Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „bi* # Wtlt Seite 11 Ein verlorenes Kapitel Bamidbor.*) Ich wohne augenblicklich in Sevilla im Antiguo Palacio de Los Abades und benützte die Gelegenheit, um die Bibliothek nach alten Manuskripten zu durchstöbern, die von den spanischen Juden bei der Vertreibung zurückgelassen worden sein mochten. Meine Mühe ist nicht unbelohnt geblieben: ich habe ein neues Kapitel entdeckt. Es findet sich in einem längeren Manuskript aus dem Besitze des obersten Abtes, der ein Marrane gewesen zu sein scheint. Die Uebersetzung der verlorenen Stelle lautet wie folgt: I. Und Aaron, der Hohepriester, redete gegen Moses wegen des ostafrikanischen Weibes, das er genommen hatte; denn er hatte ein ostafrikanisches Weib genommen. IL Und er sprach: Hat denn der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch mich gesproch n? III. Nun war aber Moses sehr sanftmütig, mehr denn alle anderen Menschen auf Erden. IV. Darum redete er zu Aaron. dem Hohepriester, und sprach: Bist Du nicht beredt? Sprich Du zum Volke, vielleicht, dass der Herr auch durch Dich reden wird. V. Und der Hohepriester stieg hinauf auf den Berg und siiess in sHn Horn, dass das Volk sich um ihn versammle, zu hören das Wort des Herrn. VI. Und das Volk versammelte sich um ihn. Aber als sie näher kamen, sahen sie, dass das Horn das Horn des Eigenlobs war. VII. Und die Worte, die sie hörten, waren immer die gleichen: Ich, ich, ich. V11L Darum wurde das Volk des Zuhörens müde un*i sie sprachen: Lasst uns zurückkehren zu Moses, unserem Lehrer, denn was der Hohepriester verkündet, ist leerer Schall. IX. Aber Charkow, der Sohn des Uz, des Sohnes von Hevel, samt einigen der Söhne Israels, die empörten sich wider Moses. X. Und sie versammelten sich wider Moses und sprachen zu ihm: Du massest Dir zu viel an. Denn der ganze Kongress besteht aus lauter Heiligen, und der Herr ist unter ihnen, warum erhebst Du Dich über die Gemeine des Öerrn? XL Auch hast Du uns nicht gebracht in ein Land, das von Milch und Honig fliesset, und hast uns nicht Aecker und Weinberge zum Erbteil gegeben! XII. Warum willst Du D ch denn zum Fürsten über uns erheben? XIII. Das ergrimmte Moses sehr, und sprach zu dem Herrn: Wende Dich nicht zu ihrer Opfergabe. Ich habe nicht einen Esel von ihnen genommen, denn siehe! ihre Zahl ist unvermindert. XIV. Und der Herr sprach: Rede Du zu ganz Israel und versammle einen neuen Kongress. XV. Und Moses redete zu den Schekelzahlern und sprach: Ich bitte Euch, weichet von den Zelten dieser frevelhaften Menschen. XVI. Und es geschah, dass der Herr einen neuen Kongress versammelte. Und die Rednerbühne zerriss unter Charkow und die Vergessenheit tat ihren Mund auf und verschlang ihn mit allen seinen Mannen. *) Wir haben uns bereits vor längerer Zeit an unseren gefeierten Gesinnungsgenossen J. Zangwill gewendet, damit er uns zu unserer Pessachnummer einen Beitrag sende. Zangwill hatte die Liebenswürdigkeit, uns dieses humorvolle Phantasiestück einzuschick n, dessen lustige Rücksichtslosigkeit keinerlei Verletzung anderer beabsichtigt. Die Hedaktion. XVII. Und fuhren hinunter lebendig in die Vergessenheit, Charkow und die Söhne des Charkow mit allen ihren Reden, und verschwanden aus dem Kongress. XVIII. Und ein Feuer ging aus von dem Herrn und frass alle ihre Schriften. XIX. Und so war nun Friede im Lager Israels bis auf die Tage Balaams. Israel Zangwill. Antiguo Palacio de Los Abades, Sevilla, Spanien, Am 16. März 1904. \. Ein neues Buch.*) Nur wenige Jahre sind verstrichen, seitdem wir im „Jewish Chronicle" mit Vergnügen, aber nicht ohne Befremden über den Ort, Gordpns kleine Geschichten aus dem Leben des russischen Ghetto lasen. Der „Chronicle" ist der Ausdruck des jüdischen Spiessertums in England, jener merkwürdigen Abkömmlinge von spanischen, portugiesischen, deutschen Juden, die sich allen Ernstes einreden, Stockengländer zu sein, die in jeder kritischen Lage ihrer neuen Heimat die patriotischesten Jingos überschreien und bei Sammlungen für antiliberale Wahlzwecke treuherzig alle eingefleischten Tories überzeichnen. Für diese Engländer jüdischer Konfession ist der Osten mit seinem östlichen Judentum eine Quelle ewiger Verlegenheit, der Jargon und namentlich die Jargonliteratur ein Pfahl im angelsächsischen Fleisch. Daher waren wir nicht wenig erstaunt, dass das Blatt des reinen Engländertums sich dazu herbeiliess, seine Spalten den reizenden Federzeichnungen Gordons zu öffnen, in denen der Geist der östlichen Judengasse verkörpert erschien. Auch die Urheberschaft der Skizzen machte uns nicht wenig Kopfschmerzen. Ist es ein russischer Jude, dessen Sachkenntnis von einem englisch-jüdischen Schriftsteller verwertet wird, oder hat ein englisch-jüdischer Schriftsteller die Ueberwindung gehabt, Russland aufzusuchen und hat mit der Gabe der echten Künstlerseele die wildfremde Eigenart begriffen?4' In London hatte ich das Vergnügen, den blutjungen Verfasser kennen zu lernen: da verstand ich alles. Samuel Gordon stammt aus dem russischen Ghetto, hat aber seine Knabenzeit schon in England verbracht, hat englische Schulen mit Glanz absolviert und eine grosse englische Universitätsbildung in sich aufgenommen. Aber seine Umgebung ist durch und durch altjüdisch, treu dem Hergebrachten in ihrer Lebensweise, wie in ihren innersten Gedanken. Von seinen Eltern hat Gordon die lebenswahren Schilderungen der russisch-jüdischen Menschen und Dinge gehört, von ihnen hat er das Verständnis für den Geist, der diese Menschen belebt. Gordon bekam also sein Material aus zweiter Hand: das gab seinen Geschichten jenen Duft der Ferne, seinen Gestalten jene malerische Harmlosigkeit, die sie dem „Jewish Chronicle" empfahlen, wie etwa das achtzehnte Jahrhundert vor den Bauern und Schäfern der Rokokoliteratur weder Abscheu noch Schrecken empfand.**) Seitdem sind nicht gar viele Jahre vergangen — was sagt der „Chronicle" jetzt zu seinem Rokokodichter? — Samuel Gordon schildert nicht mehr nach dem Hörensagen, seine Gestalten sind nicht mehr sentimentale Exzentrizitäten wie der „Komödiant als Weltverbesserer'4, seine Absichten nicht mehr harmlos romantische Versuche, die Sehnsucht nach dem Gewesenen zu erwecken. Der Gordon von heute greift ins volle Leben der Gegenwart hinein, packt seine jüdisch-englische Umgebung mit starkem Griffe und lässt sie nicht los, bis sie ihm ein gut Teil ihres tiefsten Geheimnisses offenbart hat, mehr als das, er steht dem Judentum nicht mehr kühl betrachtend und *) Samuel Gordon, Unto Each Man his Own. London, Heinemann, 1904. . **) Die Skizzen sind in deutscher Uebersetzung bei Brandeis in Prag (Jüdische Universalbibliothek) erschienen.