Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 13 „bis * W^lt" Seite 5 Pariser Briefe* IV. Paris im März 1904. Wir setzen unsere Schilderung der verschiedenen Elemente des französischen Judentums mit einer Charakteristik der in Paris ansässigen und aus dem Elsass stammenden Juden fort. Dieses ist, wenn auch nicht das zahlreichste so doch das wichtigste, man kann sagen, das dominierende Element, das in aller Art jüdischer Tätigkeit rege mitarbeitet, und zu welchem die meisten und die hervorragendsten Rabbiner und Gemeindevorsteher gehören. Es ist bekannt, dass vor der Revolution die Juden in Elsass-Lothringen stark polonisiert wurden durch den seit dem Chmielnizkimassakre häufigen Zufluss polnischer Juden und die Berufung berühmter rabbinischer Autoritäten, welche die frommen Gemeinden von Metz und von kleineren Städten aus Posen und dem übrigen Polen kommen liessen. Unter allen anderen Juden des Westens wurden die Elsässer Juden durch ihre Pietät, durch ihre tiefe Religiosität, vor allem durch ihre Schriftgelehrsamkeit überall bekannt und berühmt. Nach dem Erlangen der bürgerlichen Gleichberechtigung bis zum letzten deutsch-französischen Krieg machte sich unter diesen Juden, am meisten unter den Kleinbürgern, ein starker Zug nach Paris geltend, welcher einen grossen Theil der Elsässer Juden in die Weltstadt geworfen hat. Meistens waren es Kaufieute und Handwerker, die alle in Paris den religiösen Traditionen treu geblieben sind, wenigstens in der ersten Generation. Mit ihnen kamen mehrere Gelehrte, Schüler der letzten Rabbiner im Elsass oder des Rabbinerseminars in Metz, sowie viele Vertreter der freien Berufe, die dem Judentum nicht ganz und gar entfremdet waren. Seit Mitte des voiigen Jahrhunderts waren die Elsässer Abkömmlinge fasst die einzigen Förderer des Judentums in Paris; sie waren die tätigsten Kräfte, die das Konsistorium sowie die Alliance Israelite und manche andere jüdische Institution beeinüussten. Aus ihrer Mitte stammen die letzten Mäzene und Förderer jüdischen Geistes; wir nennen nur den Namen Michael E rlanger. Leider hat sich aber auch unter den Elsässer Juden der Indifferentismus gegen das Judentum breit gemacht Nach dem Verlust der Rheinischen Provinzen seitens Frankreichs hat Elsass aufgehört, der Mittelpunkt, das Reservoir des französischen Judentums zu sein. Eine grosse Menge der im Elsass ansässigen Juden hat sich für Frankreich entschieden und aus angestammtem Patriotismus ihre Heimat verlassen. Es wurde die alle, fromme und tief jüdisch geprägte Gemeinde von Metz zugrunde gerichtet, und die meisten ihrer Mitglieder sind nach Paris und sogar nach Algier ausgewandert. Sie brachten den letzten Funken jüdischen Feuers in das abtrünnige Frankreich. Die nächste Generation wurde schon dem Judentum mehr entfremdet, und das erste Auftauchen des Antisemitismus genügte, um eine Massenflucht, vermeintlich aus dem Ghetto, tatsächlich aber aus dem Judentum, zu veranlassen. Den besten Beweis für den Niedergang des religiösen Gefühles unter den Elsässer Juden in Paris gibt das Rabbinerseminar. Vor 20 Jahren waren seine Schüler meistens aus elsässischen Familien, jetzt sind sie fast sämtlich russischer, polnischer, palästinensischer Herkunft. Trotz des Niederganges sind vorläufig noch die massgebendsten und regsten Elemente des offiziellen Judentums in Frankreich die Elsässer. Ihr Verhalten zum Zionismus, dessen Anhänger sie selten sind, oft aber entschiedene Gegner, verdient eine besondere Abhandlung. Ueber dieses Thema nächstens. * Vorigen Sonntag hat Herr Professor Israel Levi unter den von uns schon gemeldeten Vorlesungen der Societe des Etudes Juives einen Vortrag über die Juden in Frankreich gehalten. Der gelehrte Redner, der ein Meister der jüdischen Geschichte in Frankreich ist, hat in seinem höchst interessanten und originellen Vortrag beweisen wollen, dass nie das Volk die Juden in Frankreich gehasst hat, es nie Pöbelgemetzel gegen Juden in Frankreich vor den Kreuzzügen und dem Feudalismus gegeben hat. Die Juden verdankten ihre Vertreibung aus Frankreich der Intoleranz der Geistlichkeit, welche ihren Hass später vor dem Volke ökonomisch zu begründen verstanden hat. Jahrhundertelang war Frankreich das Vaterland der Thora, der Pietät im Norden und der Wissenschaft und Literatur im Süden. Jetzt, da der laische Geist in Politik und Gesellschaftsleben in Frankreich vorherrscht, da die Religion keinen Einfluss auf das soziale Leben hat, haben die Juden Frankreichs keine Rückkehr der Verfolgungen zu fürchten, und sie können mit ihren Mitbürgern für Wissenschaft, Humanität und Fortschritt arbeiten. Dem Redner wurde vielfach applaudiert. Unbewiesen blieb aber, ob nur die Religion den Judenhass hervorrufen kann, sogar in Frankreich? Ein Beweis dagegen ist der Antisemitismus im Theater. Die „Welt" hat schon das lärmende „Retour de Jerusalem" besprochen. Jetzt spielt man im „Vaudevilleu ein neues Stück: „Decadence". Es behandelt das Problem der Mischehen unter jüdischen Bankiers und katholischen Adeligen und hat Erfolg. Die neue Gruppe „Les Dames Zionistes" hat eine Purimfeier für Kinder in der jüdischen Volksuniversität veranstaltet. Sämtliche Kinder sangen zionistische Lieder. Auch die Volksuniversität selbst und die Studenten haben das Purimfest mit Erfolg gefeiert. N. B. D. Suizerfeiern in Wien, Vor vier Jahren, es war dies am 20. Jänner 1900, veranstaltete die „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" eine Gedenkfeier aus Anlass der Wiederkehr des Todestages Prof. Salomon Sulzers. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde, an deren Stätte der berühmteste aller Kantoren durch 56 Jahre ruhmvoller Tätigkeit gewirkt, hat vor einigen Tagen die Wiederkehr des hundertsten Geburtstages des grossen Psalmen- Sängers und -Komponisten in würdiger Weise gefeiert. Voa nah und fern kamen Gäste, um dieser bedeutsamen Gedenkfeier beizuwohnen. Samstag den 20. ds. wurden im Sitzungssaale des österr.-ungar. Kantoren Vereins die auswärtigen, in grosser Zahl erschienenen Kantoren durch den Vizepräses Oberkantor Bauer begrüsst Abends um halb 7 Uhr fand im Seitenstettentempel ein Festgottesdienst statt, Oberkautor Singer interpretierte einige Psalmen von Salomon Sulzer unter Mitwirkung des wohlgeschuiten, verstärkten Tempelchores, welchen Prof, Josef Sulzer, ein Sohn des verstorbenen Komponisten, persönlich dirigierte; Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt die Festrede, in welcher er mit schwungvollen, begeisterten Worten die Verdienste des — im reinsten Sinne des .Wortes — tonangebenden Meisters des Gesanges feierte. Der Redner hob hervor, wie bahnbrechend die von Salomon Sulzer geschaffene Liturgie wirkte, was uns schon sein in aller Welt bekanntes Werk „Schir Zion", dessen Gesänge in allen modernen Tempeln eingeführt sind, beweise; dass er der erste in seinem Fache war, weicher sich und seinem Chore Regeln der Aussprache schuf, Akzente, Tonfall und vor allem die Phrasierung festlegte und musikalische Missbräuche, wie Wiederholung einzelner Worte oder Silben um der Arie willen, oder Zerstückelung von Phrasen, ganz besonders die von polnischen