Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316087--45575-3340389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „bie # weit11 Nr. 13 der lediglich, wie man uns erzählt, aus ein paar jungen jüdischen Literaten und Re?erendaren bestand, beschränkte sich darauf, einen Aufruf zu erlassen, wagte es aber nachher nicht, in öffentlicher Versammlung" für sein Programm Anhänger zu werben. Vielleicht hat er von vornherein gefühlt, dass er keinen Boden unter den Füssen hatte." Juden und Reserveoffiziere. Wie die „Breslauer Ztg.u mitteilt, hat der (Jortige Justizrat Feige im Oktober vorigen Jahres an Se. Majestät den Kaiser ein Iinmediatschreiben gerichtet, in dem er sich beschwert, dass sein Sohn, Ernst Feige, stud. jur., die Beförderung zum Unteroffizier und die Befähigung zum Reserveoffizier nicht erreicht hatte, obwohl seine Führung tadellos gewesen sei, und obwohl er seine Schuldigkeit im vollsten Umfange getan habe. Der Vater führt die Nichtbe/ördemng seines Sohnes in dem Schreiben auf den Umstand zurück, dass er Jude sei. Das Immediatschreiben wurde selbstverständlich dem Generalkommando zur Prüfung übergeben. Das Generalkommando prüfte die Angelegenheit und beschied den Vater dahin, dass sein Sohn nur aus dem Grunde nicht habe befördert werden können, weil er den an einen Vorgesetzten zu stellenden Anforderungen nicht genügt habe. Justizrat Feige hat noch einmal ein Immediatschreiben an Se. Majestät den Kaiser gerichtet, in dem er behauptet, die Antwort des Generalkommandos entspreche den Tatsachen nicht, denn seit Jahrzehnten sei in Preussen nicht ein einziger Jude zum Reserveoffizier befördert worden. Im weiteren Verlaufe des Schreibens wird dann dem Kaiser die Bitte unterbreitet, eine Aenderung dieser Verhältnisse herbeizuführen. Auf dieses neue Immediatschreiben ist Justizrat Feige ohne Antwort geblieben. Wieder ein Roheitsakt gegen einen Juden. Der Landwirt Trumpfheller von Würzburg im Odenwald hatte aus nichtigen Gründen den Handelsmann Salomon Reinheimer von Beerfelden mit einer Mistgabel einen solch heftigen Schlag in die Seite versetzt, dass dem Getroffenen davon die Milz zerriss und er der inneren Verletzung nach acht Tagen erlag. Das Schwurgericht verurteilte den Trumpfheller unter Zubilligung mildernder Umstände wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgange zu einer Gefängnisstrafe von 7 Monaten. Die wärmere Jahreszeit beginnt. Das Nordsee-Hotel in Cuxhaven, Besitzer Ernst Piller, verbietet sich in einem Inserat im „Deutschen Blatt" jüdische Gäste. Stiftung. Die Witwe des kürzlich verstorbenen Geheimen Komrnerzienrats Louis Simon hat der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zur Schaffung eines neuen Lehrstuhles 100 000 Mark gespendet. Die Frankfurter Juden. Der Rechtsanwalt Dr. Alexander Dietz-Lejeune hat seine neuesten Frankfurter Studien auf das Frankfurter Ghetto ausgedehnt und berichtete in einem interessanten Vortrage, den er in der Frankfurt-Loge hielt, über das Resultat seiner Forschungen. Sie haben „Zahl, Alter und Herkunft" der Frankfurter Juden zum Gegenstande und gehen bis ins dreizehnte Jahrhundert zurück. Der Vortragende widerlegte in manchen Punkten die Autorität von Prof. Bücher. Dieser hat z. B. irrtümlich behauptet, dass zwischen 1349 und 1360 keine Juden in Frankfurt lebten. Nun hat aber Rabbiner Dr. Horowitz Grabsteine aus dieser Zeit auf dem alten jüdischen Friedhofe entdeckt. Auch ist die Bücher'sche Behauptung falsch, dass die hiesigen Juden im Mittelalter keinen Warenhandel getrieben hätten. Wir haben Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, dass der Handel der Juden sich im 16. Jahrhundert auf Tuch und Seide, Kleider, die sie allerdings fertig von Christen kaufen mussten, Gold, Silber und Gewebe und endlich auf Vieh erstreckte. Ohne im Zusammenhang zu referieren, heben wir noch einiges aus den Dietz'schen Mitteilungen hervor. Im Jahre 1514 w^ar die Zahl der Juden etwa 2800 und hielt sich auf dieser Höhe etwa hundert Jahre; man kann nämlich nachweisen, dass die Zahl der jüdischen Steuerzahler, etwa 340, in diesem Zeitraum nur geringen Schwankungen unterworfen war. Merkwürdigerweise hat das Pestjahr 1635 das enge Judenviertel weniger heimgesucht, als die anderen Stadtteile, in denen die Sterblichkeit auf das Neun- bis Zehnfache stieg, bei den Juden nur auf das Dreifache. Bei dem Fettmilch'schen Aufstand war das Verhalten des Magistrais einwandfrei; er war „gerecht in Anbetracht der Verhältnisse6'. Die eigentlichen Urheber des Aufstandes erblickt Dr. Dietz in den eingewanderten ehrgeizigen, reformierten Niederländern. Sie wollten Anteil haben am lutherischen Stadtregiment und trugen darum die Unruhen ins Volk. Auch passte ihnen nicht die Konkurrenz der Juden. Trotz der Beschränktheit der Gasse entwickelte sich dort ein reiches Kulturleben; als die Schranken fielen, zogen die Insassen hinaus als ein Kulturvolk. Auch die Judengasse hatte ihre sozialen Unterschiede; die Aermsten wohnten auf der südlichen Seite. Zu den Wohlhabenden oder Reichen ist die Familie zu rechnen, zu deren Hauswesen vier Mägde, zwei Knechte und ein — Hauslehrer gehörten. Diese Familie hatte also, so meinte Dr. Dietz, sieben Leute zu ihrer „Bedienung"! Etwa die Hälfte ist vom Mittel- und Nieder rhein hier eingewandert, ein Viertel aus Franken und Schwaben, ein Viertel aus Hessen-Nassau. Elsass-Lothringen ist bei der Einwanderung so gut wie nicht vertreten. Polen, Holland und Italien mit nur etlichen Familien, die Schweiz und das Hansagebiet gar nicht. Dr. Dietz hat vom Jahre 1848 nachgewiesen, dass damals die Vorfahren von 20 hiesigen jüdischen Familien vor 1500 sich in Frankfurt niederliessen, ferner die Vorfahren von 100 vor 1560 und von 50 vor 1614. Aber nur zwei Frankfurter Patrizierhäuser haben einen alten Stammbaum: Holzhausen 1350, Lersner 1560. „Altfrankfurt wird also wesentlich durch jüdische Familien repräsentiert." (Frkfrt. Ztg.) Gedanken eines deutschen Edelmanns über die Judenfrage von Alexander Freiherr Pawel-Rammingen. (Hermann Walther, Verlagsbuchhandlung in Berlin.) Ueber das genannte Buch schreibt die „Neue Badische Landeszeitung'4 in Mannheim: Der Verfasser hat diese Schrift, wie er in seiner Einleitung ausführt, nur zu dem Zwecke geschrieben, dem Frieden redlich zu dienen. Und nach Durchlesen seiner Ausführungen können wir gestehen, dass er durchweg bemüht war, seinem Prinzip treu zu bleiben. Wir können uns seinen Worten nur anschliessen, dass dieser Kampf weder dem Judenfeind noch dem Juden die gewünschte Aussicht auf Sieg bietet und die Kräfte auf beiden- Seiten aufreibt. Er stumpft die Waffen ab und zehrt an der Volkskraft, da er sie beunruhigt und ihre Nerven angreift. Wir finden uns einig mit dem Verfasser in der Mahnung: „Die Waffen nieder". Verbot des Schächtens. Auf dem städtischen. Schlachthofe in Küstrin ist das Schächten verboten worden. — Vorsteher Bolle in Potsdam machte die Mitteilung von einer Magistratskundgebung, wonach bei Vorlegung der neuen Betriebsordnung für den stadtischen Schlachthof, spätestens aber noch im Laufe dieses Jahres, ein Verbot der Tötungsart des Schlichtens in Aussicht genommen sei. Eine Stiftung für jüdische Aerzte. Bei den Hufeland'schen Stiftungen für notleidende Aerzte und Arztwitwen wird auch die Dr. Ignaz Braun'sche Stiftung mitverwaltet. Die aufkommenden Zinsen aus der Stiftung sind zur Unterstützung hilfsbedürftiger Aerzte mosaischen Glaubens, die ihren Wohnsitz in Berlin oder in Hirschberg i. Schi, haben, bestimmt. Das Stiftungskapital beträgt zur Zeit 12 000 Mark. Nach dem 73. Jahresberichte der Hufeland'schen Stiftungen sind Anträge auf Gewährung von Unterstützungen aus der Braun'schen Stiftung an das Direktorium der Hufeland'schen Stiftungen in Berlin W.. Unter den Linden 4, zu richten. Ein interessantes Buch. Der Afrikareisende Hr. Schillings kündigte in einem Vortrage in Berlin an, dass demnächst ein Buch des Hauptmanns Merker, der Chef der Station Moschi am Kilimandia.ro ist, den Nachweis zu führen versuchen wird, dass die Massai die verlorenen Stämme Israels seien. Die von der Mission unbeeinflusste Tradition der Massai deckte sich in auffälliger Weise mit den Angaben des Alten Testamentes. Man darf auf das Erscheinen des Merker'seben Buches gespannt sein. Ein Gedenktag,, Dr. Ad. F i s c h h o f f, der bekannte österreichische Arzt und Politiker, Mitglied des österreichischen Reichsrates und Rat im Ministerium des Innern, starb am 23. März 1893 im Alter von 77 Jahren. F. stand 1848 im Mittelpunkt der politischen Bewegung; seine Rede (13. März) vor dem Landhaus in Wien war der erste Anstoss zur Revolution. Wegen Hochverrat vor Gericht gestellt, wurde er freigesprochen. Das holländische Gesetz über die Sonntagsruhe. In Holland wird jetzt eine allgemeine Gesetzesrevision vorgenommen. An Stelle veralteter Gesetzesbestimmungen sollen neue, moderne treten. Diese Revision wird im allgemeinen durch einen liberalen Zug gekennzeichnet, wie er vielleicht in den Gesetzen keines anderen Staates vorhanden ist. Unter anderem wurde auch das Gesetz über die Sonntagsruhe modernisiert. Die diesbezüglichen Gesetzesparagraphe lauten: „Der allgemeine Ruhetag ist der Sonntag/4 Artikel 361: „In Fabriken und Ateliers hat die Arbeit am Sonntag unbedingt zu ruhen." Artikel 362 fügt jedoch hinzu: „Solche Arbeiter, wrelche im Sinne ihrer Religion einen anderen Ruhetag als den Sonntag haben und an demselben von der Arbeit ruhen, dürfen am Sonntag arbeiten." In Holland herrscht jetzt ein klerikales Regime; aber es hat glänzend bewiesen, dass der gesunde, aufrichtige Klerikalismus mit der Verfolgung anderer Religionen nichts zu tun hat. Antisemitismus im Keim. Die Archives Israelites schreiben: Die Judenhetzen, die von einer gewissen Presse betrieben werden, haben in der Schülerwelt ihren Wiederhall gefunden und geben häufig Anlass zu Raufereien zwischen den jüdischen und