Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr, 12 |fbi^ 5 Bucherweit. »n^n, Heft XII, 1903 und Heft I, 1904. "rriTön. 1- Jahrgang, Heft VI. "DmjHn» illustrierte Monatsschrift für die hebräischlesende Jugend. Heftl und II, Jänner-Februar 1904. Verlag „Tuschijah", Warschau. Jüdische Volksbibliolhek. Literarisch und populär-wisser.- schaftliche Monatsschrift (Jargon). Eed. J. L. P e r e z, I. Hefi; Krakau. * * * Ein Schiiderer des jüdischen Ghetto in Rüssland.*} » Das kummervolle Dasciii unserer Volksgenossen iti Russland hat in dem Autor der vorliegenden' Erzählungen einen begabten Schilderer gefunden. Semjon Juschkewitsch ist ein echter Dichter. Der blutwarme Hauch, welcher diesen Schilderungen entsteigt, der blasse Kummer, welcher sie erfüllt, und die grenzenlose Seelenpein, welche aus den von Juschkewitsch entrollten lebenswarmen Bildern aus dem schrecklichen Dasein der Jüdischen Proletarier im russischen Ghetto spricht, machen die Erzählungen des begabten Russen nicht nur zu einer wert- Vollen Erscheinung in der russischen1 Literatur, sondern auch zu einem Denkmal der Leiden, welche die kompakte jüdische Masse in dem ihr zum Aufenthalte zugewiesenen Gebiete erdulden und ertragen rnuss, Juschkewitsch hat sein echtes, dichterisches Talent, seine seltene Beobachtungsgabe und seine grosse Gestaltungskraft der Darstellung des' jüdischen Ghetto in Russland gewidmet, um Bilder und Bildchen aus dem Leben in der Gasse hervorzuzaubern, welche mit tiefer Wehmut erfüllen, schmerzlich bewegen und erschüttern. Von tiefer Liebe für die Unglücklichen im Ghetto erfüllt, zeigt Juschkewitsch in seinen Novellen, weichen grausamen, verzweifelten Kampf ums Dasein das jüdische Proletariat im Ghetto zu führeil genötigt ist, wie alle Hoffnungen und Erwartungen der Armen unbarmherzig vernichtet werden, wie sie endlich verkommen und untergehen . . , Schon in der Erzählung „Verfall" tritt das Streng realistische Talent Juschkewitsch' deutlich zu Tage. Eine Feüersbrunst vernichtet den kleinen Wohlstand einer alten, jüdischen KaUfmannsfamiiie, und die Folge davon ist, dass die in Ehren ergrauten Familienmitglieder völlig verarmen und dem gänzlichen Ruin verfallen. Und die Schilderung des Seelenzustandes dieser angesichts der vernichtenden Flammen verzweifelt dastehenden Männer, Frauen Und Kinder, welche ihr Unglück in die Welt hinausschreien Wollen, ist es, welche nachhaltige Wirkung übt. Wie keiner noch verstand es Juschkewitsch, in die Seele der dort vor dem Ruin stehenden Einwohner des Ghetto hineinzuleuchten, um zu zeigen, welche Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit sich dieser Kinder des Ghetto, unter dem Zeichen ihrer Rechtlosigkeit bemächtigt hat. Ergreifend ist die Novelle „Der Schneider", deren Held plötzlich erblindet und seine zahlreiche Familie nicht mehr ernähren kann. Hier hat Juschkewitsch mit den einfachsten Mitteln eine Tragödie menschlicher Leiden entrollt, welche zu Tränen rührt und tief bewegt. Als echter Künstler vermied es Juschkewitsch, die Beziehungen zwischen Juden und Nichtj'uden im Ghetto zu schildern, es genügte ihm die innere Tragik des Lebens im Ghetto, um poetische Bilder von grosser Wirkung zu entwerfen. Und wenn die Unglücklichen im Ghetto nicht endgiltig verzweifeln, so verdanken sie es bloss ihrem Familiensinn und ihrere grossen Kinderliebe, Eigenschaften, welche Juschkewitsch in den edelsten und süssesten Tönen zu verherrlichen verstand. Grosses psychologisches Interesse bietet aber die Novelle „Ita Heine". Die Heldin dieser Novelle, Ita Heine, welche auf ihr eigenes Kind verzichten muss, um aus Armut Amme zu werden und ein fremdes Kind zu ernähren, ist von Juschkewitsch mit viel Liehe und. tiefer Kenntnis der jüdischen Frauenseele gezeichnet und übt durch die Tragik ihres Geschickes nachhaltige Wirkung. Auch die anderen Erzählungen in der Sammlung gewähren tiefen Einblick in. das Leben des jüdischen Ghetto in Russland mit all seinem Weh und Leiden. Eine triste Welt ist es, welche Juschkewitsch in seinen Novellen erschliesst, eine Welt voll Kummer und Niedergeschlagenheit. Aber Juschkewitsch ist nicht bloss der Sänger der Leiden im Ghetto. Er versteht es auch, die edlen Eigenschaften der Einwohner des Ghetto hervorzuheben, und zu zeigen, wie diese Eigenschaften unter dem Drucke des traurigen Daseins im Ghetto nicht aussterben. In dieser Beziehung ist die unlängst erschienene Erzählung „Mitleid" von Juschkewitsch besonders charakteristisch. Die Heldin dieser Erzählung ist eine Gefallene, welche ihr Brot auf diese Weise „verdienen" muss. Aber ihre Seele ist so zart besaitet, dass sie bei der leisesten Berührung, einschmeichelnde, zarte und. gewinnende Töne erklingen lässt. Sie taut auf, sobald sie jemandem begegnet, *) „Erzählunge n". Von Semjon Juschkewitsch. Verlag der Gesellschaft „Snanie" (Das Wissen). Petersburg, 1903. Welt11 Seite 13 welcher ihr bloss ein wenig Mitleid entgegenbringt. Juschkewitsch hat unlängst auch ein Schauspiel, „Die Fremde", veröffentlicht, das grosse Vorzüge aufweist. Seine „Erzählungen" aus dem-Ghetto aber sind menschliche Dokumente voll poetischen Zaubers und wirkungsvollen Realismus. Das schreckliche Dasein der Kinder des russischen Ghetto beleuchten sie grell und hell. Gt. ♦peüillefot). Anteil der Frauen an der Grossindustrie im Weichselgebiet und die ökonomisch-soziale Lage der Arbeiterinnen. Von Paulina Korvin-Piotrovska. Das Datinn der oben 1 etitelten Arl eit fällt in das Jahr 1887. Das zeigt uns die Verfasserin in mehrfacher Hinsicht als Vorkämpferiii moderner Ideen. Sie ist eine der ersten Vertreterinnen des praktisch denkenden und arbeitenden Feminismus und hat sich schon vor Jahren der Statistik zugewendet, einem Zweige der Wissenschaft, dessen kolossale Bedeutung erst die aller jüngste Zeit voll erkannt hat. Doch darf ein streng wissenschaftlicher Masstab an die Arbeit nicht angelegt werden, noch dazu bei den Umständen ihrer Entstehung, wie sie die Verfasserin im Vorworte angibt. Sie hat die Daten auf einer kurzen Reise gesammelt. Und sie selbst gibt ihre Absichten damit an, dass sie sozusagen die Leitmotive für eine spätere, tiefgreifende Forschung schaffen wollte. Die Arbeit liegt uns im Manuskript vor und wir wollen dem Gedankengange der Autorin schon aus historischem Interesse folgen, schon um den Kennern der heutigen Verhältnisse den Unterschied zwischen Einst und Jetzt vor Augen zu führen. Einleitend gibt Paulina Korvin-Piotrovska an, dass sie keine streng gebundene Spezialarbeit liefern wollte, sondern die allgemeinen Verhältnisse skizzenhaft, wie sie sie erschaut und erlauscht hat, schildern werde. Sie setzt mit einem allgemeinen Ueberblick über die Zeitverhältnisse ein und markiert uns in einem geistreichen Bilde das 20. Jahrhundert als eine Zeit, in welcher sich die menschliche Gesellschaft um den rauchenden Schornstein gruppiert, nachdem viele Generationen hindurch Schlösser und Klöster die Angelpunkte des öffentlichen Lebens waren. Diese Entwicklung ist nach Ansicht der Verfasserin eine wünschenswerte und notwendige und sie setzt sich in längeren Ausführungen mit allen erfolgten und möglichen Angriffen auf ihre Meinung auseinander. Sic beschreibt weiter den Gang dieser Entwicklung in ihrer engeren Heimat, dem russischen Gouvernement Warschau, wobei uns als Hauptfaktoren das deutsche, das polnische und das jüdische Element vorgeführt werden. Wir ahnen eine R'valität der beiden ersten Gruppen daraus, weil die Verfasserin die Eigenschaften beider heraushebt, um die Notwendigkeit ihrer Stellung im industriellen Leben daraus zu folgern. Jedwede ungerechte Parteinahme liegt ihr dabei fern. Vielmehr zeigt sich ihre allumfassende Menschenliebe dabei gerade so wie in der langen Reihe von Forderungen zum Schutze von Seele und Leib der Arbeiter, Forderungen, denen, erst später die Gesetzgebung der Staaten und die Hochherzigkeit Einzelner entsprochen haben. Aus ihrem gedanklichen Innenleben führt uns die Autorin bald hinaus in die rauhe Welt der Tatsachen. Lodz, das schon damals einen Ruf als Industriestadt besass, tritt uns vorerst vor die Augen. Von den ungefähr 200 industriellen Anlagen dieser Stadt, zum allergrössten Teil Woll- und Baumwollspinnereien, befindet sich nur ein minimaler Prozentsatz in jüdischem Besitz. Alle zusammen beschäftigen 50 000 Arbeiter, von denen der vierte Teil Frauen sind. Letztere verdienen in den angegebenen Etablissements 1.5—3 Rbl., bei der Hausweberei, Handschuh -und Knopfmacherei dagegen etwas mehr. Während es an Bildungskurseti und Fachschulen für die Arbeiter nicht