Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 14 „bie & weit11 Seite 13 Sohn aus seinem Hause zu verweisen, bis er sich bessere. Kaum war die Kunde davon im Reiche bekannt worden, da versammelten sich die Fürsten und die Hofleute, die edlen Frauen rangen verzweifelt die Hände; sie alle stürzten dem Herrscher zu Füssen und weinten bitterlich. „Hab* Mitleid, o Herr und Gebieter," flehten sie, „tue uns die Schande nicht an und erbarme dich deines einzigen Sohnes/ Doch der König war zornerfüllt und befahl, sein Sohn solle gehen. Und er ging.,. Die Hofleute standen wie versteinert, die greisen Minister senkten ihr Haupt, die edlen Frauen schluchzten hinter ihren Fächern... Der König aber bestieg den hohen Turm seines Schlosses am Meeresufer und blickte von oben auf seinen Sohn, der ins Exil ging ... Lange sah er ihm nach und weinte leise. Die Tränen rollten über seine Wangen und fielen ins Meer, und das Meer fing zu brausen an. ♦. Jahre waren vorüber, und der verstossene Prinz wanderte durch fremde Länder unter fremden Völkern, deren Sprache er nicht kannte. Er war nicht mehr der lebensfrohe und lebenslustige Jüngling von früher, nicht mehr der verhätschelte und verzärtelte Königssohn, der Liebling seiner Umgebung. Nein, die Strapazen des Wanderns und die Leiden des Exils hatten ihm schon manchen Seufzer entlockt und Hessen ihn über sein trauriges Los nachdenken. Doch, wie schlecht es ihm auch ging, er wollte sich nicht demütigen und schrieb nicht an seinen Vater. „Nicht verzagen!" pflegte er sich zum Tröste selbst zuzurufen. „Ich werde immer weiter wandern, bis ich endlich eine Heimstätte finde. Man sieht es mir doch noch an, dass ich kein simpler Landstreicher bin." Und in der Tat, dem armselig gekleideten Wanderer sah man noch imm eiserne bessere Herkunft an. Sein Mantel, der abgenützt und fadenscheinig geworden war, trug noch die Spuren goldener Verzierungen an sich, als Zeichen einer vergangenen Herrlichkeit und besserer Tage ... Zerzaust und zerfetzt waren seine fürstlichen Kleidungsstücke, aber an den Flickstellen sah man noch mitunter goldene Fäden durchschimmern» Sein Schwert war verrostet und einem alten Eisenstabe gleich; er zerbrach die Klinge in Stücke und schleuderte sie fort, doch die Scheide blieb noch erhalten. Sein Hemd war schmutzig und zerfetzt, aber man konnte noch deutlich erkennen, dass es aus feinster Seide war. Ja, er war arm, sehr arm, aber vornehm: ein Fürst — im Bettlergewand. Und diese alten Lumpen, die seinen müden Körper einhüllten und seine königliche Herkunft verrieten, verschafften ihm noch mitunter den Zutritt zur besseren Gesellschaft und zu den vornehmsten Leuten, die ihn auch manchmal gegen Angriffe schützten, denen er als Wanderer oft ausgesetzt war. Doch nichts ist unvergänglich, und endlich fingen die zerfetzten Kleidungsstücke, die seinen Körper bedeckten, an, ihm vom Leibe zu fallen. Ja, er warf sie selbst von sich ab, denn sie wurden ihm schliesslich zur Last und er konnte sie nicht länger ertragen. Er zerriss einen Sack und hüllte seinen Körper darein. Die abgelegten Lumpen seiner früheren Kleidung aber schnürte er zu einem Bündel zusammen und nahm es auf die Wanderschaft mit. Da erkannten ihn die vornehmen Leute nicht mehr. Man hielt ihn für einen^ Blödsinnigen und Verrückten und man machte sich über sein Bündel lustig. Und als man sah, wie teuer ihm sein Bündel war, misshandelte man ihn und wollte ihn seines Schatzes berauben. Er Hess sich aber lieber martern und verteidigte mutig sein Gut. „Hut ab vor diesem Bündel, ihr Bösewichter!" schrie er in einem fort, „Respekt vor diesen Fetzen, die zu bezahlen ihr nicht imstande seid!" Doch an die Rückkehr nach seiner Heimat dachte der Unglückliche nicht. Die Leiden und Strapazen, die seine Gestalt und sein Aeusseres verändert hatten, liessen sein Herz und seinen Willen unverändert und er blieb derselbe Trotzkopf wie früher. Da geschah es einmal an einem Orte, dass man mit ihm Mitleid hatte. Ein Haufen Bösewichter überfiel ihn plötzlich auf der Strasse, und er wäre dem sicheren Tode nicht entgangen, wenn sich nicht eine Schar wandernder Bettler seiner angenommen hätte. „Lasst ihn frei, ihr Hallunken!* riefen sie. „Lasst ihn frei; er ist unser einer..." Die Bösewichter platzten schier vor Lachen. Die Bettler aber verteidigten ihn mit ihren Wanderstäben. „0 welch Elend! bemitleideten sie den unglücklichen Prinzen und schüttelten ihre Köpfe... Das half endlich. Da weinte der verstossene Prinz zum erstenmale seit dem Verlassen des Vaterhauses Tränen der wahren Reue. . . „Kann ich denn noch tiefer sinken," rief er in Verzweiflung, „wenn schon die Aermsten über mich weinen und mich bemitleiden? Nein, das kann mein Stolz nicht mehr ertragen! Jetzt merke ich erst, dass ich der Unglücklichste der Unglücklichen bin ..." Und der verstossene Prinz fing an, über die Rückkehr nach seiner Heimat nachzudenken ... Seder-Abend. Komm, Liebster, komm, zum festlichen, geschmückten Tisch Und singe mit der Väter alte Weisen, Wenn auch dein Auge matt und traurig blickt; Bist du ermüdet auch von weiten Reisen, fleut' wird dein tiefes Leid entschwinden müssen, Heut' will ich glücklich deine Stirne küssen. Mir ist, als ob wir wieder Kinder wären, Als horcht' ich deinen kühnen Träumerei1«. Wir sassen vor den stillen Sabbatkerzen, Grossmutter nickte lächelnd drüber ein, In deinem Auge glänzten warme Tränen, Und dich und mich durchzog ein heisses Sehnen. < ..»;,•,. .. _ So lehn* dein liebes, müdes Haupt an meine Brust, Und weine nicht ob deiner grossen Leiden, Es kämpfen tausend Seelen mit uns mit, Und keine Macht der Erde wird uns scheiden. Und lern den Schmerz und lern dich selbst bezwingen, Wir haben viel und Grosses zu erringen. Wien. Thekla Blech. Die Erzählungskunst der Bibel.*) Von Rektor Dr. Adolf Schwarz. Es ist eine altjüdische Sage, dass die Kleider, welche unsere Almen während ihrer vierzigjährigen Wüste n- Wanderung am Leihe trugen, weder zerfielen, noch verschlissen, dass sie sogar stets rein und staubfrei geblichen, und was noch mehr besagen will, dass die einzelnen Kleidungsstücke der Kinder mit diesen zugleich genau so ge- *) Zweiter der in der Wiener Jüdischen Toynbee- Halle gehaltenen Vorträge. Aus der gleichzeitig erscheiner - den Broschüre,