Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „oie # weit11 Seite 9 christlichen Schülern. Am 14. Jänner fand folgende Szene statt: Beim Verlassen der Schule Ecole Gustave de Rothschild, welche nur von Juden besucht wird, wurden die Schüler von einem Haufen halbwüchsiger Jungen angegriffen, die „Nieder mit den Juden! Man muss sie ausrotten!" schrie. Es kam zu einer ernsten und blutigen Schlägerei. Ein zwölfjähriger Knabe, Albert Guiibert, wurde mit einem Nagel am Schädel verletzt, so dass er trepaniert werden musste. Die Samen, welche die antisemitische Presse streut, tragen Früchte . . . Die Immigration nach England. Die neueste Statistik der Einwanderung nach England im Monat Februar zeigt, dass in diesem Monat 5 174 Fremde eingewandert sind, die als nicht en route (unterwegs) befindliche Emigranten bezeichnet waren, während es im Februar 1903 derer nur 4911 gab. Der Ueberschuss beträgt also 265. Die en route befindlichen Immigranten, die nach England anlangten, zählten in diesem Februar 5135, im Februar vorigen Jahres aber 6047, also um 912 weniger. Zusammen also weist die Zahl der Immigranten eine Reduktion um 649 auf. Die Reduktion der Einwanderung nach England wird noch deutlicher, wenn man die Gesamtrechnung für die beiden Monate Jänner und Februar ins Auge fasst. Dann erweist sich, dass die Einwanderung im Vergleich zum vorigen Jahre um 2697 gesunken ist. Ein Prozess mit religiösem Hintergrund. Ein solcher hat sich jüngst in Liverpool abgespielt. Die russisch-polnischen Juden haben einen „Rov" und Schauchtim dorthin kommen lassen. Dr. Adler, Chief Rabbi von England, liess nun in den Synagogen dahier bekannt geben, dass die Schächter von ihm keine Erlaubnis zu Schächten, und die Metzger keine Erlaubnis zum Koscher-Fleischverkauf haben. Der Schechitah-Board (Ritualkommission) hat aber zugesetzt, dass das Fleisch ossur sei und man es nicht kaufen dürfe. Er wurde wegen Boykott zu 100 Pf. St. Schadenersatz an die Metzger verurteilt, Dr. Adler freigesprochen. Einschränkung der Einwanderung in die amerikanische Union. Es wird aus. Washington gemeldet, dass Abgeordneter Adams im Kongresse eine Bill eingebracht habe, durch welche die Zahl der Einwanderer, welche künftig innerhalb eines Jahres in den Vereinigten Staaten zugelassen werden soll, nicht mehr als 80 000 betragen dürfe. Mr. Adams führte aus, es würden durch die Bill nur drei Länder Europas, nämlich Oesterreich- Ungarn, Russland und Italien, aus welchen Ländern die am wenigsten wünschenswerten Einwanderer stammen, berührt. Von der Million Einwanderer des letzten Jahres seien zwei Drittel aus den genannten Ländern gekommen, und. aus der Einwanderungsstatistik gehe hervor, dass trotz der sorgfältigsten Inspektion im abgelaufenen Jahre nur 4A Prozent von der Einwanderung ausgeschlossen werden konnten. Amerikanischer Handel in Palästina. Nach den Angaben des amerikanischen Konsuls in Jerusalem, Mr. Merrill, ist in Palästina die Nachfrage nach amerikanischen Waren gross. Das Angebot dagegen ist verhältnismässig gering. Daraus folgt selbstverständlich Verteuerung der Preise dieser Waren und Bereicherung der Händler. Am meisten wird nach Schuhen, Kleidern, Werkzeugen, Farmenzubehör und sonstigen Gegenständen des Haushaltes nachgefragt. Ein Beweis mehr für die Aufnahmsfähigkeit Palästinas! Jüdische Gelehrte in St. Louis. Unter den Gelehrten, die sich zum „internationalen Kongresse der Künstler und Gelehrten" begeben, der in St. Louis während der Ausstellungszeit tagen wird, befinden sich folgende Juden: M. Bergson, Mitglied des Institutes in Paris, der das Referat über ^Philosophie" halten wird, Prof. L e v i vom College de France, der über die „Geschichte der Sprachforschung", Prof. Goldzieher aus Budapest, der über „Geschichte und Religion" vortragen soll. Ferner Prof. Levy von der „Ecole libre des Sciences politiques" in Paris — „Oekonomie", Prof. J e 11 i n e k aus Heidelberg — ..Rechtswissenschaft". Die englische Regierung betraute Mr. Isidor S p i e 1 m a n mit der Leitung der britischen Kunstabteilung an der Ausstellung in St. Louis. Die Juden in Aegypten. Prof. G o 11 h e i 1 hielt neulich einen sehr interessanten Vortrag über „Juden und Mo-hammedaner in Aegypten." Er wendete sich zuerst gegen die landläufige Erzählung von den vier Rabbis aus dem Orient (R. Chanoch etc.), die Schiffbruch erlitten hätten und, in verschiedene Länder verschlagen, die jüdische Gelehrsamkeit nach Europa verpflanzt hätten. Er verwies auf die Funde der Genisari in Kairo, die das Vorhandensein einer jüdischen Kultur in Aegypten bezeugen. Es habe in Aegypten im Mittelalter Juden in hohen Stellungen gegeben. Im Jahre 1270 aber hatte der Sultan Bibars den liebenswürdigen Plan ge^asst, alle Juden lebendig zu verbrennen — ein würdiger Vorläufer der spanischen Inquisition. Der Plan kam nicht zur Ausführung. Es'handelte sich natürlich um eine fiskalische Erpressung bei den Juden. Aus Marokko. Aus Mogador meldet ein Korrespondent: Infolge der neuen Geldwährung, die vom Sultan eingeführt wurde, ist eine schwere Handelskrise eingetreten, die noch fortbesteht, und alle Bevölkerungsschichten, insbesondere die niederen, hart betroffen hat. Es werden seitens der reicheren Mitglieder^ und zwar des Gemeindevorstandes mit Mr. Reuben Elmalek an der Spitze, Veranstaltungen getroffen, diesem Uebel naoh Kräften abzuhelfen. Das Elend ist aber dessenungeachtet sehr gross. Von der Lage der unglücklichen Flüchtlinge in Casablanca gar nicht zu reden. In Marrakesh wären die Juden vor kurzem fast wieder das Opfer der Wut der Bevölkerung geworden. Die unzufriedenen Elemente in Marokko, die die Regierung ihres Landes hassen und immer von neuem ihr Joch ab7uschütteln suchen, beginnen immer mit der „Mellah". Die Juden von Chaibar. Benjamin von Tudela sagte in seiner Reisebeschreibung: „ .... Und Chaibar ist eine sehr grosse Stadt, welche etwa 50 000 Juden beherbergt" etc. Diese Worte des berühmten Reisenden haben lange an die Existenz der Juden in dem nordarabischen Orte Chaibar glauben lassen Aber schon Ibn Sapir hat diesen Angaben Benjamins von Tudela auf Grund lokaler Information rundweg jedweden Wert abgesprochen. Er erzählt in seinen Reisebriefen (1. Teil, Kap. XV.) folgendes über Chaibar: „Es ist eine Tatsache, dass es im ganzen Gebiete, Chagaga genannt, bis Nagran (auch die Palmenstadt genannt), die südöstlich gelegen ist und Abual-Aris im Südwesten, in der sich yemenitische Juden befinden, keinen einzigen Juden gibt. Die Stadt Medinat al Chaibar ist heutzutage öde und leer, da Mahornet sie vom Grunde aus zerstörte und sämtliche Juden vertrieb. Die Umgebungen Chaibars sind fruchtbar, reich an Gärten und Weinbergen und gehören den Bergbewohnern. Nur der Name Jahud-al-Chaibar (Chaibarjude) ist im Volksmunde als Fluch und als Schmähwort geblieben." Die neueren Quellen bezüglich der arabischen Juden berichten uns auch dasselbe. So z. B. u. a. Caussin de Perceval in seinem „Essai sur rhistoire des Arabes avant l'Islamismie" (Vgl. Grätz, V. JB.) und Hartwig Hirschfeld im „Essai sur l'histoire des Juifs de la Medine" (Revue des Etudes Juives, Bd. VII. u. X.). Die eigentliche Geschichte der Juden Nordarabiens ist von kurzer Dauer und fällt ausschliesslich in die vorislamitische Zeit. Es ist schwer zu bestimmen, wann denn eigentlich die Juden nach Hedjaz (nordöstliche Küste der arabischen Halbinsel) gekommen seien. Die diesbezüglichen Berichte der arabischen Geschichtsschreiber sind unzuverlässig. Manche jüdische Üeberlie^erungen sprechen für eine relativ frühe Einwanderung der Juden nach dieser Gegend. Jedenfalls fällt die Periode höchstwahrscheinlich in die Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels und des Beginnes der Diaspora. Die geschichtliche Bedeutung der Juden in Nordarabien ist sehr gross. Sie waren die geistigen Väter, die eigentlichen Urheber des Islams. Hartwig Hirschfeld fasst die Rolle der Juden in Jathrib (Medina) in folgendem Aphorismus zusammen: „Ohne Hedschra (Flucht Mahommets) kein Islam; ohne Juden in Medina keine Hedschra." Die Juden waren die herrschende Klasse in Medina und in der ganzen Gegend. Die Araberstämme waren ihnen botmässig. Sie teilten sich, wie die Araber, in verschiedene Stämme, wie z. B. die Banu Keinoka, der vorherrschende und älteste Stamm, die Banu Koreiza, Banu-l-Nadhar, Banu Hadal. Die Koreiza und Nadhar waren priesterlicher Abkunft (Al-kahinan) und genossen hohe Achtung. Aber Mahornet machte dieser Herrlichkeit ein Ende. In blutigen Kämpfen unterwarf er sich die jüdischen Stämme, die ihn nicht anerkennen wollten und vertrieb sie aus dem Lande. Auch die Stadt Chaibar zerstörte er. In Chaibar wäre Mahornet beinahe als Opfer der Rache der Juden gefallen, da Zeinab, eine Jüdin aus Chaibar, die der Prophet des Islams sich zur Frau nahm, ihn vergiften wollte. Seitdem wurde Chaibar öde und blieb nur eine historische Ruine. Omar, der Nachfolger Abu-Bekrs, der fanatischeste der Chalifen, vertrieb die Juden gänzlich aus Chaibar. Sie flüchteten sich nach Syrien. Nach den Beschreibungen der Reisenden und speziell Ibn-Sapirs befinden sich die Juden Nord- Arabiens in einem kläglichen Zustande. Sie sind zum grössten Teile Handwerker, sind von der arabischen Bevölkerung streng geschieden und bilden eine minderberechtigte Gesellschaftsklasse. Sie dürfen sich nicht auf dieselbe Art wie die übrigen Bewohner des Landes kleiden, sondern tragen eine bestimmte Kleidung, die mit der altschottischen einige Aehnlichkeit hat. Sie sind kultureil sehr rückständig, sehr religiös, obwohl sie den Talmud beinahe nicht kennen. Sie halten sich streng an die Vorschriften der Jad Hachasaka des Maimonides und sind ebenfalls Verehrer des Zohars. Uebrigens sind sie stark arabisiert. Aus Chaibar sollte auch nach Grätz der bekannte Pseudomessias David Reuben stammen. Neuere Forschungen aber, z. B. die von Fernandezy Gonzalez (Revista d'Espana 1885) erwiesen die Unrichtigkeit dieser Behauptung, da David Reuben aus Habor in Babylonien stammte. —ör—