Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „bi* # Weit" Seite 5 dieses Prinzip kann keine Kolonisation auch nicht in Palästina gelingen. Sie würden aber die zionistische Bewegung vollkommen für Palästina freihalten, während Sie gleichzeitig alle Vorteile des englischen Angebotes bewahren. Nach Beendigung der Debatte ergreift Dr. Herzl das Wort zur Schlussrede. Er erwidert zunächst den einzelnen Herren auf ihre verschiedenen Einwände und resümiert in kurzem, wie folgt: Das Charkower Protokoll war eine Kriegserklärung und wurde von allen auch so aufgefasst. Ich hätte nichts dagegen, wenn dieser Kampf mit den gesetzlichen Mitteln unserer Konstitution geführt worden wäre. Das aber ist nicht der Fall. Unsere Organisation sollte vielmehr durch eine Privatabmachung gedrückt werden. Ich kann hier nur das sagen, was ich Ihnen schon gesagt habe, dass Sie sich in einem Irrtum befinden, wenn Sie glauben, ich werde auf den Kongress einen Hochdruck für Uganda ausüben. Ich werde überhaupt keinen Hochdruck ausüben, weil ich will, dass auf Grund wahrer Tatsachen der wahre Wille zum Vorschein komme. Ich bin so weit Demokrat, um die Entscheidung wirklich dem Volke zu überlassen. Man sagt, Uganda sei eine Kleinigkeit. Ja, wenn es eine Kleinigkeit ist, so wird es nicht imstande sein — und darin stimme ich mit jedem überein — die Jndenfrage zu lösen, sondern die Judenfrage bleibt weiter aufrecht und die grosse zionistische Sache wird nicht geschädigt. Aber ich glaube, dass es gewisse Qrade von Elend gibt, wo sich alles auflöst, dass es Elend gibt, wo man nicht einmal das Minimai-Bewusstsein vorfindet, welches noch zur Erfassung eines Gedankens notwendig ist und wenn wir gewissenhafte Verwalter jüdischer Angelegenheiten sind, so sind wir als diese Leiter verpflichtet, fort und fort diese Pflicht als etwas Lebendiges zu erfassen. An dieser Frage des tiefsten Proletariats, die keine rein jüdische ist — das gebe ich zu — können wir als Volksfreunde nicht vorübergehen. Man sucht ferner die Parteileitung in einem Gegensatz zur Organisation zu stellen. Aber für die Erlangung von Palästina kann die zionistische Organisation absolut nichts tun. Selbst wenn wir schon so viele Hunderttausende hätten, als wir Tausende sind, ist die Organisation dazu nicht imstande. Sie können allenfalls die Mittel herbeischaffen, aber um mit den Faktoren zum Ziele zu kommen, um das es sich handelt, dazu ist die Organisation absolut unfähig. Diese Funktion kann einzig und allein nur von der Führung besorgt werden und um Ihnen zu zeigen, dass es auf die Beharrlichkeit der Führung im Festhalten dieses Zieles ankommt, habe ich Ihnen in meiner ersten Rede ein Dokument verlesen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass man aus der Organisation heraus das Ziel erreichen kann. Die Organisation ist eine Vielheit und kann weniger tun, als einzelne Personen. Ich persönlich gehe nicht nach Ostafrika. Wenn man sich auch schon Verdächtigungen erlaubt hat, dass ich Vizekönig in Uganda werden will. Ich habe mich bei Russland, der Türkei, Italien und selbst bei England, mit dem -ich wegen Ostafrika verhandelt habe, wegen Palästinas bemüht und es könnte mir doch niemand vorwerfen, dass ich dem Zionismus untreu geworden bin, wenn ich sagen würde, ich gehe nach Uganda. Als Judenstaatler habe ich mich Ihnen vorgestellt. Im Verlaufe unserer Arbeit habe ich viel gelernt und habe einsehen gelernt, dass die Lösung für uns nur in Palästina liegt. Wenn ich Ihnen sage, ich bin Zionist geworden und bin es geblieben, alle meine Bestrebungen ziehen nach Palästina hin, so haben Sie alle Ursache, mir es zu glauben. Ich habe Ihnen Manches zu verzeihen, das Sie sich gegen mich haben zu schulden kommen lassen. Ich will darüber hinweggehen, tun Sie nur — ich verlange nichts anderes — Ihre Pflicht als organisierte Zionisten, ohne Ihre Ansicht zu knebeln, kämpfen Sie, so viel Sie wollen, trachten Sie, eine Majorität zum Kongresse zu bekommen, aber arbeiten Sie nicht mit den Mitteln der Bewegung gegen die Bewegung, sondern mit Ihren persönlichen Eigenschaften. Ich rate Ihnen, untenverfen Sie sich dem Kongressbeschlusse, wie es alle anderen Herren tun müssen. Ich habe bisher den Kampf gegen Sie nicht geführt. Ich habe Ihnen den Versöhnungsvorschlag nicht gemacht, weil ich vor dem Kampfe irgendwelche Besorgnisse habe, Sie würden bestimmt unterliegen, denn wir haben eine kolossale Majorität. Ich will aber, dass Sie nach Hause kommen und ihren Leuten sagen können, wir wissen, dass die Exekutive in Wien arbeitet, schaut nicht das halbfertige und angefangene Haus an, sondern wartet, bis es fertig ist und schenkt das Vertrauen weiter den Leuten, denen Ihr es bisher gegeben habet und die nichts getan haben, Euer Vertrauen zu verscherzen. Da die Debatte geschlossen ist, werden nunmehr mehrere Resolutionen zur Tagesordnung gestellt. Nach längerer Diskussion wird jedoch ein Antrag, eine Kommission behufs Ausarbeitung einer neuen Resolution zu wählen, angenommen. In diese Kommission werden die Herren Dr. Farbstein, Dr. Klee, Dr. Alex. Marmorek, Dr. Tschlenow und Ing. Ussischkin gewählt. Schluss der Sitzung 9 Uhr abends. Dritter Verhandiungstag. Mittwoch den 13. April Vormittags-Sitzung Auf der Tagesordnung steht 1. ein Antrag des Rechtsanwalts Jassinowski, ein Schiedsgericht einzusetzen. Dieser Punkt entfällt, da Dr. Jassinowski seine Antrag zurückzieht. Auch der 2. Punkt der Tagesordnung, „Regulierung des Verhältnisses zwischen dem grossen und engeren A.-C.'' nach dem Entwürfe Dr. Bodenheimer-Dr. Farbstein kann nicht zur Beratung kommen. Dr. Herzl erklärt jedoch eingangs, dass das engere A.-C. schon jetzt einen Vorbehalt machen niuss. Das engere A.-C. ist wohl bereit, diesen Vorschlag zu beraten, beschliessen darüber kann allein nur der Kongress. Hierauf legt die am vorigen Tage gewählte Kommission eine Resolution vor, zu welcher verschiedene Amendements eingereicht werden. In ihrer Schlussfassung lautet sie: Die Resolution des grossen A.-C, Das grosse A.-C. nimmt mit Befriedigung Kenntnis von den fortwährenden Bemühungen des engeren A.-C. für Palästina. Das grosse A.-C. setzt voraus, dass das A.-C. im Sinne der Beschlüsse des VI. Kongresses für die Absendung der Afrika* Expedition Sorge tragen wird. Da jedoch über die Frage der Kolonisation Ostafrikas an sich erst auf dem VII. Kongresse zu entscheiden sein wird, so bleibt die Diskussion über diese Frage wie über alle schwebenden Fragen überhaupt gemäss den bisherigen Gepflogenheiten frei. Weiters hat das grosse A.-C. nach gründlicher Aussprache die Missverständnisse geklärt, und beigelegt, welche infolge einer von allen Seiten zu heftig geführten Polemik in den letzen Monaten entstanden sind und die Arbeit in unserer Bewegung gestört haben. Die nicht das Ostafrika-Projekt berührenden An regungen russischer A.-C.-Mitglieder werden dem engeren A.-C. zur Erwägung und Berichterstattung an das grosse A.-C. überwiesen, Dr. Farbstein, Dr. A. M a r ni o r e k, Dr. E. W. Tschlenow, M. Ussischkin, Dr. A. Klee. Diese Resolution wird mit allen gegen die Stimmen der Herren Cowen und Rechtsanwalt Jassinowski angenommen. Die Verhandlung wird sodann bis Nachmittag unterbrochen. Nachmittags-Sitzung. Dr. Herzl überreicht namens des engeren A.-C. folgenden Zusatzantrag: Zusatzantrag des engeren A.-C. Die prinzipielle Erörterung der ostafrikanischen Frage steht, jedem frei. Dabei verpflichten sich alle A.-(^-Mitglieder alle persönlichen Angriffe nicht nur in den amtlichen Zirkularen zu vermeiden, sondern ihren Einfluss nach Tunlichkeit auszuüben, dass solche Angriffe und überhaupt eine unwürdige Form der Diskussion verhütet werden. Dieser Zusatzantrag wird ohne Debatte mit allen gegen die Stimmen der Herren Jassinowski, Mandelstamni, Cowen und Friedemann angenommen. Mr. Greenberg enthält sich der Abstimmung. Der nächste Punkt der Tagesordnung, „Entwurf über diu Kompetenz-Abgrenzung des grossen und des engereu A.-C", wird vertagt. Mr. Greenberg beantragt in die Debatte über die Peststeilung der Mittel für die Ostafrika-E^pedition einzugehen. Dr. Herzl meint dagegen, das grosse A.-C. sei durch einen Kongressbeschluss gebunden, weder Schekelnoch Nationalfonds, noch Bankgelder hiefür zu verwenden. Es kann sich nur darum handeln, dass das engere A.-C. irgend eine Form findet, um diese Mittel zu verschaffen. Unsere Freunde in Südafrika haben das Anerbieten gemacht, diese Expedition auf eigene Kosten auszurüsten. Ausserdem sei bekannt, dass