Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „bis # Weit Seite 17 worden, aus dem einfachen Grunde, weil seine toten Brüder in den Matrikelbüchern noch als lebend geführt wurden. Welwel war, wie gesagt, ein Pechvogel. Was er auch beginnen mochte, alles ging fehil. So hatte er denn schliesslich alle Hoffnung aufgegeben, ein bestimmtes Geschäft zu betreiben, und er ernährte kümmerlich sich und die Seinen durch ganz zufällig verdiente, armselige Groschen: bald half er einer Frau ihre Einkäufe vom Markte nach Hause tragen, bald ein schweres Fass aus einem Geschäfte hinausbefördern, bald einen im Kot versunkenen Wagen herausziehen. Er war ein magerer, grossgewachsener Mann von 50 Jahren mit einem düstcien, traurigen Gesichte, schütterem Barte und stets ungekämmten, leicht ergrauten Haaren. In seiner ganzen Gestalt drückte sich eine beständige Scheu aus; er sprach leise und zaghaft, als würde er vor seiner eigenen Stimme erschrecken. Ein Hauptzug seines Charakters war, dass er durchaus nicht betteln wollte und lieber mit den Seinen hungerte und fror. Das Einzige, was er von den Wohltätern des Städtchens annahm, war „Moes chitim", oder auch, wenn der Winter gar zu streng war, ein Bündel Heu zum Heizen, denn sonst hätte er im ersten Falle „Chornetz" essen, im zw.iten Falle mit seiner Familie in der Hütte erfrieren müssen. IL Freudestrahlend lief Welwel seiner Behausung zu, er rannte rasch die wackeli-gen Stufen hinunter, schlug im Finstern an einen Kübel an und versank mit beiden Füssen in eine schmutzige Pfütze. „Meine Frau muss wahrscheinlich den Kübel zum Passahfeste gescheuert haben," erklärte sich selbst Welwel. Er tastete nach der hölzernen Türklinke und öffnete die Türe. Eine Darnpfwolke schlug ihm gerade ins Gesicht, so dass er im ersten Augenblicke nichts unterscheiden konnte. „Welwel, Welwel, wohin rennst du? Du bist vielleicht noch „chometzdig?" rief ihm eine Frauenstimme zu. „Fürchte dich nicht, Schüre," erwiderte Welwel, welcher an der Stimme seine Frau erkannt hatte. „Ich habe den ganzen Tag keinen Chometz vor Augen gesehen, habe nur mit Passahsachen zu tun gehabt." „Jetzt ist keine Rede mehr von Chometz, jetzt ist schon überall, gottlob, Passah," mischte sich eine alte Frau ins Gespräch, „nur bei uns, Gott verzeihe es euch . . ." Die Besitzerin der Stimme konnte den Satz nicht beendigen, denn sie begann zu husten. „Das ist wahr, Dwerenju," stimmte Welwel zu. Er wollte sich vorwärts bewegen, doch gelang es ihm nicht. Hart an der Türe, den Weg verstellend, stand ein alter Holztisch, über den seine Frau in einem schmutzigen, nassen Rocke, die schmutzige Haube nach einer Seite verschoben, aus einem grossen irdenen Topfe kochendes Wasser goss, welches mit seinem dichten Dampfe die ganze Stube erfüllte. Neben Schifre stand ein schlankes, blasses Mädchen und kratzte mit der linken Hand mit einem Messer einen Holzschemel; um den Zeigefinger der rechten Hand war ein schmutziger Lappen gewickelt, unter welchem graue Watte hervorsah. An der dem Ofen gegenüberliegenden Wand stand ein altes Holzbett, das in Ermangelung eines Fusses durch eine alte Holzkiste gestützt wurde. Auf dem Bette lagen angehäuft Matten, Säcke, zerrissene Kleider und verschiedene Lumpen. Alles war nass und schmutzig und strömte einen sauren Dunst aus. Auf einem Ende des Bettes schlief an der Wand auf einem Strohsacke ein in einen zerissenen Ueberzieher eingehülltes Kind. Rechts von dem Bette," an dem einzigen Fensterchen, stand ein ganz gebrechlicher, abgeschundener Di van. Daneben befand sich ein reiner Holzschemcl; auf einem zweiten, welcher noch schmutzig war, standen eine Teekanne mit einem abgebrochenen Schnabel, zwei Gläser, Teller und noch verschiedenes Gerät. Eine kleine 'Blechlampe mit einem oben zerbrochenen und mit Papier verklebten Zylinder beleuchtete die ganze Hütte. Vom Ofen bis zur gegenüberliegenden Wand war fast ganz beim Plafond ein Strick gespannt, auf welchem eine Kattunjacke, ein verschossener Rock, ein Hemd und noch einige Fetzen trockneten; noch weiter bei der Ofenbank stand ein langer, verschlossener Koffer, auf der Ofenbank selbst lagen ein Polster, ein Mantel und ein Strohsack — das Besitztum der Aftermieterin Dwejre. Ueber der Türe lagen auf einem Wandbrette in ein weisses Tuch gehüllt die vom „Moes chitim" durch. Welwel bereits erhaltenen Mazzes. „Weisst du, Schüre, der Herrgott verlässt uns dennoch nicht," sagte Welwel, der durch seine Worte einen besonderen Eindruck hervorrufen wollte, „ich habe heute einen halben Rubel weniger eine Kopeke verdient!" Der Eindruck blieb in der Tat nicht aus. Das Mädchen unterbrach die Arbeit und blickte den Vater mit seinen blauen Augen, in welchen für einen Augenblick ein Hoffnungsstrahl aufgeleuchtet hatte, an, die Frau aber hatte mit dem Ausrufe: „Gott sei gelobt!" den Topf zu rasch auf die Seite geneigt, und das kochende Wasser floss dampfend über den Tisch. „Was stehst du so, Welwel, hilf mir, den Tisch auf die Seite schieben und komm herein," sagte Schifre, „nimm dir vom Fenster ein Stück Häring und Brot, stell' dich aber her in den Winkel und gibt acht, dass du keine Brotkrümchen verstreust. Ueberall ist schon Passah, nur auf diesem Fleck kannst du noch essen . . „Noch zwei Tage fehlen bis zum Seder," begann die Alte, „da kannst du noch viel verdienen. Bei Gott ist alles möglich. Er wird dir solche Geschäfte schicken, dass du deine Ziege aus der Polizei wirst loskaufen können . . ." Welwel wurde aufgeregt; er erschrak so, dass er sich beinahe mit dem Stück Häring erwürgt hätte. „Lassen Sie mich, bitte, mit der verdammten Ziege in Ruhe; ich will an sie nicht erinnert werden," sagte er, die Bissen mit Mühe herunterschluckend. Obwohl Dwejre bloss Aftermieterin bei Welwel war, so wusste man trotzdem, dass sie viel reicher als der Letztere sei; die Einwohner der Hütten hielten sie sogar für eine bedeutende Kapitalistin, was sie indess entschieden in Abrede stellte. Sie war ganz einsam und hatte weder Verwandte noch Freunde; dabei war sie ungemein misstrauisch: in jedem Menschen, in jedem Kinde witterte sie einen Attentäter auf ihr Geld, ihre Ruhe und sogar ihr Leben. Sie war hartherzig und Iiess sich selten durch Tränen rühren. Sie war trotz ihrer 50 Jahre noch ziemlich rüstig und tätig und liebte es, im Gespräche Zitate aus der Bibel, die sie ziemlich gut kannte, anzuwenden. Obwohl die Hütteneinwohner Dwejres Reichtum entschieden überschätzten, konnte man doch mit Bestimmtheit sagen, dass sie einiges Vermögen besitze, denn ohne Geld sind kommerzielle Operationen unmöglich, Dwejre aber kaufte Hühner, Enten, Zwiebel etc. und verkaufte alles an einige „Gwirim"") des Städtchens. Im geheimen pflegte sie auch gegen eine entsprechende Sicherstellung Geld auf Prozente zu leihen. Eines Tages kehrte Dwejre, eine magere Ziege hinter sich schleppend, böse und aufgeregt nach Hause. Sie war so unvorsichtig gewesen, Jetzel, dem Lumpensammler, ohne Sichersteilling fünf Rubel zu borgen und dieser hatte heimlich sein ganzes Hab und Gut verkauft und war mit den Seinigen nach Amerika ausgewandert. Nun hatte Dwrejre, tief entrüstet, beschlossen, ihre Geschäfte zu liquidieren. Sie verlangte kategorisch von ihren Schuldnern das ihnen geborgte Geld und liess sich, wenn es absolut nicht anders ging, in natura bezahlen. Die Ziege, welche sie jetzt hinter sich schleppte, hatte sie eben für eine Schuld erhalten. „Was werden Sie mit der Ziege anfangen?" fragte Schifre. „Verkaufen werde ich sie. Kauft mir sie ab," sagte erregt Dwejre. „Wie kämen wir dazu?" erwiderte seufzend Schifre. 2) Reiche Leute.