Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bi* & Weit" Nr. 13 Vorbetern eingeführte Einschaltung von Zwischentönen in der Mitte von Worten, sowie die überflüssigen Koloraturen und Triller, verbannte; idass er aber keineswegs seine Aufgabe als eine rein musikalische erfasste, sondern sich stets klar war, dass die .gottesdienstliche Musik nur Mittel zum Zweck sei, um dadurch das Gebet zu höherer Andacht und Innigkeit zu erheben. Den Schluss dieser Feier bildete das vom Chor wirkungsvoll wiedergegebene „Adon olom". Montag den 21. ds. um halb 12 Uhr vormittags war Festsitzung des Kantoren Vereines im Sitzungssaale der Kultusgemeinde; Oberkantor Singer hielt die Festrede, worauf die Enthüllung eines von der Malerin Manzi Kestel-Bauer ausgeführten Sulzerbildes stattfand. Abends um halb 7 Uhr bildete im grossen Tempel der Kultusgemeinde, IL, Tempelgasse, ein weihevoller Festgottesdienst den Abschluss der Sulzerfeier. Oberkantor Guttmann, der hier die kantoralen Funktionen versah, entzückte in der prächtigen Wiedergabe der herrlichen Psalmen Salomon Sulzers mit seiner schönen Stimme das zahlreich erschienene distinguierte Publikum, und Oberrabbiner Dr. Schmidel verherrlichte in einer geistreichen Rede den Namen Sulzers, welcher mit der Reform des jüdischen Gottesdienstes identifiziert wird. B. Ul. Ein Abend des niederösterreichischen D -K. Das niederösterreichische D.-K. gab Samstag den 19. März seinem von Wien scheidenden, verdienstvollen Obmann Dr. Bernhardt einen Abschiedsabend im Hotel Savoy. Vom A.-C. waren Herr Dr. H e r z 1 und Herr Dr. Kokesch erschienen. Sämtliche zionistischen Korporationen und Vereine Wiens waren vollzählig oder durch Einzelpersonen vertreten. Der starke Einlauf von Glückwunschkorrespondenzen zeugte von der Beliebtheit des Gefeierten. Den stärksten Eindruck des Abends machte die Rede unseres Führers, die zum grossen Teil aktuelle Fragen des Zionismus behandelte und wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen wurde. Herr Dr. H e r z 1 begann mit einer Würdigung Dr. Bernhardts, von dem schon seit seinem ersten Auftreten gute agitatorische Arbeit erwartet wurde, und der diese Hoffnungen glänzend erfüllte. Nach aussen ein Agitator voll Leidenschaft und Hitze, schlug er zwar manchmal über die Stränge, aber er wusste dabei immer einen Widersacher zu treffen. Trotz aller Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nach aussen wahrte er stets nach innen eine strenge Disziplin. Das ist ein gutes Beispiel für die anwesenden Vertreter der jüngeren Generation in einer kritischen Zeit, die wir hoffentlich bald gestärkt überstehen werden. Die Selbständigkeit, so wertvoll sie ist, muss sich im Rahmen einer Bewegung dem gemeinschaftlichen Willen stets unterordnen. Ein so selbständiger Denker, ein so klarer Geist, wie Dr. Nordau, ist uns darin stets als Muster vorangegangen. Erfolge sind für eine Bewegung nur dann zu erwarten, wenn man sich darüber klar wird, was man will und es dann einig durchführt. Das Ansehen unserer Bewegung nach aussen wurde nicht nur durch deren Stattlichkeit und Tüchtigkeit, sondern vornehmlich durch die Einigkeit erreicht. Auf Kommersen — für deren Besuch Redner in letzter Zeit nicht die Stimmung aufgebracht habe, weil er wegen der letzten Vorgänge erbittert und verbittert sei — sind eine vielgebrauchte Wendung die Worte des sterbenden Attinghausen aus dem „TeM": „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!" Die Praxis dieses Vorsatzes ist die Grundlage alles weiteren Gelingens, eine Einigkeit, welche nicht etwa darauf hinaus läuft, eine eigene Meinung auszuschiiessen, sondern jedermann das Recht der freien, aber legalen Kritik wahrt. Redner sei oft der Vorwurf gemacht worden, dass er als Vorsitzender auf den Kongressen die Opposition zu milde behandle und ihr mehr als eine gewöhnliche Freiheit lasse. Das ist immer geschehen und wird immer geschehen, so lange die Opposotion sachlich bleibt und die bestehende Organisation nicht, auflöst und zerstört. Eine sachliche Opposition ist gesund und lebensfördernd. Denn in unserer Bewegung gibt es weder Götter noch Halbgötter, sondern wir alle sind Menschen, die Dummheiten oder Fehler machen, und es ist gut, wenn Leute da sind, die uns diese Dummheiten und Fehler vorhalten. Aber eine Opposition ist nur so lauge denkbar, als sie sich in den Grenzen unserer Organisation bewegt. (Stürm. Beifall.) Wir dürfen aber keineswegs durch sie unsere so mühsam geschaffene Organisation zerstören lassen. Schon die Zusammenfassung der Zweigvereine eines einzelnen Landes war schwer genug, wie mühevoll war es erst, Ost und West, Europa und Amerika für unsere Idee zusammenzuschweissen! Wo ist die Vernunft einer Opposition, die den Früchten unserer langjährigen Arbeit Gefahr bringt? Eine solche Opposition ist in der letzten Zeit bei uns gemacht worden gerade von den Offizieren unserer Bewegung. Den kränkenden und verletzenden Vorfällen in der letzten Zeit, vielen halbverstandenen Schlagworten gegenüber, die man in unsere Bewegung hineintrug, muss der Rechtsstandpunikt klargemacht werden. Die Opposition hat in diesen Monaten an den Ost-Afrikavorschlag angeknüpft, welcher ein grosser Erfolg ist, weil er in einer dokumentarischen, weltpolitischen Art gezeigt hat, dass wir nicht mehr blosse Vereine und Körperschaften sind, sondern Vertreter des jüdischen Volkes. Gerade diesen Erfolg, den wir für das jüdische Volk, vertreten durch den Zionismus, erlangt haben — gerade dieser Erfolg hat eine grosse Gegnerschaft in unseren eigenen Reihen hervorgerufen. Nun ist es notwendig, festzustellen, dass gerade die Herren, welche in dieser Gegnerschaft stehen, genau gewusst haben, dass gerade dieser Erfolg, der gerade bei England, der grössten terit o r i a il e n Macht der Erde, erreicht wurde, uns nie von unserem Programm und von unseren Zielen abgewendet hat. Wir haben nie so viel für Palästina gearbeitet wie zu dieser Zeit. Die Geschehnisse der letzten Wochen und der Ton, den sie in unsere Bewegung hineingebracht haben, wirken niederdrückend. Nur das Tun disziplinierter Arbeiter, wie Dr. Bernhardt ist, ist demgegenüber wohltuend und es sei zu hoffen, dass letzterer bald wieder kommen werde, um zu arbeiten und dem A.-C. geharnischte, aber gesunde Opposition zu machen. (Tosender Beifall.) Ausser Herrn Dr. Herzl sprach noch Herr Dr. E. M. Zweig, der rührige Obmann des D.-K., der in launiger und ernster Weise seinen Vorgänger würdigte und ihm als Ausdruck persönlicher Zuneigung eine Photographie des D.-K. im Rahmen überreichte. Eine Widmungsadresse der Einzelvereine wird nachfolgen. Ein Gedicht daraus von Frau Fanny Weiss gelangte zur Verlesung. In wohlgesetzter, tief durchdachter Rede schilderte der Obmann des österr. L.-K., Herr Dr. phil S. Krenberger, das zionistische und persönliche Wirken Dr. Bernhardts und den Fortschritt unserer Bewegung durch dessen Eingreifen. Dr.Krenberger und Herr Dr. M. Engländer, der nach ihm sprach, drückten den herzlichen Wunsch auf eine baldige Wiederkehr aus. Am Schlüsse seiner beifällig aufgenommenen Rede überreichte Dr. Engländer Dr. Bernhardt als Widmung der Ortsgruppe Mariahilf-Neubau für ihren Gründer eine geschmackvoll ausgestattete silberne Tabatiere. Nachdem noch jur. L ö h n e r von der „Kadimah" in Dr. Bernhardt seinen verdienstvollen Bundesbruder gefeiert hatte, dankte letzterer unter allgemeinem Beifall allseits und versicherte, kurze Ruhe nur deshalb aufsuchen zu gehen, um dann länger arbeiten zu können. Ein inoffizieller Teil (Leiter Dr. S c h a l i t, Redner Dr. Benedikt u. a.) folgte. y. Aus Russland. Petersburg. Die grosse Unruhe, welche sich unserer Volksgenossen in Russland angesichts der von der „Nowoje Wremja% „SwjetÄ und verwandten Blättern systematisch verbreiteten falschen Nachrichten über angeblichen Ankauf