Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Di* # Welt11 Seite 5 jenigen, die zur Kultuswahl gingen, um ihr Wahlrecht gegen die Offiziellen der sephardischen Gemeinde auszuüben. Danon heisst der geistige Vater der jüngsten Judenexzesse in Bulgarien, man höre und staune!, der Direktor der Allianceschule in der Hauptstadt! Neben ihm verschwinden seine Mithelfer, ein paar armselige Kultusräte, die Terrorismus in der Wahlstube trieben und keinen Vertrauensmann der Gegenpartei duldeten. Das Arrangement auf der Strasse aber hatte Danon durchgeführt. Aus dem Geständnis eines aus der Bande, dessen vollen Namen wir haben, geht hervor, dass er von Danon durch Vermittlung eines Lehrers der Allianceschule 25 Frcs. zur Organisierung einer Bande von Knüppelträgern erhielt, 8 Frcs. für Verbreitung einer antizionistischen Flugschrift, dass die Bande dieses Führers nach getaner Arbeit mit Danon zusammen ass und trank und von diesem ihrem neuen Kameraden das Ehrenwort bekam, dass jeder von ihnen zu Ostern einen neuen Anzug bekommen werde. Sie haben aber auch wacker gearbeitet! Jeder des Zionismus Verdächtige wurde vor dem Wahllokal mit Knütteln bearbeitet und vor den Augen der Polizei wurden viele blutig geschlagen und in die Flucht getrieben. Dieser unerhörte Vorgang dauerte fort bis gegen Mittag, bis die zionistische Leitung, bange um die körperliche Sicherheit ihres Anhanges, dem unglaublichen Terrorismus wich und Wahlenthaitung gebot. Noch waren aber die Gelüste des Bandenführers nicht befriedigt, und seine gehorsamen Leute lauerten am Abend den Mitgliedern des zionistischen Turnvereins Samson auf, die, nichts ahnend, überfallen wurden, worauf sich ein erbitterter Kampf mit Verwundeten auf beiden Seiten entspann. Man darf der Annahme keinen Raum geben, dass die Banditen missverstandene Aufträge ihres Kommandanten auf eigene Art ausführten. Denn der Mann, dessen Geständnis uns vorliegt, ist ein oft abgestraftes Individuum und sein Auftraggeber wusste wohl, welche Kräfte er durch ihn gegen die Zionisten mobilisierte. Eine ganze Reihe von Gewährsmännern bestätigt uns die vorgekommenen Gewalttaten und ihren Ursprung, den Ursprung von Judenkrawallen aus einer Schule der Aliiance Israelite. Wir wollen letzterer mit keinem Worte die unmittelbare Veranlassung zum Verbrechen ihres Angestellten zuschreiben. Aber auch er selbst trägt nicht die volle Verantwortung. Er bietet uns das Musterbeispiel eines Liebedieners, der päpstlicher sein will als der Papst, dem er gefallen möchte. Die Kreaturen der Ailiance merken den feindlichen Zug, der von Paris gegen die Zionisten geht, sie werfen von ihrer halbasiatischen Denkungsart die Tünche europäischer Kultur ab und machen gemeinsame Sache mit Verbrechern, um die verhassten Zionisten zu besiegen. Dieser Danon, das Muster eines Jugendbildners, hat aber nur eine verbesserte und vergrösserte Auflage eines Ereignisses geliefert, das in derselben Form schon drei Monate vorher stattfand. Damals gingen die Wahlen in das Schulkomitee vor sich,, und der knüppelschwingende Mob drang in die Versammlungen der Zionisten. Aber erst dem Wahltag der sephardischen Gemeinde blieb es vorbehalten, den Wahlrechtsraub in der klassischen Form des Strassen raubes ausgeführt zu sehen. Das war die Antwort auf die Opposition der Zionisten gegen das Erziehungssystem in den Allianceschulen. Beweisend für die Notwendigkeit dieser Opposition ist die Abneigung der jüdischen orientalischen Bevölkerung dort, wo noch eine andere Bildungsstätte als die Allianceschule besteht. Aber selbst wenn die Gegnerschaft zu Unrecht bestünde, keine Entschuldigung der Welt vermöchte die Antwort durch den Strassenpöbel Sofias zu rechtfertigen. Wie gesagt, fällt es uns nicht ein, gegen die Ailiance scharfzumachen und ihr eine Schuld an den empörenden Vorkommnissen zuzuschreiben. Aber den entfernten Zusammenhang der Scharfmacherei gegen uns mit diesen traurigen Folgen müssen wir feststellen. Und feststellen müssen wir ferner, dass seitens unserer Gesinnungsgenossen auf dem Balkan kein Anlasss zu Reibungen gegeben wurde. Denn die Sorge, die Erziehung unserer Jugend gut oder auch nur besser zu gestalten, muss von jeder Gesellschaft willkommen geheissen werden, die tatsächlich die Interessen der Gemeinschaft im Auge hat. Möglich, dass Gesinnungsverwandte Danons die Stimmung in Paris verschärfen, um bei der entstehenden Trübung Fischzüge zu tun. Am allerwenigsten aber die Aliiance dar,f gegen Leute auftreten, die als Triebfeder ihrer Handlungen stets nur die Liebe zum Judentum gezeigt haben. Sie hat jetzt gesehen, wie Feindseligkeit ins Balkanmässige übersetzt wird und jedermann kann sich leicht vorstellen, dass, wenn es auch nicht zum aktiven Auftreten von Strauchrittern kommt, unüberbrückbare Risse im Judenleben dieser Gegenden entstehen. Mehr noch als eine Genugtuung für die beleidigte öffentliche Moral ist die Ailiance verpflichtet, diese Risse verschwinden zu machen und durch Aussprache-oder Vergleich Frieden zu schliessen mit einer Macht, die selbst der lebhafteste Wunsch nicht kleiner machen kann. Mit einer Macht, welche die Ziele der Ailiance ohne Auftrag und Bezahlung fördert, wenn vielleicht auch nicht die Ziele des derzeitigen Vorstandes. Dann wird es keine Ueberfälle auf ehrliche Männer mehr geben, die ihr Judentum bezeugen gehen. —y. Mit den oben angeführten Meldungen steht ein Brief in Widerspruch, den wir vom Grand-Rabbin von Bulgarien, Dr. M. Ehrenpreis in Sofia erhalten. Wir lassen loyal den vollen Wortlaut dieses Briefes folgen: Sofia, 5/18. März 1904. Sehr verehrter Herr Doktor! Der Ihnen aus Sofia eingesandte Bericht entspricht nicht den Tatsachen. Plätze im Wahlbureau kann niemand „okkupieren41; die Wahlbureaus werden vom Präfekten ernannt. Es ist unrichtig, dass ein „Protest beim Grand-Rabbin erfolglos blieb4'. Ich habe einige Herren, die bei mir am Wahltage wegen angeblicher Wahlmissbräuche sich, beschwerten, auf die Bestimmung des Wahlgesetzes verwiesen, wonach allfällige Proteste im Wege der Präfektur an das Kultusministerium zu leiten sind, dem allein die Entscheidung über Giftigkeit und Ungiltigkeit der Wahl zustehe. Als aber die Herren den Wunsch äusserten, dass ich mittelst einer Enquete die vorgekommenen Missbräuche feststelle, um so zumindest die moralische Ungiltigkeit der Wahl öffentlich zu dokumentieren, erklärte ich mich dazu sofort gerne bereit, unter der Bedingung, dass dieses Ansuchen in einem schriftlich motivierten Protest wiederholt werde, der die einzelnen Beschwerden sowie die Namen der Personen enthalten sollte, die mir die Richtigkeit der angeführten Tatsachen bestätigen könnten. Die Herren stellten mir die Ueberreichung dieses schriftlichen Protestes für den nächsten Tag in Aussicht. Allein dieser schriftliche Protest ist mir bis heute nicht überreicht worden. Damit aber ein Protest Erfolg hat, muss er vor allem überreicht werden. (Ich erfahre soeben, dass ein von denselben Herren mit 15 Unterschriften im Ministerium überreichter Protest als nicht stichhältig unberücksichtigt blieb.) Von einer „Rotte44, die die Mission hatte, „jeden zionistischen Wähler mit dem Knüttel niederzuhauen44, ist mir absolut nichts bekannt; vielmehr ist mir bekannt, dass 84 zionistische Wähler in voller Freiheit ihre Stimmzettel abgegeben haben; erst in den Mittagstunden hat die zionistische Gruppe die Parole der Wahlenthaltung ausgegeben — aus mir nicht bekannten Gründen. Ob am Abend eine Schlägerei stattgefunden, weiss ich nicht. Die dem Berichte beigefügte Erklärung kann keinen dokumentarischen Wert beanspruchen, da der Unterfertigte ein berüchtigtes, vielfach abgestraftes Individuum ist. Mit Zionsgruss und ausgezeichneter Hochachtung Ihr aufrichtig ergebener Dr. Ehrenpreis. An das Bureau des Zionistenkongresses, Wien.