Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316088--45590-3340405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Jfbi$ * Welt11 Nr. 14 Stimme erstreckt sich der Gegensatz. Das Organ Merry delVal's klingt zart und gewinnend. Das Gespräch entwickelte sich wie folgt: Seine Eminenz: „Was führt Sie zu mir?*4 Ich: „Die allbekannte Herzensgüte seiner Heiligkeit Pius X., seine edlen und herzlichen Worte haben überall die grössten Hoffnungen erweckt. Auch wir Juden erwarten von seinem Regime manche Erleichterung im Verkehre mit unseren katholischen Mitbürgern." Seine Eminenz: (Mit feinem Lächeln, das seine Züge noch gewinnender erscheinen lässt.) „Was kann Seine Heiligkeit vom Standpunkte der Kirche dazu tun? Vergessen Sie nicht den absoluten Gegensatz, die religiöse Differenz zwischen uns/ Ich: „Schon, dass an dieser Stelle zum Beispiel Dr. Herzl als Führer einer jüdischen Bewegung empfangen wurde, scheint mir eine bedeutsame Wandlung zu bedeuten, und ich glaube, es interessiert die gesamte Judenheit, was da besprochen wurde." Seine Eminenz: „Da ist kein Grund zur Zurückhaltung. Der Herr Dr. Herzl wurde von Seiner Heiligkeit empfangen, und auch ich hatte das Vergnügen, ihn zu sprechen. Er machte bei Seiner Heiligkeit den besten Eindruck, auch was er uns zu erzählen wusste, war sehr interessant, und für seine Nation scheint alles sehr gut. Aber was können wir dabei tun? Es hiesse ja, sich in einen Gegensatz zu unseren eigenen Prinzipien, zur Basis unserer Kirche bringen, wenn wir da eingreifen wollten, wie es Herr Dr. Herzl vielleicht von seiner Heiligkeit erwartete. Wie können wir zum Beispiel das Land unseres Erlösers einem andersgläubigen Volke selbst ausliefern, die heiligsten Stätten aus Händen geben?" Ich: „Die dem Christentum geheiligten Stätten müssten natürlich exterritorial erklärt werden. Es denkt kein Jude daran, die heiligen Reliquien der Christen anzutasten." Seine Eminenz : „Das hat uns der Herr Dr. Herzl allerdings auch gesagt." Ich: „Schliesslich sind ja diese heiligen Stätten auch jetzt nicht in den Händen der Christen, sondern in jenen der Mohamedaner." Seine Eminenz: „Ja leider. Die christlichen Mächte glauben aus Eifersucht — aus rein politischen Gründen diesen Zustand erhalten zu sollen." Ich: „Eine christliche Legende spricht ja auch davon, dass die Juden sich wieder in Palästina vereinigen werden." Seine Eminenz: „Das ist wohl nur eine Legende." Ich: „Und dennoch sollte vom Vatikan aus kein Hindernis gegen die Besiedlung das Landes Palästina durch die Juden zu erwarten sein." Und nun schilderte ich Seiner Eminenz die Leiden der Juden in verschiedenen Ländern, die sie zwingen, eine rechtlich-gesicherte Heimstätte in Palästina anzustreben. Seine Eminenz : (ordentlich erleichtert und sichtlich erfreut, mir ein gutes Wort sagen zu können.) „Das ist etwas ganz anderes. Wer sagt denn, dass wir das hindern wollen? Wenn die Juden glauben, dass sie im Lande ihrer Väter ihr Los erleichtern können, dann ist das für uns eine Frage der Humanität. Die Grundlage des heiligen Stuhles ist eine apostolische, er wird nie gegen eine Unternehmung sein, die menschliches Elend lindert. Ueberhaupt, was man sich unter vatikanischer Politik vorstellt" — (und wieder kam jenes feine Lächeln über sein Gesicht, das die zarten Züge von innen heraus verschönt.) „Wir haben einegrosse Achtung vordem eigentlichen Judentum, wir vergessen nie, dass wir nichts wären ohne dieses, dass es die Grundlage unserer Religion ist. Wenn die Katholiken gegen Juden zu kämpfen in die Lage kommen, dann geschieht es gegen den Einzelnen, der sich Uebergriffe gestattet". Ich: „Und doch hält man die ganze antisemitische Bewegung in Wien für ein Werk des katholischen Klerus, unterstützt vom Vorgänger Eurer Eminenz". Seine Eminenz: „Vergessen Sie nicht, dass sich viele aus Neid, aus Eigennutz, aus politischen und sonstigen weltlichen Gründen an uns klammern. Aber anderseits dürfen sie auch nicht übersehen, dass die Katholiken gerade in Wien um ihre berechtigte Stellung kämpften. Die Juden drängen überall vor, so erzählt man mir, dass in Wien 70 Prozent aller Lehrer Juden wären.*) Kann man es mitansehen, dass katholische Kinder im zartesten Alter von Andersgläubigen unterwiesen werden? Nehmen wir an, Sie hätten die Mehrheit im Staate oder ein eigenes Land, würden Sie das zugeben?" Ich: „Eure Eminenz scheinen da unrichtige Informationen erhalten zu haben; es kann nie so viele jüdische Lehrer in Wien gegeben haben. Vielleicht 7 Prozent, und das entspräche dem Bevölkerungsprozentuale". Seine Eminenz: „Ferner finden wir die Juden immer im Lager unserer Gegner. Wo ein schlechtes Bach erscheint oder ein hässliches Bild, das uns verhöhnt, eine Zeitung, die uns verunglimpft — wenn wir die Sache genau untersuchen — es steckt immer ein Israelit dahinter/ Ich: Auch hier glaube ich, sind Eure Eminenz nicht ganz unparteiisch informiert. Wenn es aber vorkommt, dann ist es immer ein Vergehen." Seine Eminenz (rasch einfallend.) „Aber glauben Sie nur ja nicht, dass wir deswegen alle Juden verdammen. Wir wissen, dass es die Sünden Einzelner sind. Ein jeder von uns sündigt mit seinen Gaben. Die Juden sind zumeist Geschäftsleute und so sündigen sie mit dem „Affarismo". Und das sollte anders werden/ Ich: „Und das könnte anders werden unter der Herrschaft eines Papstes, wie Pius X. es ist, Indem ich heute hier empfangen wurde und nun gar für meine Volksgenossen sprechen darf, sehe ich schon eine grosse Wandlung sich vollziehen." Seine Eminenz (freundlich nickend.) „Sie müssen aber auch auf Ihrer Seite wirken, damit wir die Juden nicht immer im Lager unserer Feinde finden» Wir sind, wie ich schon sagte, keine Gegner der Juden als solche, abgesehen davon, dass wir ihre Religion respektieren, schliesst die allgemeine Menschenliebe und die besondere Sendung des heiligen Stuhles Petri dergleichen Feindschaften aus." Ich: „Euere Eminenz, ich bin überzeugt, dass es bis ins Dunkel des letzten polnischen Dorfes einen Strahl von Freude tragen wird, wenn es heisst, dass in Rom im Vatikan nicht ein mächtiger Gegner sitzt sondern ein weiser, gütiger, milder Herr, der auch den J^eiden der armen Juden sein aufmerksames Ohr leiht." *) Seinerzeit wurde von den Antisemiten eine Liste aufgestellt, nach welcher etwa 70 Prozent aller Professoren an der medizinischen Fakultät in Wien Juden wären. Da wurden aber alle getauften Juden und sogenannten Judenstämmlinge mitgezählt. Vielleicht hat man diese Liste dann weiter präpariert.