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Die Welt · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 flbi$ * W^Jt" Seite 3 Herzl hätte seine eigene Kritik über meinen Brief auf das strengste getadelt, wäre sie von einem anderen gesagt worden. Ich kann eine Entschuldigung für Dr. Herzl nur darin finden, dass ein grosser Mann auch grosse Fehler hat. Wenn wir nicht versichert sind, dass Herzl mit den Mitgliedern des A.-C, die mit ihm gehen, alles aufbieten wird, dass wir die Ostafrika- Frage bis" zum VII. Kongress los werden, so werden wir nie zusammen gehen können. Wir können nicht zusammen bleiben, wenn Ostafrika nicht fällt. Dr. Bernstein-Kohan: Ich erinnere Dr. Herzl an seine eigenen Worte. Er sagte einmal zu mir, unser Bund ist ein Bund für ein gewisses Ziel, das etwas höher ist, als die breiten Massen jetzt verstehen können. Das antworte ich auf seinen Satz, wir dürfen und können die Brotfrage nicht ausser Acht lassen. Das Volk freilich ist jetzt bereit, sogar in die Hölle zu gehen, so schlecht geht es ihm. Aber wir müssen höher steigen, als das Volk. Wir sind wohl Diener unseres Volkes, aber nicht nur in der Gegenwart, sondern für die ganze Zeit. Deswegen bin ich auch nicht einverstanden mit jenen Parteien, welche eine zeitliche Lösung der ökonomischen Frage vorschlagen. Denn ich bin auch aus ökonomischen Gründen Zionist. Der Zionismus ist eine Bewegung, die langsam verlaufen kann und die das Volk langsam regenerieren muss, um es dorthin zu bringen, wohin es will. Wenn wir Oestier auch mit Ihnen im Wesen einig sind in der Liebe zum Volk, denn Sie arbeiten ja für das Volk, wie wir dafür arbeiten, so ist der Unterschied der, dass Sie den Zionismus mehr als eine Sache der Wohltätigkeit auffassen (lebhafter Widerspruch von Dr. Friedemann und Dr. Klee) und dass Sie eine Opportunitätspolitik inachen, deshalb ist man so sehr für territorialistische Zwecke und nicht so sehr für palästinensische Zwecke. Dieser Politik haben wir öfter widersprochen und wir haben nicht zürn'erstenmal jetzt ein Ultimatum an Dr. Herzl gerichtet. Es geschah schon mehrmals. Der Unterschied ist nur der, dass die Sache in die Oeffentlichkeit gekommen ist, aber nicht durch unsere Schuld. Die Flucht in die Oeffentlichkeit war der ganze Fehler, sonst wäre gewiss im Stillen ein Weg des Friedens gefunden worden. Die Bewegung muss verlieren, wenn Dr. Herzl sich zurückzieht und die Bewegung muss verlieren, wenn wir uns zurückziehen. Prof. Mandelstamm: Es wurde mir der VorwTurf gemacht, dass ich wenig gearbeitet hätte. Ich mache aber den anderen Herren den Vorwurf, dass Sie nicht zu viel, sondern mit zu viel Lärm und Phrasen gearbeitet haben, und so die Aurmerksamkeit auf sich lenkten. Ihre weitere Arbeit bestand darin* dass sie die Organisation störten, wo sie konnten und sich der Disziplin nie fügten. So z. B., als sie gegen den Willen des A.-C. nach Paris fuhren. Sie haben sich dort eben nur eine Blamage geholt. Ich muss ferner dagegen protestieren, dass in dem Zirkularen der A.-C.-Mitglieder ein unglaublich hämischer Ton gegen Dr. Herzl und die Parteiführung herrscht. Dr. Jassinowski wendet sich dagegen, dass hier die Ostafrika-Frage diskutiert wird. Darüber werden wir am nächsten Kongresse sprechen, denn dieser allein ist dazu autorisiert. Wir sind doch nur hier, um zu beraten, wie wir die Beschlüsse des Kongresses auszuführen haben. Drohungen existieren für uns nicht. Ebenso wie ich mich dem Votum des nächsten Kongresses fügen werde, ebenso müssen sich die Herren den Beschlüssen des letzten Kongresses fügen. Dr. Tschlenow protestiert gegen die Bemerkungen Mandelstamms. Er habe in seinen Zirkularen die Situation immer so dargestellt, wie sie ist. Auf eine Anfrage Dr. Herzls erklärt er bestimmt, dass er Mitteilungen, die ihm vertraulich übergeben wurden, nicht weiter gegeben habe. Prof. B e 1 k o w s k y erklärt, warum er und seine Freunde die Bemühungen Dr. Herzls in Russland mit Unbehagen aufgenommen haben. Dr. Herzl ist wohl dazu berufen^ die diplomatischen Verhandlungen nach eigenem Ermessen zu führen und uns darüber zu berichten. In den Fragen der inneren Organisation muss er sich aber stets an uns wenden. Dr. Herzl: Das geschah ja auch immer, aber warum waren Sie nicht zu Hause? Warum ist Tschlenow nicht gekommen, trotzdem ich Sie beide darum gebeten habe? Prof. Belkowsky (fortfahrend): Ich habe in Charkow genauen Bericht über alles erstattet. Ich habe meiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben, dass Dr. Herzl seine Arbeit für Palästina fortsetze, dass er glücklich wäre, den Tag zu erleben, wo wir in Palästina wären, dass er aber, wenn er es in absehbarer Zeit nicht erreichen könne, nicht abgeneigt wäre, eine Heimstätte irgendwo anders zu errichten, als in Palästina. Die Konferenz stellte, wie bekannt, ein Ultimatum, aber nicht gegen Dr. Herzl, sondern für ihn. Wir wollten einfach die Misswirtschaft beseitigen, die in unsere Organisation einzureissen drohte. Das war alles in freundschaftlicher Form gedacht. Nach einer Geschäftsordnungsdebatte wird der Direktor der Bank, Herr W o 1 f f s o h n, eingeladen, an den Beratungen teilzunehmen. Dr. Jassinowski konstatiert, dass die Situation für den Zionismus gegenwärtig eine viel günstigere sei, als vor dem Besuch Dr. Herzls in Russland. Dr. Rosen bäum: In Charkow haben wir eine ganze Reihe prinzipieller Forderungen aufgestellt. Die erste Forderung war die Herstellung des Friedens. In allen Fragen der Taktik wollen wir uns der Majorität fügen. Aber in dem Augenblicke, wo eine Differenz in unserem Lande auftritt, müssen wir auseinander gehen. Der Beschluss des Kongresses muss allerdings ausgeführt werden, das behaupten auch wir alle von Charkow, ausgenommen Ussischkin. Aber zwischen Expedition und Kolonisation gibt es noch einen grossen Unterschied. £)r. Herzl hätte von seinem Standpunkt aus einen Kongress zusammenberufen sollen und ihm die Frage vorlegen sollen, ob wir noch Zionisten sein wollen, oder nicht. Die Leute, die für Zion sind, haben mit denen, die für Uganda sind, nicht mehr gemeinsame Ziele. Wir wollen daher klare Antwort auf die Frage, .was soll mit der Expedition erreicht werden? Will man nur diese, oder will man, wenn die Bedingungen gegeben sind, auch wirklich eine Aktion einleiten? Dr. Scheinkin wiil Aufklärung darüber haben, was an der Nachricht wahr sei, dass in Palästina Land gekauft werde. Er will ferner wissen, wras Herzl für Palästina jetzt tue. Er fragt weiter, ob man in Palästina nicht auch das erreichen könne, was eventuell in Ostafrika zu haben sei. Sollte sich die Antwort darauf nicht für die Oeffentlichkeit eignen, so sollte hiefür eine besondere Kommission gewählt werden. Denn nur mit einer klaren Antwort könne man allen Uebertreibungen und allen Entstellungen entgegentreten. Den Zionismus fasse er nicht als Brotfrage auf, denn er sage seinen Leuten immer, jetzt sollt ihr nichts haben, jetzt sollt ihr aber geben. Dr. 'FrieSemann plaidiert für den Frieden in der Partei. Derselbe wird bedroht durch die wiederkehrende Beschuldigung, die deutschen Zionisten seien nicht so gesinnungstüchtig, wie die des Ostens. Dieser Vorwurf sei sehr falsch und überdies sei es viel schwieriger für einen Deutschen, Zionist zu werden, als für einen Russen, der schon durch die Verhältnisse dazu gezwungen werde. Wenn die Charkower Herren glauben, die Bewegung hänge in ihrem Bestreben von ihnen ab, so seien sie bedauerlich im Irrtum. Die Idee besteht nicht wegen der Mitarbeit von ein Paar Herren, sie ist und wird sein, unabhängig von den Personen. Der Zionismus hänge aber auch nicht, wie vielleicht andere glauben, davon ab, ob wir unser Ziel heute oder morgen erreichen. Der Zionismus kann warten und es ist kein Anlass, nervös nach irgend welchen Erfolgen auszusehen. Sie stellen ein Ultimatum an Dr. Herzl. Hat er etwas anderes getan, als er nach den Kongressbeschlüssen tun musste? Und wenn er nun die gewünschte Zusicherung nicht gibt? Wenn der einzige Mann seine Demission gibt, der zur Leitung der Partei fähig ist? Soll etwa Ussischkin dann ihn ersetzen? Wenn Sie den Mann, der nach 18 Jahrhunderten die geschichtliche Arbeit der Einigung des Volkes unternommen hat, für einen schlechten Zionisten erklären, so blamieren Sie die ganze Bewegung und lähmen sie auf Jahre hinaus. Sie reden so viel von den Pflichten Herzls: Sie haben auch Pflichten, nämlich den von Ihnen begonnenen Zwist wieder beizulegen und uns die Einigkeit wiederzugeben. Mit einem Ultimatum sprengen Sie die Partei. Wir müssen einen Weg finden, brüderlich miteinander zu arbeiten und das kann nur geschehen, wenn jeder ein Opfer bringt. Es muss Frieden werden, das verlangt unser Volk mit Recht von uns. Ich sage Ihnen, dass der Frieden der Herzenswunsch der deutschen Zionisten ist. Dienstags- (Vormittag-) Sitzung. Die Diskussion über die Erklärung Dr. Herzls wird auch Dienstag fortgesetzt. Dr. Herzl gedenkt zunächst des dahingeschiedenen Gg. Losinsky, der uns ein guter und braver Kamerad war. Das Wort in der Debatte ergreift Herr Dr. Jelsky: ,,Aus Mitleid mit uns selbst sind wir zum Zionismus gekommen. Es war also auch eine philanthropische Sache. Wir haben eingesehen, wir müssen uns erlösen und müssen uns in das Land flüchten, von dem die Bibel spricht: „Zion!" Man sagt, das Volk will nur Ideale. Ich lebe aber auch im Volke und weiss, das Volk will vorerst Brot. Dieses Volk und sein Elend muss man gesehen haben, um diese Brotfrage zu verstehen. Ein Talmudwort sagt: ,,Es ist das Hören mit dem Sehen nicht zu vergleichen." Was wir alles gesehen haben, hat Dr. Herzl nicht gesehen und doch ist er aus seiner Ueberzeugung heraus Zionist geworden. Wenn Sie, meine Herren verstehen, dass die Einigkeit das Alpha und Omega unserer Bewegung ist, dann müssen Sie auch zugeben, dass es niemals Streitigkeiten und Uneinigkeiten geben darf. Wenn wir dieses nicht erfasst haben, so wird dasselbe nicht lange dauern und wir werden alle die Narren sein. Dr. jakobsohn: Auch wir alle wünschen die Einigkeit. Für uns ist nur die Frage, wie es gemacht werden kann.

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