Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „bi* * W^lt" Seite 3 Seine Eminenz: »Wir halten die Qualen und Verfolgungen der Juden, wie sie uns besonders aus Russland gemeldet werden, für ungerecht und verwerflich." Ich: „Von dort wollen auch die meisten Juden nach Palästina zurück." Seine Eminenz: „Diese Sehnsucht der Juden nach der alten Heimstätte, das ist eine der merkwürdigsten Sachen, das scheint ja in die Herzen wie eingemeisselt. Ein Volk der Vorsehung, das Volk der Geschichte par excellence sind die Juden. Was sie einmal erlebt haben, das scheinen sie nicht wieder vergessen zu können. So erzählte man mir — was mich als Spanier sehr interessiert — dass im Orient jüdische Zeitungen mit hebräischen Lettern in spanischer Sprache ersch^inan. Die Leute, die vor Jahrhunderten von Spanien ausgewandert sind, haben auf diese Weise unsere Sprache konserviert. Ist das nicht merkwürdig?" Ich bemerkte, dass auch die Dankbarkeit der jüdischen Nation eine ungewöhnliche sei, dass wir Wohltaten nie vergessen. Daran schloss ich meinen Dank für den überaus freundlichen Empfang. Als ich bereits im Vorsaale war, öffnete der Kardinal nochmals die Türe und ersuchte mich wenn ich nach Wien schreibe, Herrn Dr. H e r z 1 grüssen zu lassen. * * * Ehe ich von Rom abreiste hatte ich nochmals Gelegenheit, den Papst in der allernächsten Nähe zu sehen. Sieben Monate seines hohen und verantwortungsvollen Amtes waren wie sieben schwere Jahre über sein kräftiges Haupt hingefahren. Die rosige Farbe, das zufriedene, leuchtende Aussehen waren geschwunden, die nackenstarre Gestalt erschien gebeugt und in dem gütigen, klaren Gesichte hatten die Sorgen tiefe Falten gegraben. Wer diese Wandlung teilnahmsvoll beobachtet, der würdigt auch die Thränen, die Kardinal Sarto geweint hat, als man ihn zum Papste erwählte, und er versteht auch das durchaus nicht komplizierte Wesen dieses höchsten Kirchenfürsten. Ein grundgütiger c Mensch sitzt auf dem Kirchenthron zu St. Peter, dem alles Leid direkt ans Herz greift — ein grosser Optimist und Menschenfreund dem die Kleinlichkeit und Sündhaftigkeit der Menschen tiefen Kummer bereiten« Die katholische Kirche ist die grösste Organisation unserer Zeit- — selbst ohne besondere Kämpfe bietet ihre Leitung schwere Sorgen und auch ohne äussere Angriffe gibt es da tiefe Kränkungen und ernste Konflikte. Wir Juden, die wir nichts anderes tun können, als achtungsvoll beiseite stehen, sollten jedoch dafür sorgen, dass von unserer Seite diesem gütigen Papste kein Aergernis bereitet werde* Und das auch in unserem Interesse. Rom, im Februar 1904. H. York-Steiner. I Oberst Goldsmid Die Tage der Freude anlässlich unseres nationalen Befreiungsfestes, des Pessach, werden durch eine tieftraurige Nachricht verdüstert, welche der Telegraph heute bringt — einer der besten und treuesten Söhne unseres Volkes, der englische Oberst Goldsmid ist auf der Heimreise von der Riviera nach London in Paris an Darmverschlingung erkrankt und trotz der sofort vorgenommenen Operation, gestorben . . . Ein Jahr ist kaum vergangen seit die El-Ariseh- Expedition stattgefunden hat, und nun hat das grausame Geschick binnen wenigen Wochen schon zwei Teilnehmer der Expedition jäh dahingerafft. Zuerst L aurent und nun Goldsmid! Laurent hat als Fremder uns seine Dienste zur Verfügung gestellt. Ganz anders Goldsmid. Er war unseres Blutes und Geistes; für ihn war die Teilnahme an der Expedition nicht eine Vernunftssondern eine Herzenssache. Mit ganzer Seele, mit der Begeisterung eines Jünglings nahm er an dem Zage teil, der den Juden, wie er mit hoffte, ein Stückchen Land bringen sollte. Mit fieberhafter Ungeduld verbrachte er die Tage, die die Expedition in Kairo zubringen musste, und kaum konnte er es erwarten, dass das zu erforschende Land betreten werde. Und als wir endlich dort waren, da litt es ihn nicht mehr auf dem Kameele, zu Fuss stürmte er — der Aelteste von uns allen — dem ganzen Zuge voraus. Die schwerste Arbeit hatte er übernommen: er führte das Logg buch (Tagebuch) Oberst Goldsmid während der El Arish Expedition. der Expedition. Stets mit dem Notizbuche in der Hand notierte er gewissenhaft während des ganzen Tages alles Bemerkens- und Erwähnenswerte. Wenn wir uns beim Anlangen im Lager zu einer Konferenz zusammensetzten, um die Beobachtungen des Tages auszutauschen und dann von des Tages Strapazen schwer ermüdet die Ruhestätte aufsuchten, blieb unser verehrter Oberst beim Scheine einer Kerze noch lange sitzen, um alles in seinem Loggbuche zu fixieren. Während des zweiten Teiles der Expedition teilte ich mit dem Obersten das Zelt und machte dabei eine Beobachtung, die für den Dahingeschiedenen so charakteristisch ist, dass sie sein Wesen mehr als viele Worte kennzeichnet. Nachdem das Loggbuch geschlossen war, zog G o 1 d s m i d aus einem seiner unendlich vielen Reisesäcke den Psalter hervor und las noch für sich einen Psalm ... Er hatte auch Talles und Tefillin auf die Expedition mitgenommen, damit er nach jüdischem Brauche begraben werden könnte, wenn ihn das Schicksal unvorhergesehen erreichen sollte!