Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Softe 12 „bi* * W^lt" Nr. 14 künstlerisch nachbildend, sondern als tief ergriffener Beteiligter, als ein mahnender Seher gegenüber. Gordon ist nicht mehr wie die Mehrheit seiner Glaubensgenossen von der Freiheit und Gleichheit berauscht, die das Judentum — angeblich — in England geniesst, er schwärmt nicht mehr, wie das Brüderpaar in seinen „Söhnen des Bundes" (Sons of the Covenant. London 1900) für eine örtliche Lösung aller jüdischen Rätsel im Osten von London, der ungeahnte materielle Wohlstand einiger Juden erfüllt ihn nicht mehr mit Stolz allein: er hat tief in die Seele und die Zukunft seines Volkes gesehen und mit de^rn Mute der Jugend — denn Gordon ist immer noch ein sehr junger Mann — geht er der englischen Judenfrage tapfer an den Leib und legt mit bewunderungswürdigem Instinkte seinen Finger auf den Kern, auf das Allerinnerste des englischen Problems. Ein jüdischer Schriftsteller namens Clausten wird von den reichen jüdischen Familien in ihre interkonfessionellen Kreise gezogen. Er lernt eine Christin kennen, wirbt um ihre Liebe und gewinnt sie, überwindet ihre Bedenken und die ihrer Familie, bekehrt sie zum Judentum und führt sie in sein gut jüdisches Heim. Ellen findet sich in die fremden Verhältnisse hinein, versöhnt sogar ihre Schwiegermutter Chaya Rachel durch die Liebe zu ihrem Manne — aber im entscheidenden Augenblicke erweist sich die Kindheit (oder das Blut?) stärker selbst als die Liebe: Ellen, die ein starkes religiöses Empfinden hat, wird von der Synagoge nicht befriedigt und rettet ihr Kind in panikartiger Flucht in den angestammten Glauben hinüber. Clausten lernt nach Jahren das Unfassbare begreifen — jedem das Seine, Unto each Man his Own. Er heiratet Leslie, ein jüdisches Mädchen, das ihn von ganzem Herzen liebt, gibt das Versteckenspiel mit dem anglisierten Namen auf und lebt als Abraham Clausenstein mit seiner Frau Lea seinem Volke und seinem Beruf. Das grosse Publikum wird Gordons Buch als Seelenstudie nehmen und seine Rechnung dabei finden, denn er hat in der Christin Ellen sein psychologisches Meisterstück geliefert, wis er denn überhaupt mit diesem Werke den Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn erreicht hat. Aber wir Juden freuen uns über die Wahrheitsliebe des Schriftstellers., der den Mut gehabt hat, den englischen Juden einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie mit Schrecken ihre geträumte Ueberlegenheit in ihrer wahren Bedeutung erkennen werden. Die pflichtvergessene Mutter, die sich dem christlichen Hochstapler an den Hals wirft und der vulgäre Diamantenprotz — sie sind dutzendweise in der jüdischen Gesellschaft des Westend zu finden. Einzelne Stellen verdienen die weiteste Verbreitung — nicht nur in England. „Unser Gemeindeleben wird durch das autokratische und fossile Wesen der Vorsteher entstellt; abgedroschene Routine herrscht statt denkender Schaffenskraft; wir werden von einem seelenlosen Mechanismus regiert. Der Geldsack macht sich breit, der Familienstoiz lastet auf uns und der grösste Fluch ist jener schläfrige Optimismus, der sich die Augen zuhält, um nicht im Behagen des Augenblicks gestört zu werden.4* — „Der Reichtum der Juden sollte ihnen Schwingen verleihen und sie zum Himmel erheben; statt dessen ist er ihnen ein Mühlstein, der sie jämmerlich zu Boden drückt* Das Buch ist reich an spitzen Worten und scharfen Geisseihieben. Hoffentlich erreichen beide ihr Ziel. LeoRafaels, Zion.*) O Land, wo einst Jehovahs Gnade Aus Wetterwolken strahlend schien, Wo sich am Diamantgestade Entlang die Palmenstämme zieh'n, Sich Zedern schlank zum Himmel dehnen, *) Aus „Gedichte" von Leo Isaak. Verlag von Nathansen und Lamm, Berlin 1904. Wo leicht der Sinn und heiss das Blut, Dir gilt mein ungestilltes Sehnen, Dir schlägt mein Herz in heisser Glut. Die Städte decken, deine Fluren Jahrtausende mit ihrem Staub. Verweht sind deiner Grösse Spuren Wie in dem Tempelhain das Laub. Kein Echo hallt mehr Siegeslieder, Zum Kampfe ruft kein tapfrer Held, Und steigt die Abendsonne nieder, Beleuchtet sie ein Trümmerfeld. In alle Winde sind zerstoben Wie Spreu, vom Heimatschoss verbannt, Die vor der Welt einst stolzgehoben Sich „Söhne Israels" genannt. Selbst die an alter Stätte weilen Durch eines Zufalls blind Geschick, Sie treibt des Zwingherrn Wort zu eilen Wie Fremdlinge mit scheuem Blick. Doch wenn in ferner Zeiten Stunde Erfüllet der Geschichte Gang, Was donnernd aus Prophetenmunde An Jordans Strom verheissend klang, Dann wallet die zerstreute Herde Zu dir in friedlichem Verein, Dann wirst du wieder, teure Erde, Der treuen Söhne Mutter sein. Ein orientalisches Märchen. Von Morris Rosenfeld. (Aus dem Jüdischen. Von Simon Levi.)' „Zur selben Zeit versammelten sich 200 Mitglieder der Negerliga und die Nepar drückten ihre Sympathie den Newyoiker Ghettojuden aus, die ebenso der Ungerechtigkeit und der Roheit des Newyorker Strassen gesindels ausgesetzt sind, wie sie — die Neger...* Eine Newyorker Zeitungsnotiz. Kennt ihr die Geschichte vom verstossenen Prinzen? Wenn nicht, so will ich sie euch erzählen; hört nur zu! Vor langen, langen Zeiten herrschte in einem grossen Reiche des Ostens ein edler König, der einen ungeratenen Sohn hatte. Der König hing aber mit der zärtlichsten Liebe an seinem einzigen Kinde und suchte Mittel und Wege, seinen Sohn zum braven und tüchtigen Manne zu erziehen, damit er würdig sei, dereinst den Thron zu besteigen und das Erbe seiner Väter anzutreten. Da liess der König die berühmtesten Gelehrten und Pädagogen seines Landes zu sich kommen, um sich mit ihnen über die Erziehung des Prinzen zu beraten. Es half aber nichts. Der junge Prinz war wohl sehr begabt, wusste alles und verstand vieles, führte aber eine Lebensweise, die eines Prinzen unwürdig war. Oft pflegte er in den Schlossgarten hineinzustürzen, die schönsten Blumenstöcke zu vernichten und die zartesten Rosen mit den Füssen zu treten. Er nahm auch oft die teuersten Edelsteine aus der Krone seines Vaters und warf sie in den Strassenkot. Einmal vergriff er sich sogar an einem der treuesten Diener des Vaters, um dann noch das Volk zum Aufstand aufzureizen ♦.. Das waren die Taten des jungen Prinzen. Und als der König zu seinem Schmerze sah, dass nichts helfen wollte, da entschloss er sich, den