Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bis * Weit" Menschen die in Wintersnöten schwach gewordene Kraft der Verjfingungshoffnung bringt. Aber mit der kräftiger einwirkenden Differenzierung des »Naturmenschen" zum Volksglied und mit ,;dem klareren Bewusstwerden der Eigenart wächst sich zugleich die Erinnerung an den Wechsel der Jahreszeiten aus zur Erinnerung an den Wechsel der Zeitinhalte auch lür den Menschen: zur Geschichte. Und so drängen in die Naturfeste historische Ideen ein. Die Erde wird frei der Knechtschaft des Winters, Israel aber wird frei der Knechtschaft der Aegypter. Und neben diesem Feste nationaler Freiheit versinkt allmählich der Kult der Wandlung in der Natur bis auf Spuren, freilich auf deutliche Spuren. Und dann die Vertreibung. In alle Winde werden gejagt, die einst auf dem Heimatboden sassen. Ein wilder Wandertrieb bildet sich unter der Einwirkung der kräftigen Stösse. Nirgends können die Juden mehr einwurzeln. Das Brot, das sie essen, ist nicht auf ihrem Grunde gewachsen. Nicht ihre Mühe hat es eigener Erde entlockt Wo bleiben da noch die letzten Reste alter Naturvorstellungen? Aber der historische Sinn des Festes steigert im wechselnden Jammer der Tage die Erinnerung an die Befreiung von Aegypterketten zu einer gigantischen Zukunftshoffnung auf Befreiung aus dem Golds. Unsere Weisen haben nur die Festtags formen den geänderten Verhältnissen angepasst und so das Opfer zum Gebet hier verinnerlicht. Den Inhalt der Feste, ihre Motive und Gedanken haben die gewandelten Volksschicksale gewandelt. Passah ist ein Volksfest geworden. Volksfest im höchsten und umfassendsten Sinne. Die aufgehäufte Verzweiflung löste sich in dem befreienden Hoffnungsschrei. Und jeder Tag im Jahre speiste und stärkte die innere Kraft des Passah, die dann — losgebunden, wenn der Festtag kam — an ihm, die nationale Widerstandsspannung erhöhende und in die Zukunft fortleitende Arbeit vollzog. „Zu allen Zeiten standen sie auf, uns zu vernichten, aber Gott hat uns gerettet von ihren Händen." Und es lässt tief in die Volksseele blicken, dass — * kurz nach den Kreuzzügen! — das Festbuch, die Passahhaggadah, sich aus den Gebetbüchern zu einem selbständigen Werk hin ablöst, und dass gerade um dieses Büchlein jüdische Schreiber mit besonderer Liebe die tastenden Hebungen des so lange und so hart niedergehaltenen jüdischen Kunsttriebes rankten* Und erscheint es da ein Wunder, wenn in den Ländern des Westens — wo eine neue Zeit auch den Juden törichte Hoffnungen vorlog — der dumme Wahn sich an unserem Passah und dem Passahbuche vergriff — der dumme Wahn, dass unser nationales Ziel bereits erreicht sei? Die Versuche freilich, das volkstümlichste Buch unseres Besitzstandes zu „reformieren0, mussten scheitern, weil die „Haggadah" so durchsetzt ist von stark nationalem Geiste. Mit klobigen und täppischen Händen riss man einfach einige Stücke heraus uiid strich all die Sätze, in denen nationaler Stolz und nationale Hoffnung gar zu leidenschaftlich und — eindeutig heraussprudelten, Einsichtige Männer, die das Reformproblem in seinem Kerne erkannten, begriffen darum, dass rohe Striche und Risse nicht zum Ziele führen könnten. Sie waren sich darüber klar, dass die innere Berechtigung des Judentums in unseren Tagen und seine staatsrechtliche Stellung und die seiner Getreuen, nur dann gegeben wären, wenn die Söhne Jakobs jede unterschiedliche Eigenart im Gefüge der Staatsbürgerschaft verlören, und wenn der kulturelle Inhalt unserer Gemeinschaft sielen einer „Konfession" verflüchtigen liesse. Mf :ß u b$$a&££- des Judentums musste zersetzt und aufgelöst Werd^ um als neues Produkt dann heraugz'uk^jtallisi^ren^'iUnd was $Mer primitiven Apiputationsmethode nicht glücken köimte, das versprach jetzt Erfolg: die Konf^ssionalisierung des Judentums musste auch dem Passah einen neuen Inhalt bringen, sollte dieses Fest auch weiterhin; seine anfeuernden, „veredelnden* und „erbaulicher*" Wirkungen in der „Bekennerschaft" entfalten könaaen. Denn mancher Brauch aus seiner wundersamen Symbolik und seiner Allegorese und viele Grundgebote waren in weiten Kreisen nur lässig oder oft gar nicht mehr befolgt worden; und es galt doch, ein altes Besitztum durch neuen Geist in seinem Werte und seiner Schätzung zu erhalten. Die gerade beim Passah so wuchtigen Widerstände seines bedingungslos-nationalen Charakters verstanden sie mit glücklichem Geschick zu wenden. Die n a t i o n a le Vergangenheit verflüchtigte sich zu einer historische n Erinnerung. Die nationalen Zukunftshoffnungen zur Jüdischen Mission*. „Israel wurde nicht bloss von der Frohnarbeit Mizraims, sondern auch von den finsteren Wahnvorstellungen der ägyptischen Götzendiener befreit und der lichten und befreienden Lehre der sinaitischen Offenbarung zugeführt. Die ägyptische Erlösung war das ausgesprochene Mittel zum Zwecke der Uebernahme der sinaitischen Heilssendung"! (Maybaum, Jüd. Homiletik S. 55.) Und diese „sinaitische Heilssendung", für die Gott uns erkoren, ist eine heilige und schwere Aufgabe. Die Träger der „Heilslehren" müssen dulden und tragen, bis dass sie den Gottesgedanken der ganzen Menschheit zum Besitztum gemacht, und bis die Tage des Gottesreiches nahen, in denen Jerusalem wieder ersteht, Jerusalem aber ist — wie auf den alten Landkarten — der Mittelpunkt der Erdscheibe, der Nabel der Welt. .. Der neue Konfessionsinhalt für das Passahfest war in aller Ausgedehntheit dünn und hektisch. Die weiten Ausblicke, die er eröffnete, waren Kulissenhorizonte. Und doch hat dieser neue Inhalt vielen, für die der altnationale keine Bedeutung mehr hatte, einen gewissen Schwufig gebracht. Aber das Kraftausmass war doch zu gering, um für die Gesamtheit unserer Gemeinschaft auszureichen; die Spannung zu niedrig, um für längere Dauer die Bewegtheit zu erhalten. Im Wirbel der im 19. Jahrhunderte geradezu hinrasenden Geschichtsentwicklung, unter den wachsenden und tiefer einwirkenden Schädigungen unserer Fonds verbrauchte sich die Kraft gar zu schnell. Passah aber lebt in uns Nachgeborenen der Emanzipation und des Liberalismus stärker denn je. Und seine Mächte wirken auf uns ein. Mit einem neuen, grossen Inhalt ist es erfüllt und kann elementargigantische Kräfte in die Judenheit drängen: Das nationale Bewusstsein nicht nur als Tatsache hinzunehmen und es in Hoffnung als Gebet auszuströmen. Vielmehr: nationales Bewusstsein als nationales P flicht bewusstsein, umgesetzt in nationale Arbeit —Arbeit in uns und Arbeit für uns. Das Passahfest hat so starke Wurzel in Israel geschlagen, weil es in so seltsamem Gefüge zugleich ein Fest des Einzelnen und der Nation gewesen — und so ist uns Passah das Fest der Entknecfctung: des Einzelnen von dem Zwang eines überspannten Individualismusj der sich nicht in die gemeinsame Kraft des Volkes einfügen lässt — der Nation, die sich frei