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Die Welt · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 13 „bi* & W^lt11 Seite 3 grössere Anzahl sammeln liesse. Wenn sich auch in verschiedenen Teilen Südungarns, in Siebenbürgen und überhaupt in allen Landesstellen Schekelgruppen gebildet haben, so lässt sich eben nicht leugnen, dass hier noch ungemein viel zu arbeiten ist. Leider hat sich die anknüpfende Debatte nur ganz nebensächlich mit positiven Daten über die Vereine und ihren weiteren Ausbau beschäftigt, es gab viele persönliche Angriffe und Zänkereien, die teilweise eine nicht geringe Heftigkeit annahnen. Allzu tragisch darf man solche Vorfälle nicht nehmen, denn diese Gegensätze bedeuten eben, dass in der Bewegung frisches, pulsierendes Leben herrscht und dass die Leute, welche das ganze Jahr unermüdlich in der Partei arbeiten, nun auch ihre Erfahrungen und Meinungen zur Geltung bringen wollen, aber andererseits ist es absolut nicht statthaft, dass die kostbare Zeit der Konferenz durch lange Debatten über nichtssagende, formelle Dinge, durch persönliche Vorwürfe und durch starres Festhalten an der eigenen Meinung vertrödelt wird und die wichtigsten Fragen hierdurch überhaupt nicht zur Verhandlung gelangen können. In einem vorzüglichen Referate führte Herr Fabrikant E. Neumann unter anderem folgendes aus: „Das jüdische Volk bildet in Ungarn keine eigene politische Nationalität mit eigenen politischen Tendenzen, sondern ist ein staatserhaltendes Element an der Seite der Magyaren. Die Juden Ungarns stehen ehrlich an der Seite der Magyaren, aber nicht etwa deshalb, weil die Magyaren die Majorität bilden und an der Herrschaft sind, sondern weil die Magyaren stets warme Freunde der Juden waren, weil die Judenverfolgungen in Ungarn stets von den nichtmagyarischen Elementen, von fremden Herrschern veranlasst wurden. Das magyarische Volk ist das einzige, welches seine Freiheit nicht auf Kosten des jüdischen erstritten und darum hält auch das jüdische Volk, auch die ungarischen Zionisten treu zu demselben.*' Das neue Landeskomitee wurde in einer Resolution aufgefordert, schleunigst dafür Sorge zu tragen, dass die Organisation eine vollkommen gesetzliche Basis erhalte. Es wurden ferner eindringlichste Förderung der hebiäischen Sprache, die Herausgabe von Broschüren beschlossen, die Frage eines eigenen Pressorganes aber, nach dem sachgemässen Referate Professors Armin Bokors, in dem er die Notwendigkeit eines ungarischen zionistischen Wochenblattes verfocht, dem Distriktskomitee zur eingehendsten Förderung überwiesen. Die Neuwahlen ergaben das Resultat, dass Herr Bettelheim Samu. zum Präses des Landeskomitees, die Herren Grossmann, Pfeiffer und Hauser als Mitglieder und noch ein zehngliedriges Distriktskomiitee gewählt wurden. Noch vor Beginn der Tagesordnung wurde ein in begeisterten Worten abgefasstes Vertrauenstelegramrn an Dr. Theoc.or Herzl und die Parteileitung abgesandt und gegen alle jene, die die Einigkeit im zionistischen Lager bedrohen, auf das Entschiedenste protestiert. Eine Anzahl Begrüssungsdepeschen kamen aus Budapest, Papa, Elesd, Hethärs etc. und kennzeichnen das lebhafte Interesse, das unter den ungarischen Zionisten für die Konferenz herrscht, wobei ich allerdings den Wunsch nicht unterdrücken will, dass die Beträge in Hinkunft lieber für den Nationalfonds verwendet werden mögen. Am Schlüsse, beim Bankett konnte man mit grosser Genugtuung bemerken, dass die heftigsten Debatten keine Erbitterung hinterlassen, dass die heftigsten Gegner vom Vormittag friedlich beisammen sassen, den wackeren hebräischen, ungarischen und deutscheu Reden, den Leistungen des jüdischen Gesang- und Musikklubs lauschten und in fröhlichem Gespräch alle Aufregungen des Tages vergassen. So möge der Tag der IL ungarischen Landeskonferenz allen Teilnehmern in freudiger Erinnerung bleiben und sie anspornen in der weiteren Arbeit fürs jüdische Volk, für den Zionismus! Lavoslav Schick. Brief aus Kairo. i. Es gibt wohl wenige Städte, deren Judengemeinde ein so eigenartiges, buntscheckiges Gepräge trägt, wie die in Kairo. In dem reichen Kolorit seiner Judenkolonie sind fast alle Schattierungen des vielfarbigen, nationalen Gesamtbildes unseres Volkes vertreten. All die Gegensätze und Differenzierungen auf kulturellem, religiösem, sprachlichem, sozialem Gebiete, welche das jüdische Volk in die verschiedenartigsten Gruppen spalten und eine gesunde, nationale Konsolidierung ungemein erschweren, stossen hier aufeinander und treten in vollster Schärfe zutage. Scharf abgegrenzte Heerlager, innerhalb welcher selbständige Unterabteilungen eigene Quartiere beziehen und Sonderbündler eigene Wege wandeln. Arabische Juden rabbinischer und karaitischer Richtung; Aschkenasim aller Länder, Sprachen, Kulturstufen, Berufsarten, Gesellschaftsschichten; sephardische Juden aus Konstantinopel, Algier, Smyrna, Korfu — die ganze Zerrissenheit und Vielgestaltigkeit der Diasporajuden beherrscht und modelt das jüdische Leben in Kairo. Die durch, die Sprachverschiedenheit und andere rein äussere Momente ohnehin schwer überbrückbare Kluft wird noch klagender und breiter durch tiefgehende Divergenzen innerster Natur. Es ist klar, das ganze gesellschaftliche, geistige, nationale Leben der hiesigen Juden erhält dadurch seine charakteristische Färbung. Der schädliche Einfluss des orientalischen Milieus, allgemeiner Landessitten, des afrikanischen Klimas tritt noch ergänzend hinzu und aus allen den Einzelfaktoren bleibt in der Resultante zurück ein recht tiefes Niveau des geistigen Lebens und Strebens in Aegypten. Aegypten ist für die Juden heute das freieste Land der Welt. Von den Kulturerrungenschaften eines atemberaubenden staatlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Antisemitismus, der, in feste Systeme gebracht, Europas Juden im Nacken sitzt, ist es bisher unberührt geblieben. Beschränkungen der Einwanderung und Niederlassung, kunstvolle Einengung des Arbeits- und Erwerbsgebietes jüdischer Individuen sind bis nun landfremde Begriffe und Kunststückchen. Hafen und Städte sind jedermann gastfreundlich geöffnet. Der ungestörten kulturellen Entwicklung und nationalen Entfaltung der ägyptischen Juden stehen weder feindliche Parteien, noch hemmende Gesetze im Wege. Und doch dürfte kein zweites Land ein geistig und politisch minderwertigeres Judenmaterial aufzuweisen haben. Verständnislos, ja stumpfsinnig stehen die hierortigen Juden ihrer erdrückenden Mehrzahl nach allen Fragen kulturellen und nationalen jüdischen Inhalts gegenüber. Allerdings, ihre geistige Regsamkeit und intellektuelle Bildung steht auch sonst auf einem Tiefpunkt. Sie haben mit der Bevölkerung des Landes den allgemeinen Mangel an Sinn für höhere Interessen gemein. Die Tatsache, dass es auch an der leisesten politischen oder nationalen Strömung fehlt, bleibt nicht wirkungslos. Kein politischer Kampf, keine soziale Frage, kein nationaler Streit trübt ihren geistigen Horizont. Saison morte in Permanenz. Naturgemäss gibt es auch keinerlei öffentliche Meinung, keine politische Schulung und Reife, keine nationale Opferbereitschaft und Parteidisziplin. Die Menschen dieses Landes haben weder Gelegenheit, noch inneres Bedürfnis, in politischen oder sozialen Fragen sich zu einer festen, zielsuchenden Ueberzeugung durchzudenken und wahre nationale Gesinnung zu betätigen. Diese Dinge stehen auf der vom Landesbrauch sanktionierten Wertskala des öffentlichen Lebens zu allerletzt. Bei den autochthouen Juden, die den Entwicklungsgang ihrer arabischen Landsleute seit Jahrhunderten mitmachen und sich in deren Gedankenwelt eingelebt haben, ist die politische Unreife leicht begreiflich. Aber dass die eingewanderten Juden sich die landläufigen Grundsätze und Anschauungen über nationale Betätigung und ethischsoziale Arbeit gar so rasch zu eigen machen, muss auffallen. Bei den andersnationalen Europäern ist es nicht der Fall. Solidaritätsgefühl und kräftiger Sinn für nationale Kultur und Volksinteresse bleiben

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