Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 14 „bie # weit" Seite 9 träumen. Dass doch alle unsere Volksgenossen mit uns träumten! ..... Jetzt der Keulenreigen, den sechzehn Turner ausführen. Wie das alles klappt. Erst in Sternstellung. Grosse, weitausgreiferide Schwingungen. Jetzt eine Wendung — und die Turner stehen sich paarweise gegenüber. Fechtstellung. Und Prim und Quart, Terz und Seconde sausen einher und werden flink pariert. Nur zu! Wir brauchen das. Keine Prahlhänse, aber Leute, die, «Wenn es nottut, mit Prim und Quart und Terz und Seconde den Gegner angehen. Und die parieren können, während sie ihn zurückjagen. Noch ein Stellungswechsel. Einarmige und doppelarmige Schwingungen — und der redlich verdiente Beifall begleitet die abziehende Gruppe. Dann das allgemeine Geräteturnen. Bock, Barren, Pferd lang, Pferd breit und Reck. Am Barren „arbeitet4' die alte Herren-Riege. Achtsam steht der Vorturner. Es ist der Präsident des Vereines selbst. Die Papas und Grosspapas hütet er besonders, aber er kommt selten dazu, Hilfe zu geben. Das geht alles so frisch und gut, dass man seine Freude daran hat. Sie tun es den Jungen fast zuvor. Nicht einmal die erste Riege, die auf dem „Pferd breit" ihre schweren Uebungen zeigt, erfreut sich grösseren Beifalles als die alten Herren. Und zum Schluss die Piece de resistance. Drei Barren werden in Y-Form aufgestellt. An den freien Barrenenden treten die Turner zürn Sektionsturnen an. J«e drei Turner vollführen gleichzeitig dieselbe Uebung. Man glaubt einen einzigen Turner mit Blitzesschnelle auf den drei Barren turnen zu sehen. In derselben Sekunde erfolgt Aufschwung und Absprung, Antreten und Abtreten der drei Turner. Immer zuerst die schwächeren, dann die besseren Turner, erst leichte, dann immer schwerere Uebungen. Da sind auch die besten des Turnvereines beisammen, Emmerich Löwy, der Libanonenhäuptling, den wir schon vom Schauturnen in Basel her in angenehmer Erinnerung haben, der muskelgewaitige zweite Turnwart, Dr. Jerusalem, dessen turnerische Eleganz nur von seiner fast pedantischen Korrektheit bei Ausführung einer jeden Uebung übertroffen wird und der Dritte im Bunde, M o 11 e r, ein nachahmenswertes Beispiel von Kühnheit und Ruhe. Sie sind nicht die einzigen, die genannt zu werden verdienen, wenn sie auch neben dem Präsidenten des Turnvereins, Dr. L. Werner und seinen Turnräten die ausdauerndsten Turner sind. Das zeigte sich, als das von fortdauerndem, grossem Beifall begleitete Sektionsturnen und damit das Schauturnen des ersten Wiener jüdischen Turnvereines zu Ende war. Da trat der Tanz in seine Rechte. Die Eröffnung war den Turnerinnen, die im Stabreigen so Treffliches geleistet hatten, mit der Schriftführerin Frl. Korn an der Spitze, vorbehalten. An sie schloss sich die lange Reihe der Komiteepaare. Es wurde getanzt, als ob alle die Tänzer und Tänzerinnen frisch ausgeruht und eben erst zu einem Balle gekommen wären. Auf der Estrade aber sass der erste Turnwart P o 11 a k, der vielverdiente, neben dem rührigen Ehrenmitglieds und unermüdlichen Förderer des Turnvereines, dem Fabrikanten H. König, lauschte in Ruhe den Tanzweisen der Kapelle Bauer und freute sich seiner Jünger und Jüngerinnen. Und auf alle Lobsprüche der Gäste antwortete er immer nur das Eine: „Wird noch ganz anders werden, wenn wir erst die Turnhalle bauen können. Sie besuchen doch unsere Theatervorstellung?" Sonntag, den 17. April findet nämlich im Deutschen Volkstheater eine Nachmittagsvorstellung zugunsten des Turnhallenbaufonds statt. Zur Aufführung gelangt „Der Kaufmann von Venedig". Wir erwarten, dass alle Freunde der jüdischen Turnsache dieser Vorstellung beiwohnen werden. Dann werden wir in hoffentlich nicht allzulanger Zeit nicht 60, sondern 600 Turner und Turnerinnen beim Schauturnen des Wiener jüdischen Turnvereines aufziehen sehen. Ben Josef. Nie hab' ich solche Seligkeit empfunden. Nie hab' ich solche Seligkeit empfunden, Als da mein Auge wieder sehend ward, Da sich in lichtverklärten Blütestunden Das neue Wunder mir geofienbart . . . Nie hab* ich solche Seligkeit empfunden, Als da ich nach verirrter Wanderfahrt Den Weg zurück zu meinem Volk gefunden. Mir schien die Welt von neuem Glanz umflossen, Als ob ein junger Frühling auferstand, Und neue Horizonte sich erschlossen Dem Auge mein, wie ich sie nie gekannt . . . Mir schien die Welt von neuem Glanz umflossen Und all der Missklang, all der Zwiespalt schwand. Der mir so lang die Seele hielt umschlossen. Ein Kraftgefühl schien stolz mich zu durchdringen, Ein eherner Trotz, der Sklavennacken steift — Und wie der Memnonsäule Zauberklingen Erklang's in mir, wenn sie die Sonne streift . . . Ein Kraftgefühl schien stolz mich zu durchdringen, Das mir die Brust gar wunderbar ergreift, Als tnüsste ich ein Lied der Freiheit singen! Heinrich Grünau. Reisesegem*) Die Herausgeber dieser Zeitung („Unsere Hoffnung") haben sich eine schöne und grosse, freudige und schwere Aufgabe gesetzt: sie wollen unsere Jugend, unsere Hoffnung in den Mittelschulen mit dem zionistischen Ideal ergreifen. Es gibt kein herrlicheres Werk zu tun in der Vorbereitung des jüdischen Volkes für seine kommenden Geschicke. Die Schüler von heute sollen Gesellen und Meister werden, und uns, die wir heute schallen, ablösen in der Arbeit für den Zionismus. Diesen habe ich einmal ein endloses Ideal genannt. Und ich glaube wirklich, dass der Zionismus auch nach der Erlangung unseres Landes Palästina nicht aufhören wird, ein Ideal zu sein. Denn Im Zionismus, wie ich ihn verstehe, ist nicht nur das Streben nach einer rechtlich gesicherten Scholle für unser armes Volk enthalten, sondern auch das Streben nach sittlicher und geistiger Vollendung. Wer also die jungen Seelen auf diesen Weg weist, verrichtet, wie ich meine, etwas Gutes. Mir liegen diese Bestrebungen auch darum am Herzen, weil ich selbst einen Sohn habe, der Tertianer ist. Euer Kamerad ist er, liebe Leser dieses Blattes! Und wie ich ihn gern zu einem braven Mann und guten Juden erwachsen sehen möchte, so wünsche ich Euren Vätern, dass sie es an Euch erleben mögen, Nehmt Euch zusammen, Jungen; wir brauchen Euch, wir warten auf Euch. Uebet nicht nur den Geist, sondern auch die Muskeln. Stark und aufrecht sollt Ihr sein! Und lernen sollt Ihr mit Eifer, mit Begeisterung. Wir werden Eure Kraft wie Eure Kenntnisse brauchen. „Judenjungen!fc' das klang bisher verächtlich. Stellt es um, und es wird ein stolzes : „Junge Juden!kl Tertianer seid ihr heute. Ihr wissl schon, was im römischen Heere die Triarier waren. Venit res ad triarios! Unsere Triarier sollt Ihr werden. Darum seid Ihr unsere Hoffnung! März 1904. Theodor HerzL *) Aus dem eben erschienenen ersten Hefte der Monatschrift „Unsere Hoffnung". Reaktion und Administration Wien, III./o Unteie Viaduktgasse 25. Vierteljälu lieh K 1.15.