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Die Welt · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 lfbie $ weit" Nr. 13 Die Ausstattung des Betraumes gemahnt in ihrer Einfachheit an einen Haushalt, der wohl gegen Putztand eine strenge Abneigung hat, aber sorgsam darauf achtet, dass den notwendigen Geräten eine freundliche Wohlgestalt eigen sei. Gegenüber dem Eingang, an der Ostwand, deckt ein dunkelroter Vorhang die Bundeslade — den Bücherschrein, der ein einziges, ein wahrhaft einziges Buch enthält, das Buch der Bücher. Wie vor einer Schatzkammer versammeln sich vor dieser Bibliothekstruhe die Juden, denn sie sind in einem ganz besonderen Sinne Biblophile. In den Vorhang ist der Davidsstei n eingestickt. An dem schmucklosen, mit dunkler Decke überkleideten Betpult steht der greise Vorbeter, der von der Wiener Gemeinde den jüdischen Insassen des Krankenhauses zur Seelsorge bestellt ist. Sechs Kerzen in blanken Leuchtern brennen auf dem Betpult. Ueber ihnen hängt von der Zimmerdecke das Oellämpchen herab, darin bei Tag und Nacht in rotgläsernem Kelch ein stilles Flämmchen lebt, als wäre es das einsame, aus durchsichtigen Herzwänden herausblickende Seelchen des Bethauses. Ausser diesen Lichtquellen, die mehr eine feierliche Sprache reden als Beleuchtungszwecken dienen sollen, gibt es im Zimmer an den Wänden noch einige Gaslampen, von denen eine frische Helle ausgeht. Auch ein modischer Gasofen gleisst links an der Wand. Der ebene Plafond ist mit anspruchslosen Arabesken bemalt, rings an den Wänden ziehen sich oben Sprüche in hebräischen Lettern hin. Draussen hat sich schon der Abend feucht und undurchdringlich um das Bethaus gelegt, durch die Glasscheiben der vier Fenster blickt sein Dunkel herein. Dieses Zimmer stellt das Gesamtinnere des Bet hauses dar. Die glatte Einfachheit der Einrichtung ist nicht bloss aus dekorativen Erwägungen herzuleiten. Wir sind ja in einer Betstätte für Kranke! Wir sind auf dem Boden des Allgemeinen Krankenhauses, wo man insgemein den Zimmerwänden und Geräten ein entbehrliches Zierrelief und Nischenwerk versagt. Man will nicht Schlupf- und Siedelplätze für Staub und Krankheitskeime schaffen. An der Sauberkeit beteiligen sich auch die in graue Leinwanddeckel gebundenen Gebetbücher, die zum Inventar des Bethauses gehören und auf den einzelnen Sesseln bereitliegen. Es sind dreizehn kranke Männer anwesend, und im Verlaufe des Gottesdienstes erscheinen noch fünf Patienten. Auch hier wird eine bestimmte Sitzordnung eingehalten: aber richtunggebend für den Verweilsort des Betenden ist nicht der Füllungszustand seiner Geldbörse, in diesem Bethaus sitzt nicht der mit Gold Begabtere vorne, näher dem Altar, und der Minderbemittelte in den rückwärtigen Sitzreihen; als Einteilungsgrund gilt hier die Art der Krankheit. Die Hautkranken sitzen links vom Mittelgang, die Patienten der chirurgischen, internen und anderen Abteilungen haben den rechten Trakt der Sesselreihen inne. Wohl hat auch hier das Metall die Macht, dem Andächtigen einen bestimmten Sprengel anzuweisen, aber es übt seine Allgewalt nicht in Form geprägter Plättchen aus, sondern in anderer Eigenschaft: als Argentum nitricum, als Plumbum aceticum basicum solutum, als Hydrargyrum, als Zincum sulfocarbonicum u. s. w. Die Art des Verbandes, das Medikament, das der Verbandstoff deckt, ist hier zugleich die Art des sozialen Verbandes, dahin der Betende eingereiht wird. Auch ein gesonderter Frauenbezirk ist in dem Zimmer. Links neben dem Eingang scheidet eine grüne „^nische Wand" einen kleinen Sesselkomplex von dem übrigen Betraum, und in dieser Einhegung sitzt eine junge jüdische Patientin. Die Kranken, die sich hier eingefunden haben, sind wohl trotz ihrer zerbrochenen Gesundheit zu Zeiten gestimmt, ein Dankgebet zu sprechen. Denn sie haben immerhin noch eine Fähigkeit, um die sie Hunderten und Hunderten der Krankenhausinsassen voraus sind: sie können gehen! Mancher setzt zwar nur mühsam Fuss vor Fuss — so der junge Patient, der vor einer Weile, das rechte Bein nachschleppend, hereinkam — aber es ist doch ein Plus von Glück gegenüber dem Elendsheer, das drüben, so Jud wie Nichtjud, in den langen Krankensälen an die eisernen Spitalbetten gekettet ist. Die zur Andacht versammelten Patienten sind mit der üblichen Spitalstracht angetan. Die Männer tragen die blau-weiss gestreiften Linnenanzüge, die Patientin das weisse Leibchen und den weissen Rock. Da und dort hat Einer als Ueberkleid den missfärbig braunen Mantel aus grobem Kotzenstoff an; unter den Requisiten des Krankenhauses vielleicht eines der unerquicklichsten. Man verknüpft immer damit das Bild irgendeines Jammermenschen, der die Kapuze tief ins Gesicht hereingezogen hat, um irgendwelche Zerstörungen zu bergen, so dass nur zwei finstere Augen mit einem feindseligen Ausdrucke aus dem engen braunen Stoffrahmen hervorlugen. Ein grauhaariger Jude mit Brille und langem Vollbart hat den enganliegenden Kaftan als Oberkleid hieher in das Bethaus mitgenommen. Auf dem Kopf hat er die flache schwarze Schildkappe, die er ausserhalb des Krankenhauses trug. Die Kopfbedeckung der anderen ist die blau-weisse Patientenkappe. Zudem hat mancher einen Kopfverband. Dort dem Mann in der zweiten Bankreihe rechts sind Kopf und Nacken kunstgerecht in dickgeschichtete Verbandtouren, in das „Capistrum" der Chirurgen, eingepfercht. Ein Kranker, der kaum das Knabenalter überschritten hat, hat ververmutlich an den Händen ein hartnäckiges Hautleiden : die Handflächen und die einzelnen Finger sind von „dachziegelförmig" übereinander gereihten Pflasterstreifen umsponnen. Auch zwei Halsverbände sind da. Zwei Hautkranke schauen wie weissgeschminkt aus; ihre Wangen sind mit Zinkpasta bestrichen, sodass darauf das Lampenlicht in fettigen bläulichen Reflexen erglänzt. Unter den Männern, die nach Beginn des Gottesdienstes hereingekommen sind, ist ein arg Asthmatische]*. Sein Athem schleift hörbar durch die Luftwege, manchmal stellen sich heftige Hustenanfälle ein, und der Kranke begibt sich, wie dressiert durch längere Gewohnheit, in einer mechanischen Gangait hinter zum Spucknapf neben der Tür. Man darf sich aber nicht vorstellen, dass in diesem Bethause derlei Leibesübel eine besondere Aufmerksamkeit erregen, oder dass hier Jemand mit Scheu oder nur mit Neugierde auf den Nebensitzenden blickt. Es ergibt sich der Eindruck, dass hier dar Nachbar dem Nachbar ebenso gleichgiltig oder ebenso interessant ist, wie in einem Bethause der Gesunden. Eine Stimmung, die jedoch keineswegs stumpfe Apathie ist. Wer im Krankenhause für längere Zeit Herberge nimmt, sieht immerzu so viel Körperzerstörnis, dass er allgemach lernt, unbefangen daran vorüberzusehen. Zudem ist Jeder zu sehr mit seinen eigenen Leiden beschäftigt, als dass er für den Anderen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit übrig haben könnte. Der nach innen in's Wunde gekehrte Blick mag bewirken, dass hier — wie es scheint — die Andacht inbrünstiger ist, als draussen in den Beträumen der

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