Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie & weit" Nr. 14 Tiefe und wahre Religiosität zeichnete den Mann mir, der erst den Weg zum Judentume, dem seine Familie sich entfremdet hatte, aus eigener Initiative suchte und wieder gefunden hatte. Er hat es mir selbst erzählt, wie es gekommen war. Mr. Henry Edward Golds mid, General-Sekretär der Bombayer Regierung und dessen Bruder, Sir Frederick G o 1 dsmid, Generalmajor und wohlbekannt als Autorität in persischen und indischen Fragen, waren Christen geworden. Als Sohn Mr. Henry Edward Golds mids, im Jahre 1846 geboren, wurde uilser Albert Edward Goldsmid im Christentume erzogen. Im Jahre 1855 übersiedelte seine Familie von Indien nach England. Damals gab es noch keinen Suezkanal, und man machte zur Abkürzung des Weges die Fahrt vom roten zum mittelländischen Meere über Land. Zur Zeit wütete in Aegypten der Würgengel der Cholera, dem auch Mr. Henry Edward Goldsmid zum Opfer fiel. Auf dem englischen Friedhof in Kairo wurde er begraben. Erst in seinem IL Jahre erfuhr unser Albert Edward Goldsmid, dass er jüdischer Abstammung sei. Dieser Gedanke Hess den Knaben nicht mehr zur Ruhe kommen, und von diesen Kindheitstagen an reifte in ihm der Entschluss, zum Judentume zurückzukehren. Und kaum hatte er die Militärschule von Sandhurst im Jahre 1866 mit glänzendem Erfolge absolviert und war dem 4, Füsilier-Regimente zugeteilt, als er seinen Entschluss auch ausführte und zum Judentume übertrat, wobei er den jüdischen Namen Michael erhielt. Und dieser Schritt war durchaus nicht nach dem Sinne seiner anders denkenden Familie, deren Mitglieder, sowie auch seine Geschwister, in christlichen Glauben verblieben. Seine gleichgesinnte Frau wählte er ebenfalls aus einer marranischen Familie und heiratete sie unter Bewältigung aller sich entgegenstellenden Widerstände, nachdem sie Jüdin geworden war, Infolge seiner ausgezeichneten militärischen Qualitäten machte Goldsmid seine Carriere. Zuletzt nahm er als Oberst und General-Quartiermeister am südafrikanischen Feldzuge teil. Im Oktober 1903 wurde er, nachdem er die Altersgrenze erreicht hatte, pensioniert, wobei ihm die grosse Auszeichnung zuteil wurde, dass sein König ihn auf sein Schloss Balmoral für o Tage als Gast einlud, und ihm bei dieser Gelegenheit den hohen Viktoria-Orden verlieh. Dass der Oberst bei seiner Gesinnung sich nicht nur darauf beschränkte Jude zu sein, sondern sich auch als solcher betätigte, ist fast selbstverständlich. Er nahm an dem Leben der engeren Gemeinde lebhaften Anteil, aber er kümmerte sich auch um alle Fragen der Gesarnmt-Judenheit und war überall im Vordergrund, wo es galt, seine Dienste derselben zur Verfügung zu stellen. Als Baron Hirsch die argentinischen Kolonien gründete, war es Colonel Goldsmid, der es übernahm, dieselben einzurichten, und er stand ihnen in den Jahren 1892 und 1893 als General-Direktor vor. Er, der grosse Sportsfreund, der den Wert der körperlichen Ausbildung zu schätzen wusste, scheute nicht die Mühe, als Kommandant der jüdischen Knabenbrigade zu wirken und damit die körperliche Ausbildung der arg vernachlässigten Kinder des Ghetto zu fördern. Die erzielten Resultate, auf die er stolz war, werden auch von allen Seiten rühmlichst anerkannt. Er war ferner Vorstandsmitglied der „Anglo- Jewish Association" und einer der Gründer und zuletzt Präsident des „Maceabaean-Clubs*, welcher für sich den Ruhmestitel in Anspruch nehmen darf, zu allererst in London einen Krystallisationspunkt jüdischen Lebens gebildet zu haben. In seinen Ansprachen bei den Zusammenkünften dieses Klubs kam Oberst Golds m i d s zionistische Gesinnung stets zum feurigsten Ausdruck, denn Zionist war er mit Leib und Seele1 und an Zion dachte er immerdar, unbeschadet seiner Treue und Verehrung für das Land, unter dessen Fahnen er diente. Beim letzten Kongress in Basel war er auch erschienen, nicht als Delegierter, sondern als zionistischer Gast, den die Begeisterung für die Sache herbeigeführt hatte. Mit fieberhafter Aufregung verfolgte er diese Verhandlungen und bot sofort mit unermüdlicher Begeisterung seine Dienste an, wenn es dazu kommen sollte, eine Expedition nacu Ostafrika auszusenden. Nachdem er den aktiven Militärdienst verlassen hatte, erklärte er sich auch bereit, in der zionistischen Organisation aktiv tätig zu sein und wurde sofort in den Vorstand der „English Zionist Federation" gewählt. Es sollte ihm nicht beschieden sein, sich in dieser Funktion lange zu betätigen. Um die Jahreswende 1904 erkrankte seine Frau an einer Blinddarmentzündung und musste operiert werden. Nachdem diese Operation glücklich bestanden war, reiste er zur vollständigen Erholung seiner Frau mit ihr und der unverheirateten Tochter an die Riviera. Und auf der Heimreise wurde er so jäh dahingerafft und das innigste Familienleben, das man sich denken kann zerrissen. Voriges Jahr — in Aegypten — sehnte er sich darnach, wieder einmal Pessach zu feiern. Durch die Teilnahme am südafrikanischen Kriege war er seit drei Jahren daran verhindert gewesen. Als gehorsamer Soldat, der er immer war, verzichtete er auch voriges Jahr auf die Freude, das schöne Fest im Kreise der Seinen zu feiern, da der Zionismus seiner Dienste in Aegypten bedurfte. Und heuer ist er vor den Feiertagen dahingerafft worden .. . Tieie Trauer mag über diesen Verlust in Israel herrschen, denn einer der besten Söhne unseres Volkes ist heimgegangen. Was er schon geleistet hat, ist genug, um seinem Namen in der Ruhmeshalle unseres Volkes ein ewiges Gedächtnis zu sichern — was aber haben wir von ihm noch alles erwartet! Ein leuchtendes Beispiel aber soll er uns alle Zeit sein in Bezug auf Subordination und Disziplin. Der Sache, der er sich ergeben, diente er auf jedem Platze, auf den man ihn stellte. Denn Disziplin, der Grundpfeiler der Organisation, das war seine Ueberzeugung. — Seine Liebe zum Judentum hat er auf seine Töchter übertragen. Möge die Trauer ihres Volkes ihnen und der gebeugten Frau Trost sein in diesen schweren Tagen! Oskar Marmorek, * * * Bei der Ueberführung der Leiche nach London erwiesen sämtliche zionistischen Vereine und die Vertreter der Volksuniversitäten von Paris durch ihr Erscheinen am Bahnhof dem Verstorbenen die letzte Ehre. Strauchritter, Empcrende Nachrichten kommen aus Sofia. Den Leuten, die derzeit das jüdische Volkzugrunde regieren, beliebt ein System der Verhetzung gegen die genausten Zionisten, die ihren Machenschaften steuern wollen. Dieses System ist jetzt in, Sofia gekrönt worden. Argumente der Strasse in ihrer krassesten Form sind gegen cüe Zionisten angewendet worden, und eine Knüppelgarde aus dem Abschaum der Vorstädte empfing die-