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Die Welt · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 „bie # w^it" Nr. 14 Worte, Chane fügte ihr Amen hinzu. Drei süsse Kinderstimmchen echoten es nach im Laufe der Zeit: „L'schana haba" Jahraus, jahrein. Und die Knaben wurden zu Jünglingen, zu Männern. Das kleine Mädchen, schwarz und schön wie einst Chane selbst, ward Braut und Gattin. „L'schana haba . . wünschte nun Jedes, sitzend am eigenen Tische — und noch immer war es nicht gekommen, das grosse, -das heissbegehrte, das einzige Jahr. Je älter Chane wurde, desto sehnsüchtiger ward iiir Wünschen am Sederabend. Sie dachte an Vater und Mutter, die es nicht erlebt. Sollte auch sie nicht . . .? Ein Pessach glich dem anderen. Ein wenig mehr oder weniger Sorge und Not — sonst blieb es beim Alten. Doch nein! Einmal kam es anders. Gleich nach Purim nistete sich der älteste Sohn zu weiter Fahrt — aber nicht nach Jeruscholajim — nach London nur wollte, musste er, wenn Weih und Kind nicht vor Hunger sterben sollten. L'schana haba — b'London?" fragte Chane in Gedanken, als sie bekümmerten Herzens den Sohn ziehen sah. Sie starrte am Sederabend in die Hagada, das Blatt ward von Tränen nass. „L'schana haba . . . wo?" fragte sie in trübem Sinnen. ,.In New-York" hätte sie gesagt, wenn sie hätte voraussehen können. Dorthin zog ein Jahr später der Jüngere. Nicht weil es ihm beliebte. „Mus.s" allein treibt den Juden zur Wanderung im Golus. Totmüde sinkt er auf der Scholle hin, und nur bitterste Notwendigkeit zwingt ihm den Ahasverstab in die Hand. Es erfasste Chane eine abergläubische Furcht vor dem „l'schana haba . . ." und nachdem auch die Tochter mit Mann und Kindern dem Bruder nach Amerika gefolgt war, brachte Chane die Schlussworte der Hagada nur mit Mühe über ihre Lippen. Doch sprach der Gatte nicht minder gläubig fromm wie stets die trauten Laute — ja, sie klangen so innig und hoffnungsreich, als sollten sie diesmal gewiss in Erfüllung gehen. „L'schana haha b'Jeruscholajim" — er und sie, die Söhne und die Tochter, Kinder und Kindeskinder in der Heimat, alle, nicht mehr verstreut in der weiten, fremden Welt, wie Samenkörner 'Vom Winde verweht. Als das Jahr um war. hatten sie ihn längst hinausgetragen auf den „guten Ort" und ihm eine Handvoll heiliger Erde mit ins Grab gegeben. Das war alles, was ihm wie denen, die ihm vorangegangen, von der ersehnten Heimat zuteil wurde. Allein, verlassen, getrennt von allen, die ihr lieb und teuer, als trauernde Witwe erwartete Chane das Pessach-Fest. Am .fremden Tische sass sie nun zum Seder, urn — ihr Amen zu sprechen bei dem ,,l'schana haba . . .?!" Was galt ihr noch dies Fest? Chane glaubte nicht mehr an das „l'schana haba . . und als der Hausvater, an dessen gastlichem Tische sie der Sederfeier beiwohnte, laut und andächtig sein „übers Jahr in Jerusalem44 verkündete, öffnete sich Chanes welker Mund zu dem harten Worte: „Das hab' ich durchgestrichen in meiner .Hagada!" „Ihr habet . . . Der Mann sah sie forschend an. „Ja," murmelte Chane voll Trotz, „es geht ja doch nicht in Erfüllung! Mein Ahn und Urahn, Vater, Gatte und Söhne sprachen es vergebens . . „Und wisset Ihr warum?" Sie blickte ihn fragend an. „Weil sie alle es nur gesprochen . . Jesaja. Das Wort dos Herrn erging an seinen Knecht: "Nimm deinen Stab und gürte deine Lenden, Ich will diel) beim zu deinem \o\kv senden, Zu richten, was Gerecht und Ungerecht. Zertrümmre das entartete Geschlecht, Das falsches Gold, geraubte Weihespenden Zu opfern dreist mit beutegierigen Händen Auf dem Altar des Tempels sieh erfrecht. TTnd sammle alle, kraftlos und geschwächt, Die Hungernden, eh sie am Weg verenden, Bewaffne sie mit Sehwert und Feuerbränden Zum Kampf und sei ihr Führer im Gefecht, H u g o Z n c k e r m a n n. Die Fünf-Rubelbanknote. Von E. G. Feigin. Freie liehersetzung von Julie G o 1 d b a u m. I. Es war ein trüber, nebliger Tag. Seit dem frühen Morgen fiel in grossen Flocken ein weicher, rasch tauender Schnee, welcher die Strassen in N. in ein Meer von Kot verwandelte. Die Einwohner des Städtchens liessen sich jedoch durch den Schmutz und die Feuchtigkeit in ihrer Geschäftigkeit nicht zurückhalten; sie rannten, die langen Schösse ihrer mit Kot bespritzten Röcke hoch in die Höhe hebend, die Strassen auf und ab; die Einwohnerinnen aber stampften wie besessen eilig bis zu den Knöcheln im Schmutze herum und ächzten und krächzten unter der Last der mit Passahlebensmitteln gefüllten Körbe. Und wie hätte man sich da nicht aufregen, nicht beeilen sollen, da doch Passah vor der Tür war, und man in drei Tagen sich zum „Sede.r" setzen sollte. Alle eilten: die Glücklichen, deren strahlende und lächelnde Gesichter deutlich zeigten, dass alles zum Feste schon bereit sei und jene, auf deren abgehärmten, blassen Gesichtern genau zu lesen war, welche Mühe es sie gekostet hatte, sich Mazzes zu verschaffen. Auch Welwel, den das ganze Städtchen mit vollem Rechte den „Schlimasel"1) nennt, eilt jetzt vorüber. Sein Gesicht ist freudig erregt, denn er hat heute einen guten Tag gehabt: 49 Kopeken, also beinahe einen halben Rubel, hat er heute durch seine Handlangerdienste eingenommen. Er eilt jetzt dem äussersten Ende der Stadt zu, dorthin, wo unter niedrigen, halb verfallenen Lehmhütten sich auch sein armseliges Heim befindet. Es war eine ganz schief gewordene Hütte mit einem einzigen, ganz kleinen Fenster, durch welches das Licht kaum dringen konnte. Die Wohnung bestand aus einem Vorraum mit einigen morschen Stufen und aus einem Zimmer, welches zur Hälfte durch einen riesigen russischen Ofen eingenommen wurde. Der Platz hinter dem Ofen wurde von Welwel an eine alte Frau gegen den Zins von 25 Kopeken monatlich vermietet. Für die ganze Wohnung zahlte er selbst 75 Kopeken monatlich. Den übrigen Teil des Raumes bewohnte er mit seiner dicken und pockennarbigen Frau Schifre, seiner fünfzehnjährigen Tochter Chanka und seinem zweijährigen Sohne Arenze. Letzterer war, sozusagen, unverhofft, da Welwel keine Vermehrung seiner Nachkommenschaft mehr erwartete, zur Welt gekommen. Das Erscheinen dieses Kindes hatte Welwel übrigens gar nicht ausser Fassung gebracht. „Jedes Kind hat sein eigenes Schicksal!" pflegte er zu sagen. Das Schicksal aber der Mehrzahl seiner neugeborenen Kinder war ein früher Tod gewesen; wenige von ihnen hatten den sechsten Monat überlebt. Welwel besass auch noch einen Sohn, Sender, doch dieser war weit weg von ihnen; er machte irgendwo in Polen sein drittes Dienstjahr. Er war, trotzdem er als einziger Sohn von der Wehrpflicht hätte beireit werden können, dennoch eingereiht 1) Pechvogel.

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