Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316089--45616-3340432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 „Di* # W^It" Seite 7 sie als eine der interessantesten Aufgaben für eine ernste» und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind das älteste Volk, das als Träger des reinen Monotheismus dasteht und eben wegen der Reinheit des Gottesglaubens das Sittengesetz und seine Betätigung im Leben als eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubens hingestellt und festgehalten hat. Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Roheit, des geistigen und sittlichen Verfalls, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuwreilen, wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das Minen nur halbwegs menschliche Existenz liess, hat nur den Erfolg gehabt, sie zu veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." Und sie läuft darauf hinaus, dass die Juden in ununterbrochener Geistesarbeit jedes Gebiet der Wissenschaften anbauen, fortbilden und den am Ende des Mittelalters endlich erwachenden Nationen überlieiern. Sie sind die Begründer wissenschaftlicher Sprachkunde, sie sind „der Borniertheit und Unwissenheit des christlichen Klerus" gegenüber die Einzigen, welche eine eindringende Kenntnis der heiligen Schriften erhalten und fördern, weil sie jahrhundertelang die Einzigen sind, welche die Kenntnis der morgenländischen und abendländischen Sprachen in sich vereinigen; sie sind die Einzigen, bei welchen die freie Entwicklung der Gedankenarbeit in Philosophie und besonders in Religionsphilosophie Raum findet, welche die Ethik in einer Weise ausbauen, wie kein anderes Volk. Sie sind es insbesondere, bei denen ganz ausschliesslich eine wissenschaftliche Bearbeitung und Fortbildung der Medizin stattfindet, sie beteiligen sich erfolgreich am Fortschritt der Astronomie, sie gründen die berühmten Schulen von Montpellier und Salerno und tragen wesentlich zum Aufblühen von Padua bei. Wenige Jahre nach der Erfindung der Buchdruckerkunst haben sie schon in vielen Städten vorzügliche Druckereien. Schleiden hatte die Genugtuung, dass diese die Bedeutung der Juden nach Gebühr würdigende Schrift mehrfach aufgelegt und in mehrere fremde Sprachen übersetzt wurde. Zur Vollendung seiner Arbeit gehörte noch ein historischer Ueberblick über „die Romantik des Martyriums bei den Juden'4, der 1878 erschienen ist. Er ist mit seinem Herzblute geschrieben und mit heissen Tränen benetzt. Er hält den Christen einen getreuen Spiegel vor, was sie mit ihrer „allgemeinen Menschenliebe" aus einem edlen Volke gemacht haben. „Der Christ steht gegenwärtig dem Judentum gegenüber, wie ein Mann der Asche und den rauchenden Trümmern eines herrlichen Tempels, den er selbst in Brand gesteckt. Wenn noch eine Faser sittlichen Gefühls in ihm zuckt, so muss ihn Reue und tiefe Scham erfüllen und er muss alle Mittel ergreifen, um frühere Schandtaten zu sühnen." Und doch ist leider noch nicht abzusehen, wann für uns d B e S t fu n d e des Betfreiungsfe&tes 'schlagen wird. B. Mün z. Zum Passahfest der deutschen luden. Es gibt Leute, die keineswegs optimistisch sind und doch glauben, der Antisemitismus beginne in Deutschland ein wenig abzuflauen. Sie führen für ihre Ansicht die wiederholten Auszeichnungen jüdischer Kapazitäten an, einzelne Beförderungen, wie die des Oberlandesgerichtsrates Sommer, die eines hessischen Juden zum Richter, die auch kürzlich an dieser Stelle erwähnte Aeusserung des Kriegsministers v. Einem, dem Eintritt von Juden ins Heer als Ctffiziere ständen weder gesetzliche, noch Verwaltungsbedenken entgegen. Auch gesellschaftlich soll eine geringe Besserung der Verhältnisse hier und da bemerkbar werden. Es ist sehr schwer, derartige Dinge unter die Lupe zu nehmen; wenn aber überhaupt eine Besserung erfolgt ist, so ist sie minimal und die deutschen Juden werden gut tun, sich keinen allzugrossen Hoffnungen hinzugeben. Was bei uns an Hass und Verachtung ausgesät worden ist, wird noch lange Jahrzehnte hindurch das Volksleben vergiften. Die deutschen Juden haben noch immer kindliche Vorstellungen, als ob ein Machtwort von oben her ihnen die verlorenen Stellungen wiedergeben könne. In Wirklichkeit ist dem Volksinstinkt gegenüber auch der Höchste im Staate ohnmächtig und diesem Volkstrieb will man auch gar nicht entgegentretet! — wir sind ja kein Machtfaktor. Immerhin geniesst der deutsche Jude die Segnungen des Rechtsstaates, er hat festen Boden unter den Füssen und kann kämpfen. Anders der Ausländer. Da man sich in den christlichen Staaten noch nicht zu der Höhe des Satzes aufgeschwungen hat, dass ein Gesetz herrschen soll für den Einheimischen und den Fremdling, so kann der Letztere täglich aus dem Lande verjagt werden, wenn er sich „lästig macht'4. Für gewöhnlich macht man von dieser Bestimmung nur gegenüber bestraften Personen Gebrauch — und gegenüber armen russischen Juden. Jetzt ist eine grössere Zahl russischer Studenten von der Mass« regel betroffen worden. Bekanntlich sind schon seit längerer Zeit Bestrebungen von antisemitischer Seite in Gang, um den Ausländern, besonders den Russen (lies Juden), den Besuch unserer Hochschulen zu beschränken. Es wäre verständig gewesen, diesen Bestrebungen keine Nahrung zu geben. Leider hat ein Teil unserer ausländischen Brüder die Situation nicht begriffen. Als der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzler sich im Reichstag gegen die sozialistische Agitation 'einzelner Ausländer wandten, protestierten die Russen öffentlich gegen diese „Beschimpfung" und sandten den Protest dem sozialistischen „Vorwärts1*. Darauf antwortete die Regierung, indem sie 14 russische Studenten ausweisen liess. Insoweit Juden in Frage kommen, haben diese eine schwere Verantwortung au^ sich geladen. Denn sie bestimmen durch ihr unkluges Vorgehen nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das von minderten Anderer. Was jetzt kommt, das zeigt die folgende Auslassung der nieist offiziös bedienten ,,Kölnischen Ztg.": „Unsere Universitäten sollen Bildungsstätten sein und keine Tummelplätze für politische Leidenschaften. Von unseren eigenen Studenten wünschen wir, dass ihr Patriotismus rege erhalten werde, und dass sie auf der Universität eine kräftige und bewusste Stärkung ihres Nationalgefühls erhalten. Wir möchten aber nicht, dass sie sich in die eigentliche Politik einmischen, für deren richtige Beurteilung ihnen naturgemäss noch die Reife und die Befestigung durch Erfahrung fehlt. Diese Forderung aber gilt in noch dringlicherer Weise für die Ausländer, denen das Recht der Gastfreundschaft die Pflicht auferlegt, dem Staatswesen, das sie aufgenommen, keine Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn die jetzigen Ausweisungen die Folge haben sollten, dass wir in Zukunft von solchen Elementen verschont bleiben, so könnten unsere Universitäten dadurch nur gewinnen. Einstweilen wird man in noch schärferer Weise, als es bisher geschehen ist, bei der Zulassung der Einzelnen zu prüfen haben, ob sie infolge einer ausreichenden, der deutschen ungefähr gleichkommenden Vorbildung auch die Kenntnisse und Eigenschaften besitzen, die Voraussetzung einer nützlichen Unterrichtserteilung auf der Universität bilden. Gerade bei manchen Russen, die sich jetzt bei uns unnütz gemacht haben, dürfte das nicht zutreffen, und diesen Elementen werden in Zukunft unsere Universitäten zu verschliessen sein. Es liegt gar kein Grund vor, in dieser Beziehung die Ausländer besser zu behandeln, als unsere eigenen Landsleute, die auch für die Zulassung zum Studium gewisse Forderungen erfüllen müssen."