; das Turnen ist ein edler Sport, den die Deutschen nicht erfunden, sondern übernommen haben, und er findet seine Pflege bei allen arischen und nichtarischen Völkern, deren Kulturstufe eine zielbewusste Volkshygiene gezeitigt hat. B. Turne r. Folgen der Judenhetze in Russland. Seit dem Ausbruche des russisch-japanischen Krieges haben die antisemitischen Blätter Russlands, wie den Lesern der „Welt" bekannt sein dürfte, eine neue, äusserst gefährliche Hetze gegen die Juden eröffnet. Die „Nowoje Wremja'" verbreitete zuerst die nachher offiziell dementierte Nachrictn, dass jüdische Remontenkäufer das Gouvernement Tambow bereisen und dort Pferde für die japanische Armee ankamen. Diese Meldung hatte genügt, um die antijüdische Stimmung des russischen Volkes masslos zu verschärfen. Dazu brachte dieselbe „Nowoje Wremja" die lügenhafte Meldung, dass die in Amerika lebenden .luden Geldsammlungen zum Kaufe eines Kriegsschiffes als Geschenk für den Kaiser von Japan veranstalteten. So schändlich reizte man die wilden Instinkte des russischen Pübcls gegen die Juden und ebnete der Wiederholung von Judcnexzessen den Weg. Aber allen diesen Hetzereien hatte der vielgeleseue Feuilletonist der „Nowoje Wremja", der Uebeiiäufer aus dem

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