Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „bi* ❖ W^lt" Seite 3 machen will vom Ghettoleid und Ghettosinn und die zum aufrechten Eigenleben wilh Durch eigene Arbeit. Die Juden haben niemals viel Sinn für die Geschichte gehabt. Und haben nie in historischen Erinnerungsduseleien geschwelgt. Vergangenes: „Gewesenes" lebte nur, wenn die Gegenwart ein Wiedererwachen alter Geschehnisse schien. Und so drängten unsere Lehrer, das Passahfest nie als Erinnerung, als Geschichtsfeier zu begehen: „In jedem Zeitalter ist jeder Jude verpflichtet, es so anzusehen, als sei er selbst aus Egypten ausgezogen, wie geschrieben steht: Dies beobachten wir, weil unser Gott m i r also tat, als ich auszog. So ist Passah das typische Fest, das sich immer mit neuen Inhalten verjüngt — ein lebendiges Fest. Ein Fest des Lebens. Auch die Vergangenheit wird zur Gegenwart. Und der starke Gegenwartssinn, den Passah uns weckt, erschöpft sich uns nicht in Gebet und Hoffnung — sondern in eigener Arbeit, für die eigene Zukunft im eigenen Lande der Freiheit. Baron Hirsch und Palästina. Mr. Adam R o s e n b e r g, ein New-Yorker Advokat, einer der ältesten Choveve Zion in New-York, veröffentlicht in der Märznummer des Maccabaean ein sehr interessantes Dokument, das die wahren Ansichten Baron H i r s c h s über die Palästina-Kolonisation darzulegen geeignet ist. Wir veröffentlichen dieses Dokument — ein Memorandum — in deutscher Uebersetzung. Baron Hirsch hat es nach der Pariser Versammlung im Jahre 1891 verfasst, an welcherRabb. Mohilewer, S. P. Rabinowitz, CoL Goldsmid, Erlanger, Zadoc Kahn und Rosenberg teilnahmen. Ein NUmorandum über das Projekt der Auswanderung aus Russland und über die Gründung einer Agrarbank in der asiatischen Türkei. Ich habe Kenntnis genommen von dem Protokolle der Verhandlungen der Versammlung, die am 22. Juli 1891 in Paris getagt hat, und an der teilgenommen haben : einerseits mehrere Mitglieder des Zentralkomitees der „Alliance Israelite Universelle" mit Möns. Zadoc Kahn, Grand-Rabbin von Frankreich, an der Spitze, und andererseits die Delegierten der russischen Vereine zur Förderung der Kolonisation Palästinas. Diese letzteren haben sich vorgenommen und haben es auch durchgesetzt, von der Alliance die Gutheissung und die moralische Unterstützung zu Gunsten ihres Planes zu erlangen. Ihr Plan geht dahin: a) Kolonien von russischen Juden in der asiatischen Türkei, namentlich in Syrien und Palästina zu schaffen; b) eine Agrarbank zu errichten, die mit allen förderlichen Mitteln diese Kolonisation erleichtern soll. Ich habe in Paris mehrere Delegierte empfangen, die mir mündlich ihre Ideen und ihren Plan auseinandersetzten; sie schickten an mich ausserdem einen Brief mit einem beiliegenden Memorandum über den Plan ihrer Unternehmungen, urn meine Beistimmung und Patronanz für die Sache zu gewinnen. Ich habe davon Kenntnis genommen. Ich habe den Herren Delegierten bereits während ihres Besuches die Gründe dargelegt, weshalb ich ihre Anschauungen nicht teilen und das Projekt der Kolonisation der asiatischen Türkei nicht rückhaltlos approbieren könne. Es ist ihnen nicht unbekannt, dass, wenn sie sich meinen Ansichten anschliessen wollen, sie ihren Standpunkt, den sie bisher beinahe ausschliesslich eingenommen haben, nämlich den der religiösen Erinnerungen und der historischen Ueberlieferung, zum Teile ändern müssen. Mögen diese Erinnerungen noch so gross und ehrwürdig sein, sie bilden doch keine genügend feste Unterlage, um die Auswanderer in ihrer neuen Heimat vor neuem Unbill und neuem Unglück zu sichern. Die Herren Delegierten wissen, dass es meiner Meinung nach die Pflicht aller derjenigen ist, die das wirkliche Wohl unserer Glaubensgenossen im Auge haben, das Projekt der Kolonisation der asiatischen Türkei nur mit dem ausdrücklichen Vorbehalte sehr eingehender Vorstudien anzunehmen, von denen ich später sprechen werde. Nachdem ich ihnen gegenüber meine Meinung geäussert hatte, habe ich hinzugefügt, dass ich völlig geneigt sei, um mein grosses Bestreben, ihnen nützlich zu sein, zu zeigen, ihnen bei den Unterhandlungen in Konstantinopel behilflich zu sein, und zu ihren Delegierten noch einige meiner Wahl hinzuzugesellen, sowohl um an Ort und Stelle eine Erforschung der tauglichen Oertlichkeiten, die man eventuell wählen könnte, vorzunehmen, als auch, um von der Regierung die bestmöglichen Bedingungen zu erlangen. Man kann doch im Ernste nicht blindlings eine Kolonisation beginnen, und man muss der Emigrationsbewegung ein ernstes und tiefes Studium vorangehen lassen. Man muss deshalb vor allem eine Kommission aus drei oder fünf fachkundigen Personen einsetzen; sie wird zur Aufgabe haben, an erster Stelle die für die Kolonisation geeignetsten Oertlichkeiten und Landstücke auszuwählen, dann, sich mit den Behörden in Verbindung setzen müssen, um die gewählten Grundstücke zu den besten Bedingungen zu erwerben, Es ist klar, dass man, wenn man das Prinzip der Kolonisation in der asiatischen Türkei akzeptiert, damit beginnen muss. Nur auf diese Weise werden diejenigen, welche beauftragt sein werden, die Grundstücke auszuwählen, und die die Verantwortung für diese Sache auf sich nehmen wollen, Zeit haben, sich genau durch persönliche Beobachtung zu unterrichten, und in der Lage sein, die Unterhandlungen darnach zu führen. Dieses Vorstudium, welches in den Angelegenheiten der eigentlichen Kolonisation so dringend notwendig ist, ist es nicht weniger auch vom Standpunkte der Schaffung einer Agrarbank. Nach dem mir von den russischen Delegierten unterbreiteten Plane sollte diese Bank dazu dienen : 1. Um verzinsbare und amortisierbare Anleihen gegen Hypotheken zu geben und zwar: a) den neuen Siedlern, welchen ihre eigenen Mittel nicht ausreichen, um auf ihren Grundstücken die nötigen Einrichtungen, Saaten und die nötige Bearbeitung bis zum Momente, in dem die Ertragsperiode beginnt, vorzunehmen, b) den bereits angesiedelten Kolonisten, um ihnen die Amelioration und die Abrundung ihrer Ländereien zu ermöglichen. 2. Um den Armen, welche sich als Arbeiter in den Kolonien oder in den Privatbetrieben verdingen werden, eine Zufluchtsstätte und einen Verdienst zu gewähren. 3. Um den jüdischen Kolonisten, die aus Russland kommen, den Bodenkauf in der asiatischen Türkei zu ermöglichen. 4. Um die Emigrationsbewegung, welche bisher unordentlich und vollkommen planlos war, auf eine sichere und systematische Weise nach diesem Lande zu lenken. Dieses Programm ist theoretisch ausgezeichnet; aber bevor man die Organisation eines derartigen Unternehmens beschliesst und a priori die verschiedenen Dienstzweige bestimmt, wird es sehr nötig sein, zu ermitteln, ob die organischen Verhältnisse der Kolonisation ein so ausgedehntes Programm erheischen.