Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bi* * W$lt" Nr. 12 fehlt, liegt das hauptsächliche Elend der arbeitenden Frauen darin, dass für ihre geistige Anregung auch nicht das Mindeste geschieht und wenn sie schon lesen können, sie beim Buchhändler nichts anderes bekommen als Traumbücher und Schauerromane. Sie können mangels jeder Ausbildung auch zu nicht viel anderem verwendet werden, als zu Hillsarbeiten, bei so geringem Angebot von Arbeit, dass die Arbeitslosigkeit eine kolossale wird. Ihre sittliche Minderwertigkeit lässt sich daraus leicht erklären. Wir müssen es uns leider versagen, auf die Vorschläge einzugehen, welche die Verfasserin behufs einer Aenderung der Verhältnisse macht. Eine Jüdin namens Silberstein gibt unentgeltlich Unterricht in der Spitzenklöppelei, die einzige Schule von praktischer Bedeutung für die Arbeiterinnen. Eine Ausnahme von den allgemeinen Verhältnissen macht vor allem die Spinnerei Scheibler, ein Etablissement von wahrhaft überraschender Grösse. Ihr Gründer war vor 30 Jahren in Lodz eingewandert. Seine Fabrik wurde erstürmt und zerstört, weil das Volk fürchtete, durch die Maschinen brotlos zu werden. Er richtete sie wieder auf und im Jahre 1887 beschäftigte seine Witwe Anna 5874 Arbeiter, davon 2560 Frauen, ferner 323 Knaben und 323 Mädchen. In den Spinnereien arbeiten 1049 Frauen, in den Webereien 1476, in der Bleicherei 41. Sie erhalten 2—5, in der Bleicherei 3—6 Rubel wöchentlich Lohn. Minderjährige verdienen 1.2—1.8 Rbl. wöchentlich, können aber dabei die Fabriksschule besuchen, die von einem Lehrer und einer Lehrerin geleitet werden, wobei aber der Unterricht der Mädchen äusserst unpraktisch ist. In dieser Fabrik bestehen 40 zweistöckige Arbeiterwohnhäuser (Zimmer mit Ofen 1—1.5 Rbl. monatlich) mit peinlicher Sauberkeit, ein Hospital, ein Asyl für Arbeitsunfähige, ein Schulhaus, ein Konsumverein, eigene Gasanstalt und Elektrizitätswerk. 234 000 Spindeln und 3600 mechanische Webstühle erzeugen jährlich 65 Millionen Arschin Baumwollzeug. Die Fabrik verbraucht alljährlich 3800 Waggons Kohle. Die Arbeitszeit ist täglich 12 Stunden nach Abzug aller Pausen. Die sozialen Lebensverhältnisse sind dabei durch die getroffenen Wohlfahrtseinrichtungen derart, dass die Arbeiter durch Fleiss, Nettigkeit und Nüchternheit bekannt sind. Auch die Sittlichkeit ist tadellos. Selbstverständlich gibt es genossenschaftliche Kassen aller Art. Die Verfasserin nimmt bei Schilderung dieser Verhältnisse (die uns an die bei Krupp in Essen erinnern) Anlast um ihren Konnationalen nachzuweisen, dass nicht die Profitgier und schmutzige Ausbeutung die vielgehassten Deutschen und Juden in die Höhe bringen, sondern rührige Energie und Fleiss, die nachzuahmen besser wäre, als sich in fortwährenden Beschimpfungen zu gefallen. Bedeutend weniger Jüdinnen und deutsche Arbeiterinne]! als in dieser Fabrik arbeiten in dem nächstgrössten Etablissement von Lodz, das ebenfalls in deutschen Händen ist. Es ist dies die Handschuhfabrik der Firma Winkler und Gärtner. Das Material'ist Seide und Wolle. Die Arbeit erfolgt an 150 kleinen Maschinen, in schönen Lokalitäten von 6 Uhr früh bis 7 Uhr abends mit zwei Stunden Pause. Männer arbeiten fast keine. Die Arbeit wird zugeschnitten ausgeteilt und trägt 60—90 Kop. täglich ein. Die Arbeiterinnen dürfen sich ihre kleinen Schwestern zur Aushilfe mitnehmen; diese verdienen ca. 20 Kopeken täglich. Die Leitung ist sehr human. Czenstochau. Bedeutend, ist hier vor allem die Spielwarenindustrie. Die Kohn'sche Fabrik hat eine Drechslerei und Malerei. Dort arbeiten Judenknaben und in der zugehörigen Presserei Jüdinnen. Arbeitszeit für Aeltere 12, für Jüngere 8 Stunden. Lohn 1—1.2 Rbl. pro Woche. Erzeugt werden Spiegel, künstliche Korallen für die Landbevölkerung und Spielsachen für Kinder. In der typo-, litho- und chromolithographischen Anstalt von Kohn und Oderfeld stehen 85 Jüdinnen in Arbeit. Arbeitsart: Ausschneiden, Vergolden, Aufkleben der Bilder etc. Ar beitslohn 1.5—2.5 Rbl. wöchentlich. Für zeichnerischen Unterricht (auch für Frauen) sind Lehrer berufen worden. Für Ar-, beiterkinder unentgeltlich. Ein Zeichner verdient bei diesem! I Fache 100 Rbl. monatlich. Die Fabriksarbeit wird der häuslichen Arbeit als Dienstmädchen vorgezogen. Nebst den 85 Mädchen arbeiten 135 Männer, doch sind die Arbeitsstätten getrennt und die Sittlichkeitsverhältnisse bei Kohn unter strenger Kontrolle musterhaft. In der französischen Wollspinnerei von Pelzer & fils werden meist Polinnen zum Sortieren der Wolle verwendet. Sie verdienen gegen lV- Rbl. wöchentlich. Billiges, aber schmutziges Fabrikswohnhaus. Billige Fabriksküche. Dampfbad 1 Kop. Bibliothek überflüssig, da niemand lesen kann. Schule für 60 Kinder eingerichtet. Meister haben das Aufsichtsrecht. Männer und Weiber arbeiten zusammen bei furchtbarer Hitze in je einer Tages- und einer Nachtschicht. Knopffabrik von Grossmamu Das Material ist Kokosivuss, das mit Dampf kraft in 5000 Mustern verarbeitet wird. Zwölfstündige Arbeitszeit. 40 Mädchen werden zum Aufnähen verwendet und erhalten 2 Kop. für das Gros (ausser Haus nur anderthalb Kop.), womit sie 30—40 Kop. täglich verdienen. Dazu müssen noch Zwirn und Nadel mitgebracht werden. Die Moral ist ausgezeichnet, die Männer arbeiten ganz abgesondert. Man hört bei der Arbeit oft fromme Lieder. In der Buchbinderei für Schachteln arbeiten 20 Mädchen, in der Sortiererei 25. Ein grosses Elend wird dadurch geschaffen, dass sich die Mädchen verheiraten und der Mann dann seinen Erwerb verliert; dann sollen von dem Lohn noch Kinder ernährt werden! In dieser Fabrik haben die Mädchen die Männer fast von jeder Art.der Arbeit verdrängt bis auf die bei den Maschinen. Das kommt daher, weil die Männer oft streikten. Seither werden nur Mädchen aufgenommen; sie machen 50 Prozent Knöpfe mehr als ein polnischer Landarbeiter und besaufen sich nicht. 60 Familien in Czenstochau sind mit dem Aufnähen von Knöpfen beschäftigt. Am Zentner Material verdient der Fabrikant 20 Rbl. Die Ware findet guten Absatz. Interessant ist der Vergleich, den uns die Verfasserin jetzt zwischen der deutschen Spinnerei in Lodz und dem Betriebe einer Aktiengesellschaft in Zawiernie, Gemeinde Kromolow, Gouv. Petrikau ziehen lässt. Letztere betreibt eine Spinnerei, Zwirnerei, Weberei, Bleicherei, Appretur, Druckerei, Färberei nebst Schlosserei und mechanischer Werkstätte. 2000 Arbeiter. 37 zweistöckige Arbeiterwohnhäuser. Erzeugung im Werte von 6 Millionen jährlich, Gründungskapital 375 000 Rbl. Aufsichtsratspräses Graf K. Zamojski, Mitglieder L. Sachs, A. u. 1. Ginsburg, M. Epstein und Z. Graf Rzyszezewski. 1000 Frauen sind im Betrieb beschäftigt. Sie verdienen 25—40 Kop. täglich, eine gute Schülerin 1 Rbl. Mädchen arbeiten vom 15. oder 16. Lebensjahre, Frauenarbeit bei Nacht ist verboten. Die Meister engagieren und entlassen. Jeder Arbeiterin werden zwei Prozent vom Lohn abgezogen und in die Sparkassa gegeben (beim Verlassen der Fabrik zu beheben), die Aktiengesellschaft gibt nach fünf Jahren die gleiche Summe dazu, was alles dann mit 5 Prozent verzinst wird, nach 10 Jahren mit 10, nach 20 Jahren mit 20, nach 30 Jahren muss das Kapital behoben werden. Die Arbeiterwohnhäuser sind für je acht Familien berechnet. (Zimmer und Küche 1.2 Rbl. monatlich.) Man darf Aftermieter halten. Für die Kinder, deren Eltern zur Arbeit gehen, ist eine Kleinkinderbewahranstalt eingerichtet. Wochenbett gilt als Krankheit, die Mutter eines Säuglings hat zwei Arbeitspausen täglich. Man sieht, dass auch der Jude sein Menschentum zu wahren weiss. Noch viele hochinteressante Streifzüge an der Hand der Autorin konnten wir über den russischen Arbeitsmarkt machen. Den Arbeitsmarkt, der, wie wir wissen, viele jüdische Hände beschäftigt, allen Verleumdungen der Antisemiten zum Trotz. Aber er ist klein. Das ist viel trauriger als die kleinen Löhne, für die die frommen Lieder in Czenstochau zum Himmel steigen. 40 Kopeken 3fA die Stunde! Aber wie turmhoch steht die Verdienerin der 40 Kopeken materiell über dem Jüdischen Luftroenschen! Hier 80 Arbeiter, dort 100 — und ringsherum 1000 Bettler! Paulina Korvin-Piotrovska rührt das Elend unserer Arbeiterinnen. Unser Massenelend ist noch grösser.