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Die Welt · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „Die & weit" Nr. 14 wachsen sind, wie das Schneckenhaus mit der darin wohnenden Schnecke wächst. Diese Sage, welche die unseren von aller AVeit und von jedwedem Verkehr abgeschnittenen Vätern zuteil gewordene göttliche Fürsorge veranschaulichen will, ist eine Volksdichtung im besten und schönsten Sinne des Wortes; aber sie hört auf Sage zu sein, sie wird sofort zu buchstäblicher Wahrheit, wenn wir nicht von unserer vierzigjährigen Wüstenwanderung, sondern von unserer viertausendjährigen Erdenwanderung reden, wenn wir an die Stelle der Kleider des Körpers die der Seele setzen. Unser Volk stand in der Kindheit ersten Tagen, als es am Sinai die göttliche Lehre in Empfang genommen, die ihm, um mit den Propheten zu sprechen, als Mantel der Gerechtigkeit, als Gewand des Heils dienen sollte. Seit jener Zeit sind Jahrtausende dahingegangen: wir sind gewachsen, wir haben den Kultur-Fortschritt aller Nationen und aller Geschichts-Epochen mitgemacht, wir sind von keiner Neuerung im Reiche des Geistes unberührt geblieben, wir haben uns, obgleich tausendmal zurückgestossen und zurückgeworfen, immer wieder zur Höhe eines jeden Jahrhunderts emporgerungen; und dennoch ist das sinaitische Heilsgewand unserer Seele wreder zerschlissen, noch zerfallen, es ist rein und staubfrei geblieben, es ist mit uns gewachsen, oder richtiger, es ist uns nach wie vor angemessen und angegossen, denn bei Licht besehen sind wir in das Kleid hineingewachsen. Wer für die Göttlichkeit unserer Bibel noch eines Beweises bedarf, der muss ihn in dem Gesehichtsprozess finden, den wir mit diesem Buch in der Hand durchgemacht haben. Dieses Buch der Bücher ist das universellste der ganzen AVeit, weil es jedem Lebensalter die zweckentsprechende Seelenkost bietet; es reicht Milch dem Kinde, Honig dem Jüngling und der Jungfrau, Brot dem Manne und der Frau, und Wein dem Greise und der Greisin, aber es ist auch das klassische Buch der Religion, weil es den Menschen als Ganzes fasst, weil es sich an sein Fühlen, an sein Denken, an seine Willens- und Tatkraft wendet, weil es sein Leben zu einem harmonischen gestalten will. Dieser universelle Charakter unserer Bibel kommt ganz besonders in den Erzählungen der Genesis zum Durchbruch, und das, meine Damen und Herren, will ich Ihnen an einzelnen Proben zu zeigen versuchen. Was die Erzählungsweise der Bibel zu einer künstlerischen macht, ist vor Allem jene Anschaulichkeit, welche ganz besonders an unser Fühlen sieh wendet. Die Personen, welche uns vorgeführt, die Gegenstände, welche uns gezeigt werden, sollen entweder unser Wohlgefallen oder unser Missfallen erregen; die Geschehnisse und Ereignisse, die erzählt werden, sollen durch die Art und Weise, wie dies geschieht, ästhetisch auf uns wirken, indem sie Lust- und Unlustgefühle in uns auslösen. Wenn die Maler aller Zeiten gerade dem Buche der Genesis so viele ihrer Stoffe entnommen haben, so ist das hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass dieses Buch die Dinge weder auseinander legt, noch auseinander setzt, sondern vielmehr so plastisch vor uns hinstellt, dass wir sie gleichsam mit der Hand greifen und fassen können. Und gerade dort, wo gar keine Absicht vorzuliegen scheint, ist die Wirkung sowohl des Schönen als auch des Hässlichen eine umso mächtigere. Wenn wir der Geschichte lauschen, welche uns die Pflanzung des ersten Weinberges durch Noah und das gegensätzliche Verhalten, seiner Söhne erzählt, so empfangen wir den Eindruck, dass hier die Entartung des Stammvaters der Kanaaniter gebrandmarkt und die im Schamgefühl wurzelnde Gesittung der Semiten und Japhetiten verherrlicht wird; wenn wir jedoch das Bild näher betrachten, so überwältigt uns der Gedanke, dass die Bibel uns eigentlich den Rausch in seiner abstossenden Hässlichkeit zeigen will, indem sie aus den i n seinem Rausche der Schmähung ausgesetzten und aus seinem Rausche mit einem schreckliehen Fluch erwachendien Noah sehen lässt. Wer weiss, ob nicht gerade dieses mit Abscheu uns erfüllende Bild einen sehr grossen Anteil an der Mässigkeit, an der Nüchternheit unseres Stammes beanspruchen darf? Je länger wir das Bild betrachten, desto mehr scheint es aus seinem Rahmen herauszutreten; es ist so plastisch, so beredt, dass wir die Worte des Spruchdichters zu vernehmen glauben: „Sieh nicht nach dem Weine, wie er rötlich schillert, wie er schön im Becher perlt, leicht hinuntergleitet; hintennach sticht er wie eine Schlange, spritzt Gift wie eine Natter."11) Wirkt schon der Rausch des Noah abstossencl, so ist der des Lot geradezu anwidernd; aber wenn wir uns im Leben von allem Hässlichen mit Abscheu und Widerwillen abwenden sollen, so müssen diese Gefühle rechtzeitig geweckt und vertieft werden. Die Bibel ist darum Alles eher, als zimperlich; sie zeigt uns an Lot, dass nicht allein das physikalische, sondern auch das moralische Fallen nach bestimmten Gesetzen verläuft. Lot, neben dessen Rausch der des Noah wie eine blosse Benebelung sich ausnimmt, ist von Stufe zu Stufe gesunken; er hat sich um des ihm winkenden Reichtums willen von Abraham getrennt, ist Bürger von Sodom geworden, ist dann in den Gemeinderat von Sodom gekommen, um schliesslich, wie unsere Alten sehr richtig bemerken, Richter, oder, wie wir heute sagen, Bürgermeister dieser Haupt- und Residenzstadt des Lasters zu werden. Das ist zu allen Zeiten der Entartung das Los der mit einer gewissen Begabung gepaarten Charakterlosigkeit gewesen. Es ist darum etwas ganz Natürliches, dass es in gewissen Kreisen immer einige Individuen gibt, die, je tiefer sie nach unten sinken, umso höher nach oben fallen. Der in völlige Besinnungslosigkeit ausartende Rausch Lots hängt mit seiner Würde im Genieinderat Socloms aufs engste zusammen: nicht etwa weil das masslose Trinken zu seinen Berufspflichten gehört hätte, sondern weil er gerade als Würdenträger noch würdeloser geworden. Das Sittenbild, welches uns die Bibel von Sodom entwirft, ist ein solch schauerliches, dass es uns noch tiefer als die schreckliche Zerstörung der Stadt ergreift. Und in diesem Schauergemälde ist Lot eine der Hauptfiguren. Eine tobende und johlende Menge ist vor seinem Hause versammelt und fordert von ihm mit Ungestüm die Auslieferung der Fremden, damit sie ihre böse Lust an ihnen befriedigen .können; das Geschrei der von Furien gehetzten Sodomiter ist ein ohrenzerreissendes, und doch ekelt uns die Rede, mit welcher Lot die Wut seiner Mitbürger beschwören will, noch mehr an, als das Tosen der Wüstlinge. Schon dass er die alten und jungen Sünder als seine Brüder anredet, bedünkt uns als eine Ungeheuerlichkeit, und wie sollten wir nicht aufs tiefste empört sein, wie sollten wir nicht voller Abscheu uns von ihm abwenden, wenn wir hören, welche Anerbietungen er den Rasenden macht, um sie abzukühlen. Wir haben den Bürgermeister von Sodom sprechen gehört, und mit einem Male ist uns Alles verständlieh; es wird uns in abschreckender Weise klar, dass auch der Vater und die Töchter einander wert und würdig gewesen. Ganz anders als mit Lot verhält es sich mit Laban; Lot ist erst in Sodom schlecht geworden, Laban ist von vornherein schlau, verschlagen und verlogen gewesen. Das Urteil, welches wir uns über einen Menschen bilden, hängt zumeist von dem Eindruck ab, den wir bei unserer ersten Begegnung von ihm empfangen. Und die Bibel hat es darauf abgesehen, dass wir Laban gleich im ersten Augenblick kennen lernen; nur darf man nicht, wie das heute in unerhörter Weise geschieht, die Verse auseinanderreissenl. „Rebekka hatte einen Bruder, der liiess Laban, und Laban lief zu dem Manne an den Quell; das geschah, als er den JSTasenring gesehen hatte und die Spangen an den Armen 11) Spr. Sal. 23, 31—32.

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