Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 fl5ie * Weli" Nr. 13 bei ihnen auch unter fremder Sonne intensiv und lebendig. Die Zionisten spüren den Defekt ihrer Stammesgenossen auf Schritt und Tritt. Es ist schwer, die richtige Basis für die zionistische Arbeit zu finden. Man sollte meinen, dass das politik- und gesinnungslose Dahinleben der hiesigen Juden einer zionistischen Propaganda doch zugute kommt und wenigstens die Unvoreingenommenheit der zu Gewinnenden garantiert. Denn, wie gesagt, die Juden Kairos sind grösstenteils homines novi in nationaler Denkart und im politischen Leben. Sie sind nicht wie ihre europäischen Glaubensbriider an irgend einer fremdnationalen Idee oder politischen Bewegung interessiert oder aktiv beteiligt. Ihre Stellungnahme für oder gegen den Zionismus bringt sie nicht, wie angeblich unsere heimischen Assirnilanten, in schwere Gewissenskonflikte und Pfilichtenkollisionen. Das bekannte heuchlerische Argument, dass man sie einen Verrat an ihrer national- oder parteipolitischen Vergangenheit begehen heisst, wenn man von ihnen nationale Vernunft und Würde fordert, existiert nicht. Auch dieser scheinbare Vorteil, dass die Juden nirgends engagiert sind, richtet nichts aus: Ueberall dieselbe trostlose Apathie, geistlose Indolenz, Unreife für zionistische Ideen, und meist Erfolglosigkeit jahrelanger, mühevoller zionistischer Arbeit! Es bleibe vorläufig unerörtert, ob letztere bei aller anerkennenswerten Intensität den vielseitigen Verhältnissen der Juden in dieser Stadt überall Rechnung trug und nicht über rein äusserer, mechanischer Vereinsarbeit und Geldsammlerei das eigentliche ernste Erziehungs- und Aufklärungswerk vernachlässigte, das hier weit schwieriger und komplizierter, aber auch notwendiger und wichtiger ist als in europäischen Judengemeinden. Hierüber später! In dem bunten Durch- und Nebeneinander der jüdischen Bevölkerung Kairos mangelt es an festen Berührungspunkten, die eine wünschenswerte Interessen- und Zielgemeinschaft vorbereiten und schaffen könnten. In dieser Bevölkerung, die eine aus den heterogensten Elementen zusammengewürfelte Masse darstellt, sind die Gegensätze jeder Art zu schroff, um die einzelnen Gruppen gesellschaftlich näher bringen zu können. Es findet sich kein gesellschaftliches Zentrum der zahlreichen Eamilienkliquen und Zirkelchen, in welche die Gemeinde zerfällt. Sie haben keine geistigen Interessen gemeinsam und suchen keine höhere Anregung, keine ediere Geselligkeit Eine feste Gemeindeorganisation, welche in dem fremden Lande den Kern einer festgefügten, in stetem Kontakte mit allen Mitgliedern befindlichen Gemeinde bilden könnte, scheint , bei so widerstrebenden Elementen nicht recht möglich. Die arabische Gemeinde, die ein festeres Gefüge zeigt, kommt aus später anzuführenden Gründen weniger in Betracht und die aschkenasische Gemeinde, die den bescheidenen, harmlosen Titel einer Wohltätigkeitsgeselischaft führt, ist kaum so viel, als ihr Name sagt. Gemeinsame Wohlfahrtseinrichtungen, reinjüdische, Bildungs¬ oder wirtschaftlichen Zwecken dienende Organisationen, der Erziehung einer jüdischen Jugend gewidmete Institutionen fehlen gleichfalls. Was also soll die Juden hier zusammenführen und einen? Und noch ein psychologisch interessanter Umstand fällt ins Gewicht und hilft das Zusammengehörigkeitsgefühl lockern, das schliesslich ein letzter Faktor ganz untergräbt. Was nämlich die Juden seit Jahrhunderten mit eisernen Klammern zusammenhielt, der gemeinsame Feind, der Hass und die Verfolgung der nichtjüdischen Umgebung, verschwindet und verliert hier die Suggestivkraft und einigende Gewalt. Wie sich die Juden frei fühlen von der drückenden Fessel ihres nationalen Erbfeindes und aufatmen in freier Luft, sagen sie sich mit kräftigem Ruck von den bisherigen Leidensgefährten los. Die arabischen Juden kennen die solidaritäterzwingende Kraft des Golus nicht. Die aus Europa stammenden Halbassimilierten haben ein schwaches Gedächtnis. Sie fühlen sich sicher, alles andere ist ihnen überflüssige Sentimentalität. Rette sich selbst, wer kann, ist ihre humane Devise. Gäbe es hier einen halbwegs gebildeten Mittelstand, ausgestattet mit normalem Interesse für moderne Volks- und Jugenderziehung, erfüllt mit etwas nationalem, modernen Geiste, er könnte sehr viel leisten und als das nötige Bindeglied zwischen dem armen Proletarier aus dem Osten und dem wohlhabenden westlichen Juden im jüdischen und nationalen Sinne wirken. Ihm bliebe die Hauptsorge ftir die geistige und kulturelle Hebungsarbeit überlassen. Aber der mittlere Kaufmannsstand hat weder Bildung noch Fähigkeiten. Er hat sich aus dem Nichts emporgearbeitet und im Aufstieg seinen Gesichtskreis nicht erweitert. Zur Führerrolle in der Gemeinde und zur nationalen Erzieherrolle ist er völlig ungeeignet. Die Leiter der aschkenasischen Gemeinde sind wahre Schulbeispiele hiefür. Ihr Rabbiner, ein gewesener Etrogirnhändler aus Jerusalem, mag seinen Mann in diesem Spezialfach gestellt haben, als Rabbiner, als geistiger Berater und Erzieher einer so schwer lenkbaren Gemeinde taugt er nichts. Ist's ein Wunder, wenn bei solchem Material, unter solcher Leitung, in solchem Milieu jüdisches Leben darniederliegt, jüdischer Geist ohne jegliche Schwungkraft bleibt und erschlafft? Das ohnehin schwach fundierte Stammesbewusstsein und gelockerte Zusammengehörigkeitsgefühl der westlichen Juden Aegyptens erhält seinen Todesstoss in der Regel durch die moralischen Qualitäten jener aus dem Osten stammenden Juden und Jüdinnen, welche das Kupplerhandwerk betreiben und aus jüdischem Mädchenhandel ihren Erwerb ziehen. Diese unsaubere Sippe säet unter Juden und Nichtjuden Hass und Verachtung und zerrt den jüdischen Namen in den allerschrnutzigsten Kot. Das unheilvolle Gewerbe und seine Träger verpesten die Atmosphäre der Gemeinde, in der sie ihren und ihrer Ware Wohnsitz aufgeschlagen haben. Das Misstrauen, die ängstliche Zurückhaltung der anständigen Juden schliessen die Möglichkeit eines innigen Zusammenhaltes und eines einträchtigen nationalen Zusammenarbeitens der ägyptischen Juden nahezu ganz aus. Auch wenn man nicht wüsste, dass Ägyptens Hauptorte und Hafenstädte Endstationen des Mädchentransportes aus dem Osten sind, ein Spaziergang auf dem belebten Abendkorso lässt uns den Umfang des Imports erkennen. Die herumvagierenden Halbweltdamen verleugnen in ihren lauten Jargongesprächen Herkurrt und Heimat nicht. Ihre Zahl ist gross genug, um noch mehr aufzufallen. Juden solcher Kategorie waren fast die ersten europäischen Juden, mit denen die Einheimischen Bekanntschaft machten. Die Meinung, die sich im Volke damals über den Jargon sprechenden Teil einwandernder Juden herausgebildet hatte, hat keine besondere Korrektur erfahren. Sie hat auf Seite der arabischen Juden eine tiefwurzelnde Antipathie gegen die Aschkenasim überhaupt gezeitigt. „Schlecht!" hiess man ursprünglich die östlichjüdischen Kuppler und Dirnen, „Schlechti" heissen heute in der arabischen Volkssprache die aschkenasischen Juden schlechthin. Die Schmach jener Sippschaft lastet wie ein Fluch auf der jüdischen Gesellschaft Kairos und lässt sie nicht recht froh und stolz und gemütlich werden. Sie treibt einen Keil in die ganze Judenkolonie. Die sich zur besseren Klasse rechnen, ziehen sich ganz zurück und unterhalten, Jede nähere Berührung scheuend, keinerlei Beziehungen zum Gros der hiesigen Juden. So werden sie allmählich dem Judentum entfremdet und fallen eines schönen Tages ganz ab. Das ist in allgemeinen Umrissen die geistige und moralische Verfassung der ägyptischen Juden. Man könnte zur Vervollständigung des Charakterbildes so manche Dinge hinzufügen, von denen sich Juden in Ländern mit Gesittung und Sittenreinheit wahrlich nichts träumen lassen. Doch wozu die Spalten eines ernsten Blattes mit ebenso eklem wie wahrem Tratsche füllen? Er könnte nur die scharfe Kritik rechtfertigen, die ich aus dem Munde eines hiesigen Juden in geachteter sozialer Stellung, eines genauen Kenners der Juden vieler Länder, vernahm: „Kairo hat die entartetste Judengemeinde der Welt." Es wäre gar zu traurig, wenn diese Gemeinde irgendwo auf weiter Welt unter den Juden ihresgleichen fände. Rudolf Nassau.