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Die Welt · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 14 „bi* $ W$lt" Seite 15 seiner Schwester, und als er die Worte Rebekkas gehört hatte, und er kam zu dem Manne, der noch immer bei den Kamelen am Quell stand." 12) Wir müssen Laban, da wir seiner ansichtig werden, für einen Schnelläufer halten. Wir haben keine Zeit, ihn in seinem Yaterhause uns anzusehen. Die Schwester war eilends nach Hause gekommen und hatte das Erlebnis am Brunnen erzählt, Laban jedoch hatte wohl ein feines Ohr für die Worte, aber ein bei weitem noch schärferes Auge für das Geschmeide seiner Schwester. Laban sieht zuerst und hört alsdann, und er hört nur so lange, bis er weiss, wohin er laufen kann. Er rennt aus dem Hause, läuft schnurstracks zur Stadt hinaus; doch je näher er zu dem Brunnen kommt, desto mehr mässigt er seinen Sturm¬ und Laufschritt; mit seinem scharfen Auge hat er bereits den Fremden erspäht; er ist also seiner gewiss und braucht sich nicht zu überstürzen. So kommt Laban gemessenen Schrittes zu dem Manne hin mit einem Gottesgruss und mit einer Lüge zugleich: „Komm herein du Gesegneter Gottes, warum stehst du draussen? Ich habe schon das Haus aufgeräumt und einen Raum für die Kamele."13) Es sind kaum einige Minuten vergangen, seitdem Rebekka noeh am Brunnen gewesen; Laban hatte kaum Zeit, sie anzuhören, und doch hat er, bevor er das Haus verlassen, Raum geschafft für zehn Kamele. Der zukünftige Schwiegervater Jakobs konnte sich mit Nichts besser einführen, als mit dieser durch keinerlei gesellschaftliche Form zu rechtfertigenden Lüge. Passäh-Nacht. Ein heller Zauber geht durchs blaue Land, Und wo er hinweist mit der linden Hand, Da blüht es still und sacht, Und tausend Kerzen regen sich Und tausend Schmerzen legen sich In dieser sanften Nacht der Wacht. Viel reicher Segen ist nun ausgestreut. — Das stille Harren gute Seelen freut . . . Der ZaiuVrer geht und wacht: Und tausend Keime ringen sich Und tausend Träume schwingen sich Empor zur Erntetagespracht. Wien. M. S c h e r 1 a g. „Uschana haba ♦ ♦ ♦ Von Rosa Poraeranz. Der „Arendar", d. h. der Schankwirt in dem kleinen, versteckten Karpathendorfe — Reb Jochene — befand sich in grosser Erregung und Bekümmernis. Aus einem judenreichen Dorfe in Podolien war er durch das Geschick nach den Karpathen verschlagen worden. Kein fremder Jude im Dorfe, kein Städtchen in der Nähe, von wo man einen „Orach44 — einen Tischgast zum Sederabend — heimholen könnte! Ohne einen solchen aber dünkte es Reb Jochene unmöglich, den herrlichsten Festabend würdig zu begehen. Er war es Zeit seines Lebens so gewöhnt. Erst im Elternhause, bei Vaters Tische, dann im eigenen Heim — stets sass am Pessach-Abend ihm gegenüber der „Fremde". Wie sollte es nun diesmal werden? Reb Jochene hatte keine Ahnung von dem bekannten Ausruf, aber gewiss gäbe er gern ein Königreich, wenn er eines hätte, für einen — Orach. In seiner Herzensnot kam ihm ein seltsamer, phantastischer, ja, wie seine bessere Hälfte meinte, sogar gewisser- 12) 1. B. M. 24, 29—30. 13) Ebendaselbst V. 31. niassen gefährlicher Gedanke: er beschloss, einen „richtigen Fremden4', nämlich den christlichen Ortsrichter zum Sederabend einzuladen. Es halfen keine Vorstellungen, Bitten und Einwände. Reb Jochenes sehr bescheidene Kenntnisse der rituellen Satzungen, besonders der taimudischen Ge- und Verbote genügten gerade, um ihm zu sagen, dass sein ungewöhnlicher Einfall nicht ausdrücklich unzulässig sei, und so wurde denn der Gast gebeten, erschien pünktlich und sass verwundert und andächtig am Tische des Juden. Die unbekannten Bräuche, der fremdartige Singsang des fiagada-Vortrages hatten den seltsamen Orach eingeschüchtert. Als aber der Wirt in feierlich erhobenem Tone die Schlussworte sprach: „l'schana haba b'Jeruscholajim", da überkam den Christen eine eigentümliche Empfindung und den Zeigefinger emporstreckend frug er rasch: „Was habt Ihr jetzt gesagt?" „Uebers Jahr in Jerusalem", d. h. in der eigenen Heimat, wollen wir Juden den Pessach feiern,'4 erklärte ihm Reb Jochene mit fester Stimme. Der Ortsrichter schüttelte beifällig und wie zustimmend den grossen Kopf, so dass sein dichtes, langes Huzulenhaar hin und her flog: „Das gefällt mir/' brummte er, „und ich wünsche Euch baldige, glückliche Fahrt,'4 fügte er ganz ernsthaft hinzu. Auch die Suppe und die Osterknödel gefielen dem Gaste nicht übel. Und so schieden beide Teile in voller Zufriedenheit. Ein Jahr ist lang. Aber im Huzulendorfe verstreicht es ohne Ereignisse und Veränderungen. Und der neue Pessach- Abend bringt die alte Sorge: um den „Fremden**. Aber für Reb Jochene hat sie ihre Bitternis verloren: es lebt sein alter Gast, der Ortsrichter, und sein Platz am Sedertische steht bereit. „Wie?'4 frug er nur, höchlich verwundert, „Ihr noch hier?" „Ja, wo sollte ich denn sonst wohl sein? . . „Uebers Jahr in Jerusalem,'4 hattet Ihr nicht so gewollt?'* Der Ortsrichter schüttelte den Kopf, Reb Jochene aber schwieg und zupfte verlegen den Bart. Als er die Schlussworte sprechen sollte, senkte der Wirt unwillkürlich die Stimme und seine Augen hafteten starr auf der Hagada. Der Ortsrichter aber, der den Satz nun kannte, machte eine missbilligende Geberde. „Euer Platz an meinem Tische," hub Reb Jochene an, da er wieder vor Pessach seinen alten Sedergast zu sich lud.. „Panie Arendar,44 lachte breit und geringschätzig der Ortsrichter, „noch immer hier zum Osterfeste und wieder einmal das alte Lied: „Uebers Jahr . . .?44 Da traten Tränen, so brennend heiss wie jüdisches Leid, in Reb Jochenes alte Augen, hohe Röte bedeckte sein Gesicht und leise, kaum hörbar, flüsterte er, den Blick nach oben gerichtet: „Ribono schel Olam . . . ich . . . ich muss mich schämen vor dem Ortsrichter . . . .'4 II. Sie war noch ein gar kleines Mädchen gewesen, die „schwarze Chane44, die jetzt gewiss ganz silberweiss wäre, wenn sie keine Perrücke trüge; die jetzt alt und runzelig und gebückt ist — sie war, wie gesagt, noch klein und dumm, da ihr am Sederabend das „l'schana haba b'Jeruscholajim" am besten gefiel. Nicht, weil es den Schluss bedeutete — sie konnte ja ganz ungeniert einschlagen, wenn es ihr zu lange wurde — sondern weil Vater diese Worte jedesmal mit so ergreifendem, halb zaghaft traurigem, halb hoffnungsvoll freudigem Tonfall sprach, dass Chane unwillkürlich aufjauchzte — obwohl sie die Bedeutung des^ Spruches kaum begriff. „L'schana haba . . wiederholte jahraus jahrein der Vater und Chane sprach gläubig ihr „Amen' dazu. Jahraus, jahrein, bis sein Mund au* ewig verstummte. Chane sass nun am „eigenen Tische". Ein Anderer, jung und kräftig, voll frischen Glaubens und Höffens, sprach dieselben

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