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Die Welt · 1904-03-18 · 12 (18.3.1904) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 lfbi* W^lt11 Nr4 12 Mendelssohn indessen hat diese Konsequenz nicht gezogen, und nachdem er Glauben und Wissen versöhnt, ist er all sein Lebtag ein gesetzestreuer Jude geblieben. Er hat nie daran gedacht, das geoffenbarte Gesetz seines nationalistischen Gottes zu entthronen, und er wäre gewiss nicht mehr mit jenem Mendelssohnianer vom reinsten Wasser, dem Rabbiner Reggio einverstanden gewesen, wenn dieser in einem Briefe an S. D. Luzzatto schreibt (Jost, israel. An. 1839): „Es ist mir genug, wenn Sie mir zugeben, dass diese Vorschriften (der geoffenbarten Gesetzgebung) ihrem Wesen nach nicht geeignet sind, demjenigen, der sie beobachtet, den Namen eines Supranaturalisten zu erwerben.4' Eine solche Aeusserung darf man natürlich nicht rnissverständlich so auffassen, als hätte jener Rabbiner aus Nationalitätsgründen an keiner überlieferten Einzelheit des Gesetzes rütteln wollen. Dieser Gedanke lag ihm sehr fern. Der ehrliche Moses aus Dessau hätte jedenfalls in obigem Sinne als Supernaturalist zu gelten beansprucht, und er hätte es dem Brief Schreiber überlassen, nicht als des Supranaturalismus verdächtig zu erscheinen, sondern einer ganz anderen Sache, total verschieden von Supranaturalismus. So ist es Mendelssohn gelungen, für seine Person auch den Gegnern seiner Bestrebungen süssen Trost zu spenden. Man vergass es bald, dass schon seine nächsten Nachkommen ,es weitbrachten — im Christentum", und sein Andenken wird von allen Parteien in Ehren gehalten. Aber der Rabbi Ezechiel, dem vor solch raschem Avancement graute, trägt den Bannfluch als Orthodoxer und ist hiermit gerichtet. Der Sieg Mendelssohn über R. Landau war vollständig, die nächste Zukunft schon, das Zeitalter der Reform, zeigte es mit erschreckender Deutlichkeit derart, dass es dem geistigen Vater der Bewegung wohl Angst und Bange geworden wäre, wenn er diesen Sieg erlebt hätte. Aber der ins Rollen gebrachte Stein war nicht mehr aufzuhalten, und der Weg von Dessau nach Berlin nicht mehr ungeschehen zu machen, auch wenn die damaligen Pfadfinder es so inbrünstig gewünscht haben. Wras war die Folge davon, dass Mendelssohn das Judentum in das Prokrustesbett dogmatischer Philosophie gezwängt? Es trat dieselbe Erscheinung zutage, die dem alexandrinischen Zeitalter ihr Gepräge gab. Die christianisierenden Philone fanden auch jetzt ihren Pythagoras und ihren Plato. Theologen und Atheologen wetteiferten darin, in die Synagoge Reformen hineinzutragen, die ganz parallel mit denen der Jeweiligen christlichen Theologie waren, Gebräuche und Anschauungen, die eine noch so entfernte Analogie mit christlichen Kultformen hatten, einfach durch diese zu ersetzen. Das war der Weg aus dem Ghetto. Als erster in der Reihe stolzer Namen, deren Träger das deutsche Judentum gerettet — es handelte sich um seine Rettung — trat S. R. Hirsch diesem verderblichen Prinzip entgegen. Hirsch versuchte es, das gefährdete Judentum Deutschlands durch das stürmische Meer der Zeit zu führen, dessen Wogen so viele Brüder schon verschlungen bei diesem hastigen Exodus aus dem Ghetto. Er wollte retten, was noch zu retten war. So schrieb er in seiner wuchtigen Weise die pathetischen Worte: ,;Selbst in der Mitternacht der Wissenschaft und des Lebens schrecken uns nicht die Gespenster der Nacht, schauen wir unverwandten Blickes nicht nach dem untergegangenen Westen, sondern nach dem aus dem Osten kommenden M o r g e n." Ihm bleibt das Verdienst, sich als erster der allgemeinen Deroute entgegengestemmt zu haben, ein mutiger Kämpfer und kraft seiner Persönlichkeit ein Turm in der Schlacht. Da er gesehen, wohin das Vorwärtsreformieren geführt, wollte er riickwärtsrefonnieren, zurück bis auf den Rabbi Ezechiel. Mit vielem Bedacht nahm er noch einmal das ganze Joch des Judentums auf seine Schultern, und trotz dieser dreitausendjährigen Last schritt er aufrecht einher, In seiner Person ein Protest gegen die Flucht aus dem Judentum im Zeichen der Reform. Mit den Freunden der Reform teilte er freilich den baren Mangel jeglichen nationalen Gefühles, das er, wie alle Kämpier der Emanzipation, unterdrückt hatte. Denn so verlangte es die Harmonie der Dinge und Herr Schleiermacher. Und noch hatte kein Kaiser, an dessen Wort man nicht drehen noch deuteln soll, den hochherzigen Gedanken ausgesprochen, dass das Bekenntnis zu einer Nationalität unabhängig sei von einem guten und treuen Staatsbürgertum. Der nationale Gedanke erstand an einem anderen Orte aus anderen Bedingungen. Zwischen den ersten Schriften Hirschs und Hessens „Rom und Jerusalem" lag beinahe ein. Menschenalter, und diese seine letzte Nationalitätenfrage klang den Zeitgenossen wie unverfälschtes Sanskrit. — Die Entwicklung der nationalen Idee nahm eben einen völlig anderen Verlauf. Diese ablehnende Stellungnahme zum jüdischen Nationalitätsprinzip, wie sie Gegner und Freunde der Reform gleichmassig eingenommen, rechtfertigt jedoch keineswegs das scheue Zurücktreten derer, die sich als die Erben jener Kämpen proklamieren. Im Gegenteil, es wäre an der Zeit, die abgetriebenen Gäule endlich abzuzäumen, auf denen man vor einem halben Jahrhundert paradierte. Mit nichten ist es im Sinne z. B. Hirschs, in urwälderischer Ungestörtheit mit der verwunderten Miene des Spiessbürgers die Dinge zu erwarten, die da kommen sollen. Nicht nachbeten soll man die Worte der Meister, sondern in ihrem Geiste arbeiten; doch dadurch erweist man sich schlecht als geistiges Erbe eines Mannes, wenn man einzelne seiner Ideen als Fettaugen in die eigenen mageren Brühen streut. Wahrlich, kennten sie ihren Hirsch, sie hörten auf seine Klage: „Dass selbst diejenigen, die unseren Volkskörper als krank erkennen, doch nur mit frommen Wünschen an seinem Krankenbette stehen, das ist, ich gestehe es, was mir seither immer als das trübste erschien." (Napht. Briefwechsel, I.) Wie bei seinem Vorgänger Landau, so hat sich auch an Hirschs Fersen das vernichtende Verdikt, der Vorwurf der Orthodoxie wie ein untilgbarer Fluch geheftet. Man vergisst sehr bald — und das ist eine schöne menschliche Eigenschaft — die bösen Dinge, um dafür die guten im Gedächtnis zu bewahren. Das ist, wie wir oben gezeigt, dem historischen Andenken an Mendelssohn sehr zugute gekommen, und wer möchte es ihm missgönnen! Aber bei jenem Rabbi aus Prag vergass man, dass er die Schere hasste, mit welcher dem bis dahin unbesiegten Riesen die kraftverleihenden Locken abgeschnitten wurden, um ihn alsdann den Philistern der Reform wehrlos zu überliefern. Und als man den entkräfteten Simson durch Philisterhände zum siechen Krüppel verstümmeln wollte, um ihn eines langsamen Todes sterben zu lassen, da schleuderte Hirsch die Donnerkeile seiner Beredsamkeit. Aber der eine war ein leibhaftiger Ghettomensch, der andere schien dorthin zuriickzugravitieren — in das Grab des Ghettos — da stellt zu rechter Zeit das Wort sich ein, womit man „die Geister" bannt, das klappernde Schlagwort von der Orthodoxie. * * Merkwürdig! Noch bei Mendelssohns Lebzeiten zuckte der Blitz hernieder, der seine Philosophie in ewige Nacht begrub. Er selbst hat dem Manne, der den Blitz geworfen, den Titel des Alleszermalmers geprägt. — Natürlich, Kant hat die drei apriorischen Gottesbeweise der dogmatischen Philosophie „zermalmt" und das war „alles". Und doch siegte der Mendelssohn'sche Rationalismus, nicht „obgleich, sondern weil" er so spiessbürgerlich trivial war, um sich in die neue Lage bequem hineinzupassen.. Da war keine Ghettoluft mehr zu spüren, alles so sauber und modern, keine Erinnerung mehr an die abgeschmackten Gebräuche der Väter — und das war sein Untergang.

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