Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316087--45574-3340388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 „bie & weit" Seite 7 von Pferden für die japanische Armee durch russische Juden etc. bemächtigt hat, findet einen mächtigen Widerhall in den vornehm denkenden Petersburger Monatsschriften und Blättern. In dem soeben zur Ausgabe gelangten Märzhefte des „Wjestnik Yewropy" wird auf die grosse Gefahr hingewiesen, welche die von den antisemitischen Blättern verbreiteten unstichhältigen Verleumdungen für die Juden im Zarenreiche in sich bergen und die ungeheuere Unruhe hervorgehoben, welche die Verleumdungen unter den Juden in Russland hervorgerufen haben. Auch in der Zeitschrift „Russj" wird auf die schädlichen Folgen dieser Hetze aufmerksam gemacht und die Tätigkeit des berüchtigten Menschikow, des Urhebers dieser wilden Hetze, einer scharfen Kritik unterzogen. Und dennoch haben die Verbreiter der gefährlichen Verleumdungen ihre agitatorische Tätigkeit nicht eingestellt. Wie zuvor sucht Herr Menschikow auch jetzt nachzuweisen, dass hinter Japan Juden ständen, dass die Haupturheber des Krieges gegen Russland die Juden seien. Bachmut. (Gouvernement Jekaterinoslaw.) Die Benützung des Krieges in Ostasien zur Erneuerung der feindseligen Stimmung gegen die Juden in Russland ist nun auch in der Provinz beliebt. In Bachmut verbreitet sich das Gerücht, dass die dortige jüdische Handelpfirma Abramowitsch drei Waggons Pelze für die japanische Armee abgesendet habe. Dieses Gerücht erhöhte die feindliche Stimmung der Russen gegen die Juden derart, dass die Behörde sich veranlasst sah, durch Maueranschlag dieses Gerücht öffentlich zu dementieren. Dieses interessante, von dem „Nowosti" publizierte Aktenstück lautet wörtlich: „Kundmachung. Da unter der Bevölkerung sich das Gerücht verbreitet hat, dass das Handelshaus Abramowitsch in Bachmut für die japanische Armee drei Waggons mit Pelzen gesendet habe, was die Bevölkerung in grosse Aufregung versetzt hat, so wird hiermit bekanntgegeben, dass die strengste Untersuchung die völlige Grundlosigkeit diesesGerüchtes ergeben hat, das erfunden wurde von böswilligen Personen, um Unruhe zu erzeugen. Die Schuldigen an der weiteren Verbreitungsolcher falscher Gerüchte werden einer besonders strengen Bestrafung unterzogen werden. Der Bezirksadelsmarschall Feodor Bontysch, der Landeshauptmann Iwan Sekisch." Die böswilligen Verbreiter der Gerüchte bezeichnen aber oftmals die Kundmachungen der Behörde „als mit jüdischem Gelde erkauft", so dass die Wirkung der Kundmachung problematisch ist. Minsk. Die „Petersburgskija Wjedomosti" melden aus Minsk: Das Rote Kreuz hat unlängst temporäre Kurse für barmherzige Schwestern organisiert, um Pflegerinnen für den Kriegsschauplatz auszubilden* Es meldeten sich mehr als hundert junge Mädchen, welche sich bereit erklärten, sofort nach Ostasien zu gehen, um den kranken und verwundeten Soldaten Hilfe zu erweisen. Unter den Mädchen befanden sich 30 Jüdinnen. Es wurden jedoch nur 40 Mädchen aufgenommen, darunter bloss 2 Jüdinnen. Aber schon bei der zweiten Vorlesung trat ein Adjutant des Militärkommandos auf die zwei jüdischen Mädchen zu und teilte ihnen in höflicher Form mit, dass ihre Teilnahme an den Kursen unerwünscht sei, weil sie als Jüdinnen barmherzige Schwestern nicht sein können. Dieser Fall, schreibt das russische Blatt, hat auf die jüdische Bevölkerung von Minsk, welche dem Roten Kreuz grosse Opfer gebracht hat, einen deprimierenden Eindruck gemacht. Yalta. (Krim.) Wie der „Krymskij Wjestnik" meldet, haben die Tabakpflanzer von Yalta das Finanzministerium angesucht, den Juden den unbehinderten Aufenthalt in Yalta in den Monaten März, April, September und Oktober zu gestatten, weil' die Tabakfabrikanten in der Krim die Abwesenheit der jüdischen Konkurrenz dazu benützen, um die Preise auf unbearbeiteten Tabak von 25 Rubeln per Pud auf 12 Rubel her abzudrücken. Die Assisenverwaltung hat sich hierauf an die Landwirte, Weinzüchter und Gärtner des Bezirkes um ihre Gutachten darüber gewendet; sie alle erklärten sich für die Zulassung von Juden zum Aufenthalt in Yalta. Petersburg. Wie die „ Petersburgski ja Wjedomosti" melden, haben die allfälligen Urteile der anständigen russischen Blätter über die Nichtzulassung jüdischer Aerzte zum Dienste im Roten Kreuz die Hauptverwaltung des Roten Kreuzes veranlasst, durch ein Zirkular alle seine Vertreter anzuweisen, bei der Aufnahme von Aerzten nach der Religion derselben nicht zu fragen. Gt. Eine Erklärung. In der letzten Nummer des „Hasohiloah" findet sich ein Artikel, dessen Verfasser erklärt, „er wisse es positiv, dass Marmorek das Geld zur Versendung der Telegramme gegeben habe, weiche die Zurückweisung de? Uganda-Vorschlages wegen der Hintertreibungen der Neinsager verkündeten". Dem gegenüber erkläre ich auf das dezidierteste, dass daran nicht ein wahres Wort, sondern die ganze Mär' erfunden ist. Es ist leichtfertig und gewissenlos von einzelnen Publizisten, etwas für „positiv" zu erklären, wofür ihnen auch nur die Spur eines Beweises fehlt, nur um das Feuer der Zwietracht zu schüren, das unsere Organisation zerstören soll. Architekt Oskar Marmorek. Vfc1t-@bi*oni1<. Ritualmordgerüchte in Danzig. Eine grosse Erregung hat sich zur Zeit der hiesigen Bevölkerung bemächtigt Seit Sonntag ist die neunzehnjährige Tochter Johanna Erdmann des Schlossernleisters Erdmann spurlos verschwunden. Natürlich spricht man wieder von Ritualmord und einem zweiten Könitz, und wenn nicht' bald irgend welche Aufklärung in die Sache kommt, dürfte der antisemitische Weizen üppig in die Blüte schiessen. Ein Teil der Kleider der Verschwundenen, die goldene Uhr, Portemonnaie, ein Ring und andere Wertgegenstände wurden am Montag an dem zugefrorenen Stadtgraben in der Nähe der Bastion Roggen gefunden, die Schnürstiefel standen sauber geputzt daneben, obwohl der Weg über den Wall bis zur Fundstelle sehr schmutzig war. Der Platz, auf dem die Kleidungsstücke gefunden wurden, ist Teil eines militärisch-fiskalischen Weges, dessen Betreten dem Publikum verboten ist. Der Stadtgraben wurde eine grosse Strecke oberhalb und unterhalb wiederholt mit Netzen durchsucht, aber nichts gefunden. Die Verschwundene war Sonntag nachmittags um halb 1 Uhr in Begleitung einer Freundin nach Langfuhr gegangen und von da gegen 8 Uhr abends wieder in Danzig eingetroffen. Auf der Strasse trafen die Mädchen zwei Einjährige, mit denen sie bis gegen 10 Uhr durch verschiedene Strassen gingen. Kurz nach 10 Uhr wurde die Verschwundene von den beiden Einjährigen zur Elektrischen gebracht, die an der Strasse, wo dieselbe wohnte, vorbeiführt. Von da fehlt jede Spur des Mädchens. („Kölnische Volkszeitung44.) — Die weitere polizeiliche Untersuchung hat ergeben, dass Johanna Erdmann das Beispiel einer ihrer Freundinnen nachgeahmt haben dürfte, die zwecks besserer Unterhaltung vor kurzem aus Danzig durchgebrannt sind. Ein Münchener Stimmungsbild. Der Rechtsanwalt Justiz rat Omer vertrat eine Dame und hatte in deren Auftrag eine Forderung gegen den Schriftsteller Siegmund von Poissl beizutreiben. Sein Vorgehen sagte dem letzteren wenig zu, deshalb schrieb er an den Rechtsanwalt am 29. November v. J. einen Brief, in welchem er von einer „Knoblauchkanzlei" (Justizrat Omer ist nämlich Jude) spricht und behauptet, der Anwalt nehme an einer Hetze gegen ihn teil. Dieser Brief hatte ein Verfahren gegen den Briefschreiber wegen Berufsbeleidigung zur Folge und fand nunmehr Verhandlung vor dem Schöffengerichte statt. Vor Eintritt in dieselbe lehnte der Angeklagte einen der Schöffen wegen Befangenheit ab, weil dieser ebenfalls Jude war. Sern Ablehnungsantrag wurde jedoch abschlägig beschieden. Im Verlauf der Verhandlung zeigt sich der Angeschuldigte als Antisemit durch und durch, wobei er manchmal so weit geht, dass der Vorsitzende, königl. Amtsrichter Tröltsoh, Veranlassung nimmt, ihn energisch zur Ordnung zu mahnen. Der Amtsanwalt beantragt 200 Mark Geldstrafe, der Angeklagte Freisprechung. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von 150 Mark event. 30 Tage Gefängnis, wobei das Gericht insbesonders betonte, dass die Angriffe des Angeklagten vollkommen unbegründet und sehr schwere sind. Ueber den Bankerott der jüdischen Deutsch-Nationalen schreibt die „Tägl. Rundschau" in Berlin: „Der Versuch, eine deutsch-nationale Bewegung in jüdischen Kreisen ins Leben zu rufen, ist vollständig gescheitert. Der „Verein deutsch-nationaler Juden44 hat seit Monaten nichts mehr von sich hören lassen; sein Organ, „Die Toleranz*1, ein „Jüdisches Blatt für deutschvölkische Interessen44, ist aus Mangel an Unterstützung in den Kreisen, auf die es rechnete, eingegangen. Der Verein,