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Die Welt · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bis * W$lt" Nr. 15 Erzväter in eine Beleuchtung, die unser Auge ergötzt. Die Bibel will eben nicht bloss die Persönlichkeit, sondern auch deren Macht, nicht bloss die Schönheit, sondern auch deren Zauber plastisch hervortreten lassen, und dies ganz besonders bei Rebekka, Eahel und Josef. An dem Knechte Abrahams, der mit seinen Kamelen am Brunnen vor der Stadt des Nahor lagert, geht Rebekka mit ihrem Krug auf der Schulter ohne aufzublicken keusch und züchtig vorüber, um zur Quelle hinabzusteigen; sie bleibt nicht eine Sekunde länger unten, als zum Füllen des Kruges nötig ist, und steigt behend empor. Der Knecht, der vorher kaum Zeit gehabt, sie des näheren zu betrachten, . der nur gemerkt, dass sie schön von Ansehen sei, dass sie in Gang und Haltung jungfräuliche Anmut verrate, er hat sie jetzt beim Wasserschöpfen genau beobachtet und ist von ihrer ganzen Erscheinung derart bezaubert, dass er nicht warten kann, bis sie zu dem Trog kommt, sondern ihr entgegenlaufen muss. In dem Augenblick jedoch, da er ihr ganz und voll ins Antlitz, in die Augen sehen kann, verschlägt's ihm fast die Sprache; der kurze Satz, mit dem er sie anreden wollte, ist ihm aus dem Gedächtnis geschwunden; anstatt „neige doch deinen Krug, dass ich trinke", sagt er, „kss mich doch schlürfen etwas Wasser aus deinem Krug". Der Unterschied liegt nicht darin, dass die Bitte weniger höflieh klingt, sondern dass der Knecht in seiner Verlegenheit, wie es scheint, Dialekt zu sprechen anfängt. Rebekka gwährt ihm weit mehr, als um was er gebeten; sie schöpft für alle Kamele, und er ist so sehr in ihren Zauberbann geraten, dass er ihr, ohne zu wissen, wer sie sei, das herrliche Geschmeide anlegt. Das ist allerdings ein "Vorgehen, das nüchterne Buchstabenmenschen sich nicht zu erklären vermögen, aber wer die Verwirrung nachfühlen kann, in welche eine entzückende Jungfrau auch den gesetztesten Mann bringen kann, der wird es wohl begreifen, dass der Knecht nicht anders handeln konnte, dass er der anmutsvollen Schönheit seine Huldigung darbringen musste. Im Eltcrnliause Rebekkas schildert er, freilich nur ihretwillen, den Vorgang anders, aber er selbst hatte keine Ursache, seiner Uebereilung sich zu schämen; denn Rebekka war nicht allein bezaubernd schön, sondern, im Gegensatz zu ihrem Bruder Laban, auch wahrhaftig. Woher wir das wissen? 'Nun, aus einem Bibelvers, mit welchem die allermodernsten Exegeten nichts Gescheites anzufangen wissen. Der Knecht hatte zwei Fragen an Rebekka gerichtet: „Wessen Tochter bist du, sage mir doch; ist Deines Vaters Haus ein geeigneter Ort für uns zu übernachten? Und sie sprach zu ihm : die Tochter Be~ thuels bin ich." Sie stellt sich ihm vor, dann macht sie eine kurze Pause; sie stockt, aber nicht lange. „Und sie sprach zu ihm: wir haben Stroh und Futter in Menge, auch einen Ort zu übe machten/' 14) -Nach Stroh und Futter hatte der Knecht sie nicht gefragt, sondern ob für ihn und seine Leute ihr Vaterhaus ein zum Uebernaehten geeigneter Ort sei, und das bejaht sie keineswegs, sondern sagt bloss, dass daselbst auch. Raum ist, zu übernachten. Ob der Platz für den Fremden und seine Begleitung geeignet ist, wagt sie nicht zu entscheiden. Anderer Art, als der Eindruck Rebekkas auf den alten Knecht, war der Raheis auf den jungen Jakob. Ich habe zwar schon das in dem Verhalten Jakobs sich abspiegelnde Wesen Ruheis mit seinem ganzen Zauber hier zu zeichnen versucht15) und werde mich auch hüten, bereits Gesagtes zu wiederholen, aber die Schilderung der Bibel selbst kann nicht oft genug gelesen werden. „Und als Jakob Rahel, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter sah und die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, da trat Jakob heran und wälzte den. Stein von der Brunnen-Oeffnung und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter."16) Als wäre ein elektrischer Strom auf ihn von Rahel ausgegangen, muss Jakob mit einer Kraftleistung allerersten Ranges sich bei ihr einführen, und gewiss ist es die im Ku erwachende himmlische Liebe, die solche Riesenkraft verleiht, aber womit Rahel ihn ganz besonders bezaubert, ist die frappante Aehnlichkeit mit seiner Mutter; dadurch ist ihm die Fremde sofort zur Heimat geworden; er braucht gar nicht erst in das Haus Labans zu ziehen, er ist zu Hause, denn er sieht hinter Rubel die eigene Mutter stehen. So hat meine Muter in ihrer Jugend ausgesehen! Und. dieser Gedanke überwäligt Jakob derart, dass <3r Rahel küssen muss, noch bevor er ihr unter Tränen sagt, wer er ist. Die Liebe Jakobs für Rahel war eine den Tod überdauernde; denn er hat Josef nicht bloss dessen-, sondern auch um dessen. früh verstorbener Mutter willen mit besonderer Innigkeit geliebt. Dieser Josef ist das Ebenbild seiner Mutter gewesen; das flüstern uns die verschiedenen Bilder zu, die wir von ihm haben. Josef ist ein Lieblingssohn, nicht bloss Jakobs, sondern auch der Bibel, und die hat uns gleichsam eine ganze Galerie von ihm aufbewahrt. Wie eine Mutter ihr Kind in jedem Lebensalter pliotographieren lässt, hat die Bibel diesen ihren Josef in jeder neuen Lebenslage, in jeder neuen Lebensphase mit Künstlerhand aufs neue gemalt. Gewöhnlich meint man, das schönste Bild Josefs sei jenes auch von modernen Künstlern ausgeführte, auf welchem die sinneberückende Leidenschaft ihre Fangarme vergeblich nach ihm ausstreckt; das ist ein Irrtum. Josef im Kerker ist weit schöner, weit grösser, weit herrlicher, als im Gemach der Frau Potiphars. Josef im Kerker ist eine hehre Sonnen-Natur, eine Lichterscheinung, vor welcher selbst die Finsternis des Gefängnisses die Flucht ergreift; Josef im Kerker ist ein Häftling mit einem Engelskopf. „Sie engten seinen Fuss in Fessel, bedrückten ihn mit Eisen,"17) aber was bedeuten diese eisernen Ketten, nachdem er die. Stricke der Yerführungskunst wie Werg zerrissen. Zum Schein, haben sie ihn verurteilt; Niemand hält ihn für schuldig; denn nicht der in seiner Ehre gekränkte Gatte, sondern der gestrenge Herr liess den Diener in den Kerker werfen. Und dort wurde er sofort als ein unschuldig Yerurteilter erkannt und behandelt. Kerkermeister sind die zuverlässigsten Menschenkenner; sie verstehen sich nicht bloss auf Verbrecher- Naturen, sondern auch auf Tugendräuber, und diesen angeblichen Tugendräuber macht der Kerkermeister zu seinem Stellvertreter. Alles, Avas dort geschah, geschah, durch ihn, durch Josef. Vor seiner Heiterkeit floh die Schwermut der Gefangenen, vor seiner Hoffnungsseligkeit die Verzweiflung der Gefesselten, vor seiner Schaffensfreudigkeit die Trägheit der Arbeitsscheuen; so wirkte er erhebend und veredelnd auf seine Leidensgenossen, und so hat er bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört, während unseres, ganzen Lebens auf unser Fühlen und Empfinden den mächtigsten Einfluss auszuüben. Mit diesen Erzählungen, Avelche uns durch ihre Kunstform ans Herz greifen und nachhaltige Gefühle in uns wachrufen, wechseln im. Buche der Genesis solche ab, welche vorwiegend an unseren. Verstand sich wenden und uns zum Nachdenken nicht allein herausfordern, sondern geradezu nötigen. Es sind vorzüglich jene biblischen Geschichten, in welchen der Held oder die Heldin den Mund zu einem kurzen Satze öffnet; und je knapper die Worte, umso mehr Gedanken verbergen sich dahinter, je gemessener die Rede, einen umso tieferen Einblick gewährtsie uns in das Leben der Seele, je gedrängter die Sprache, umso mehr, umso tiefer müssen wir denken lernen. (Schluss folgt.) 14) Ebendaselbst V. 23—25. 15) Frauen der Bibel, p. 10. 16) 1. B. M. 29, 10. 17) Ps. 105, 18.

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