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Die Welt · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bi* # W^lt" Nr. 15 schloss mit einer geistreichen Rede des Jubilars, der den Wunsch aussprach, die hebräische Sprache, zu deren Ehren seine 25jährige Tätigkeit in so überschwenglichem Lobe gefeiert werde, möge Eigentum des ganzen jüdischen Volkes werden; es wäre dies der schönste Lohn seiner Arbeit. Gegen 4 Uhr morgens schieden die Gäste von ihrem gefeierten Jubilar mit dem befriedigten Bewnsstsein, ein seltenes herrliches Fest der auferstandenen hebräischen Sprache gefeiert zu haben. -—z. Mathias Jakob Schleiden (geboren am 5. April 1804, gestorben am 23. Juni 1881). Zu seinem hundertsten Geburtstage. Schieiden war kein Mensch und Gelehrter gewöhnlichen Schlages, sondern -eine Persönlichkeit von ganz eigentümlicher und hervorragender Bedeutung. Sein eigentlicher Lebensberuf war der des Naturforschers, speziell des Botanikers. Nach absolviertem juristischen Studium in Heidelberg widmete sich der 23jährige Schleiden in seiner Vaterstadt Hamburg der Advokatenpraxis, die ihn aber so wenig befriedigte, dass er im Jahre 1831 nach Güttingen übersiedelte, um dort Medizin zu studieren, liier gewann ihn Bartling für die Botanik und wusste ihm insbesondere auch für die Schematik so grosses Interesse einzuilössen, dass dadurch wohl der Grund, zu der allseitigen Durchdringung des Gesamtgebietes der Botanik gelegt wurde, welche Schleiden später in so hohem Grade auszeichnete. In Berlin ging er unter Anleitung seines Onkels, des Professors Horkel, im Verkehr mit Alexander von Humboldt und unter dem anregenden Einflüsse Robert Browns, der damals gerade in Berlin weilte, ganz zur Botanik über. Der Zustand der botanischen Literatur vor 1840 war ein höchst unerquicklicher. Zwar fehlte es nicht auf den verschiedensten Gebieten der Systematik, Morphologie, Anatomie und Physiologie an hervorragenden Leistungen. Allein eine Zusammenfassung alles dessen, was sich von wertvollen Kenntnissen in der Botanik angesammelt hatte, fehlte durchaus, noch mehr aber eine kritisch-systematische Behandlung des Ganzen. Im Grunde wusste niemand, wie reich schon damals die Botanik an wichtigen Tatsachen war, am allerwenigsten konnte man aus den Lehrbüchern jener Zeit ein Urteil darüber gewinnen; sie waren leer an leitenden Ideen und Maximen, angefüllt mit einer überflüssigen Nomenklatur, die ganze Behandlung war trivial und abgeschmackt, das eigentlich Wissenswerte, das sie den Lernenden hätten überliefern sollen, enthielten sie überhaupt nicht. Der alte Schematismus der Linne'schen Schule herrschte. Da trat zur rechten Zeit Schleiden auf den Plan. Er verstand es, die träge Beharrlichkeit aus ihrer Lethargie aufzurütteln, den Zeitgenossen nicht bloss in Deutschland, sondern überall, wo Botanik getrieben wurde, zu zeigen, dass es auf diese Weise nicht wTeiter fortgehen dürfe. Sein Werk: „Die Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik" (1842), das mehrere Auflagen erlebt hat, verdient hauptsächlich wegen der methodologischen Einleitung den Namen einer epochemachenden, reformatorischen Tat. Die induktive Methode der Forschung hatte sich zwar bereits in einigen Wissensgebieten einen sicheren Platz errungen, so namentlich in den mathematischen Naturwissenschaften, in der Astronomie, Physik und anderen; aber die übrigen, insbesondere Zoologie und Botanik, folgten ganz anderen Wegen, die jeder klare und gesunde Kopf als Irrwege erkennen musste. Sie litten unendlich unter dem Taumel der Schelling-riegel'sehen Philosophie. Besonders aber schadete ihnen Schilling durch seine spekulative Naturphilosophie, in der er alle Maturphänomen aus spekulativen Spielereien ableiten wollte. Schleiden warf nun in seinen „Grundzügen4' in das leicht entzündliche Gebäude der Schelling'schen Dialektik in ihrer Anwendung auf die Botanik eine Brandfackel. Er schuf seine Wissenschaft mit einem Schlage zu einer modernen Wissenschaft um, wies zum erstenmal auf das Ziel def Botanik als einer induktiven Wissenschaft hin, die sich nicht bloss zu begnügen habe, die Pflanzenformen als fertige Gebilde hinzunehmen, zu beschreiben, zu ordnen, sondern vielmehr im Studium der Entwicklungsgesetze des pflanzlichen Lebens ihren Inhalt finden, kurz, die Pflanzenwelt in ähnlichem Sinne zu behandeln habe, wie die Physik und die Chemie die anorganische Materie. Während seiner höchsten Blütezeit fand er noch Müsse zur Belehrung des gebildeten Publikums durch populär-wissenschaftliche Vorträge. So entstand ein Buch unter dem Titel: „Die Pflanze und ihr Leben4', das seinen Ruhm über die ganze Erde verbreitete und in alle Kultursprachen übersetzt wurde. Darstellungsweise, Sprache und Behandlung des Stoffes sind von keinem späteren Werke übertroffen worden. Die wissenschaftliche Bedeutung und Wirkung eines Menschen spiegelt sich oft in seinen Lebensschicksalen in einem ganz wunderbar verkehrten, ja oft geradezu umgekehrten Bilde ab, denn nur selten vermochte die Welt Zeitgenossen zu würdigen. Das musste auch Schleiden an sich erfahren und daher ist es durchaus nicht unfruchtbar, auf seinen Lebensweg ein Schlaglicht zu werfen. Er hatte sich im Jahre 1839 in Jena niedergelassen und wurde zwar bald zum ausserordentlichen Professor, aber erst 1850 und keineswegs ohne vorhergehende Kämpfe und Schwierigkeiten zum Ordinarius und Direktor des botanischen Gartens ernannt, und schon 1862 sah er sich durch allerlei unangenehme Verhältnisse, die in der Selbständigkeit seines Charakters wurzelten, veranlasst, seinen Abschied zu nehmen. Wohl erhielt er sehr bald einen glänzenden Ruf nach Dorpat, aber seine in freisinnigem Geiste gehaltenen Vorlesungen brachten ihn allzuschnell in derartige Verwicklungen mit der russischen Geistlichkeit, dass er schon nach einem Jahre um seinen Abschied bitten musste, der ihm auch von Alexander II. mit voller Pension gewährt wurde. Die lange, unfreiwillige Müsse nützte er zu allerlei Studien teils naturwissenschaftlicher, teils philosophischer und kulturhistorischer Richtung aus und hinterlegte deren Resultate in zahlreichen Publikationen. In seinen letzten Lebensjahren wendete er sich mit dem grössten Interesse dem Judentum und seiner mittelalterlichen Geschichte zu. Dieses warme Interesse entsprang aus dem Bestreben, allen selbständigen Geistesrichtungen möglichst gerecht zu werden, sich den tolerantesten und humansten Zeitrichtungen durch ein energisches Votum anzuschliessen und dadurch „einen Teil des unsäglichen Unrechts, welches die Christen an den Juden begangen haben, wieder gut zu machen". Den ersten Anlass dazu mochten allerdings seine Arbeiten über Geschichte der Botanik gegeben haben, die ihn zu den Wrerken des Albertus Magnus führten. Dessen Verhältnis zu Thomas von Aquino, dessen Abhängigkeit von Aristoteles und von arabischen Schriftstellern legten ihm die Frage nach den vermittelnden Fäden, die sich zwischen diesen Forschern spannen, nahe. Immer weiter führte ihn die Untersuchung, und so eröffnete sich ihm zuletzt ein Einblick in ein Verhältnis, das unsere grösseren Geschichtswerke gänzlich mit Stillschweigen übergehen und das doch für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit von ausserordentlicher Bedeutung ist. Eine kurze und übersichtliche Darstellung des von ihm Gefundenen enthält die Abhandlung: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter", welche mit den erhebenden Worten beginnt: „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, und wenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung einiasssen will, darf man sie wohl das „auserwählte Volk Gottes" nennen. Schon dass sie sich fast 2000 Jahre lang trotz der schwersten und blutigsten Verfolgungen, die sie von Heiden, Mohammedanern und Christen zu erdulden hatten, als ein Volk, und bis zum heutigen Tage ihren ursprünglichen geistigen Charakter treu nicht nur erhalten haben, sondern sich auch fort und fort ausbreiten und in günstigerem Verhältnis als irgend ein anderes Volk vermehren und zwar unter jedem Klima, Iässt

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