Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bie $ w$it Nr. 14 nicht Verehrte? Warten Sie nur, bis Ihre Tochter Sie zur Schwiegermutter macht.--•----------- Es gibt Menschen die über diesen Zwiespalt nie hinwegkommen — und manche die ihn zum Bruch erweitere. Das sind tragische Kreatoren. Die Dankbarkeit des von uns Geschaffenen kann über diesen Seelenkampf hinweghelfen aber man kennt Leute die von diesem seltenen und kostbaren Gewächs nie genug bekommen können. Das sind unglückliche Kreaturen. Die frei aufquellende Empfindung des Dankes beglückt Geber und Empfänger, der gewollte Dank drückt wie der Lehenstribut. Wir Juden als Nation sind eine der dankbarsten der Weltgeschichte, als Einzelindividualitäten gelten wir nicht dafür. Sollte die Schuld nicht an jenen liegen, die für jede Gabe den demütigen Tribut der vielfachen Dankbezeugung heischen? Wahrlich Geben will gekonnt sein, zu erlernen ist es nicht und nur wer um der Liebe Willen gibt wird wahren Dank ernten. Jetzt wissen Sie hoffentlich was ich mit meinem Briefe will. Wenn ich Ihnen schreibe, dann gilt es einem von meinen zwei Lieblingsthemen; werde ich pathetisch dann meine ich den Jüdischen Turnverein, ist der Ton sentimental, dann will ich von der Toynbeehalle sprechen. Heute bin ich sentimental gestimmt. Und dazu ist ein ganz besonderer Anlass. Sie haben uns Leon Kellner weggenommen, der Staat verschickt ihn nach Czernowitz an die Universität; uns lässtman das Nachsehen, allerdings auch die von ihm geschaffene Toynbeehalle. Sonntag den 27. März, am Schlüsse der diesjährigen Wintersaison, nahm Professor Kellner von uns Abschied, das heisst die Besucher verabschiedeten ihn. Und wie sie das machten — brachte mir einen hohen Begriff von der jüdischen Dankbarkeit — bei. Sein Sitz war mit Reisig bekränzt, die Wände mit Guirlanden verziert, seine Initialen prangten in Blüten und Blättern. Die Blume der Dankbarkeit duftete bis zur Betäubung. Und doch war in allem das Mass der wahren Empfindung. Der Achtzigjährige Herr Steinschneider und die jugendlichen Gehilfinnen der Frau Dr. Kahn sie sprachen alle Worte tiefen Dankes. Zum Schluss wollte die männliche Jugend eine Strassendemonstration veranstalten, was der Jubilar sich nicht bieten liess, wie er denn diese Dankesbezeugungen recht ungern sich entwickeln sah. Soweit der äussere Verlauf. Was man bei solchen Gelegenheiten lernt? Das lässt sich nicht schildern. Sie waren alle selig, unsere Besucher der Toynbeehalle, endlich auch etwas geben zu können. Die kleinen Gaben die sie boten, machten sie reich und glücklich, stolz und vornehm. Professor Leon Kellner geht einer reichen und befriedigenden Tätigkeit entgegen — er freut sich auf sein neues Lehramt, das im fernen Osten für ihn geschaffen wurde — aber der Abend in der Toynbeehalle hat ihm den Abschied recht schwer gemacht. Er lässt in Herrn Rektor Schwarz, Frau Feigenbaum und dem wackeren Ehepaar Dr. Kahn, sowie in Herrn Dr. Werner sichere Leiter und Führer zurück. — Die Toynbeehalle wird ihm Ehre machen und ihren Weg allein gehen, aber die Dankbarkeit die er zurücklässt, die Liebe die ihm geboten wurde, sie macht ihm das Geschaffene doppelt liebenswert und erfüllt seine Seele mit den zwiespältigen Gefühlen, die ich im Anfang dieses Schreibens so rührend schilderte. So, und nun warten Sie auf die Nutzanwendung? Nicht wahr. Schliesslich kann doch nicht jeder eine Toynbeehalle gründen? Nein, aber die vorhandene kann jeder unterstützen. Wollen Sie auch einmal das beseeligende Gefühl der jüdischen Dankbarkeit kennen lernen? Schicken Sie an den Kaseeverwalter der Toynbeehalle Herrn Johann Kremenezky, Wien, IX., Eisengasse 5, zehn Kronen für diese Institution. Dieses stillwaltende Finanzgenie der jüdischen Bewegung, wird Ihnen sehr dankbar sein, er wird sofort solche Liebe und solches Vertrauen zu Ihnen gewinnen, dass er Ihnen gestatten wird, den Jüdischen Nationalfond mit Geld zu bedenken oder mit alten Briefmarken. Er nimmt auch ein nicht allzukleines Stück Land in Palästina. Ich meinerseits nehme Abschied von Ihnen und bleibe in alter Neigung und gutjüdischer Dankbarkeit Ihr getreuer Hacholez. Jung-Juda. Das war beim Stabreigen der jungen Mädchen in ihrer kleidsamen, weissblauen Turnertracht. Da geriet ich ins Träumen. Die graziösen Bewegungen der jungen Mädchenschar, die nach dem Klange der Musik ihren Reigen aufführte, waren sie es. die mich träumen machten? Die Halle dehnte sich, die Zuschauer verschwanden . . . . . . Ein weites, weites, grünes Gelände, drau* vielhundert bunte Blumen leuchtende Farbenbänder zeichnen, Blumenbänder so zart, wie sie nur der strahlende Mond Judäas in einer märchenschönen Sommernacht hervorzaubern kann. Da tanzen die jüdischen Mädchen in weissen Gewändern einen wundersamen Reigen von unsäglicher Anmut. Da klingt ein leiser, süsser Sang. Ein Harfenklingen, bald sehnsüchtig rufend, bald aufjubelnd in froher Glückserfüllung. Wie ist es nur? . . . Dein helles Sonnenantlitz spricht. „Es werde Licht!" Es ruft des Rabenhaares Pracht: „Es werde Nacht!** So kämpft in deinem Angesicht, Geliebte, mit der Nacht das Licht. Ophra! Welche ist es? Ein Rufen und Jubeln und fröhliche Marschmusik. Was ist das? Ich blicke verwirrt um mich. Verschwunden der Moria und die Zionsburg, die blumige Halde und verklungen der Sang. Aber die Mädchen! Da ziehen sie eben, von jubelndem Beifall überschüttet, aus dem Saale. Der Stabreigen der Damenriege des ersten Wiener jüdischen Turnvereines ist vorüber. Unverbesserlich! Ronachersaal und die Zionsstadt und Jehuda Halevi! Und ich war doch kurz vor dem Reigen Zeuge, wie die sechzig jüdischen Turner ihre Freiübungen mit einer sicheren Festigkeit vorführten, die wahrlich nichts Träumerisches an sich hatte, sondern auf eine monatelange, harte Uebungszeit schliessen Hess. Aber die Ideenverbindung war doch nicht zufällig. Der dort vorne sitzt, der ernste Mann mit dem wundervollen Typus eines Heerführers aus dem Hause Juda, an der Seite seiner Gattin, die das blauweisse Turnerzeichen mit dem Davidsschild an ihrer Brust trägt, der ist Ursache meines Traumes. Und auch sein Nachbar, der, eben zu seiner Frau geneigt, in einer wichtigen Erklärung begriffen scheint. Mir ist es, als ob ich ihm die Worte von den Lippen lesen könnte. „Siehst du, Liebe, wenn von diesen sechshundert Gästen jeder nur vierzig Heller gäbe, so würde der jüdische Turnverein ins goldene Buch eingetragen werden und ein Stückchen Heimatsboden wäre wieder unser!** Sie träumen ja alle, die um mich sind. Dort, die Mitglieder des Landes¬ und Distriktskomitees, die in ein ernstes Gespräch mit dem Präsidenten des Jüdischen Volksvereines vertieft scheinen, die strammen Jungen, die das jüdische Band um die Brust geschlungen tragen, die Arbeitervertreter, die sich darüber freuen, dass die jüdischen Arbeiter im Turnverein so wacker ihren Mann stellen, alle diese Männer, Frauen, Mädchen, sie träumen wie ich. Vielleicht weniger lebhaft, aber die Folge ist dieselbe. Ihr Traum ringt nach Verwirklichung, verzehnfacht ihre Kräfte, lässt sie mit zäher Ausdauer das Schwierigste durchführen und nach dem Höchsten streben. Fürwahr! So dürfen wfo*