Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 „bie # weit" Seite 5 ment zu sprechen. Und so wusch man sich rein, und die jüdische Unterstützung ist für eine weitere Zeit gerettet. Not tat es allerdings, dass diese Fälle krasser Zurücksetzungen der Juden durch die deutsche Militärbehörde, die der Abgeordnete Eickhoff zur Sprache brachte, einmal im Parlament erörtert wurden. Schon um zu sehen, was der Herr Kriegsminister dazu sagen würde. Nun: Zunächst schwieg er. Aber auch die Vertreter der anderen judenfreundlichen Parteien schwiegen. Nach vier Tagen endlich sprach der Herr 'Kriegsminister. Den krassesten Fall, der vorgebracht worden war, versuchte er mit einem Scherz abzutun. Dann erklärte er: „Der Abgeordnete Eickhoff hat dann weiter gefragt, warum wir keine jüdischen Offiziere und Unteroffiziere in unserer Armee haben, ob denn irgend welche Hindernisse beständen. Es stehen weder gesetzliche noch Verwaltungsbedenken im Wege, die den Eintritt der Juden in das Heer hindern. Ich kann den Herren nur anheimgeben, den Gesetzen entsprechend zu verfahren." Wie blutiger Hohn muss das in den Ohren der deutschen Juden klingen. Dass wir die Gleichberechtigung auf de rn Papiere haben, das wissen wir längst. Das braucht man uns nicht erst noch zu sagen. Aber wie sieht es in der W i r k- 1 i c h k e i t aus? Der Abgeordnete Eickhoff wies diese Antwort des Kriegsministers zurück und wiederholte seine sachlichen Beschwerden. Einer Antwort wurde er nicht gewürdigt, und die deutschen Juden wissen nun oder sollten wenigstens wissen, was sie fernerhin zu erwarten haben. Ein anderes Bild! Der bekannte Antisemit, ehemalige Hofprediger Stöcker, fand es für nötig, in einer Polemik gegen die Sozialdemokratie von „Disziplin der Judenschule", Vereinigung von Sozialdemokratie und Judentum und dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr zu reden. Da rief ein Sozialdemokrat mehrmals dazwischen: „Christus war ja auch ein Jude." Der Präsident Graf Ballestrem schwang die Glocke und bat „dringend, solche Zwischenrufe zu unterlassen". Herr Stöcker aber sagte: „Das zeigt wieder Ihren Mangel an Kenntnis der Weltgeschichte, Christus war des Menschen Sohn, Gottes Sohn." Als darauf bei den Sozialdemokraten abermals Zurufe erfolgten: „Ein Jude war er", erhob sich Graf Ballesjtrem abermals und rief mit sehr erregter Stimme: „Die Zurufe fangen an Blasphemie zu werden. (Zurufe: Sehr wahr, rechts.) Die Ueberzahl, die grosse Ueberzahl dieses Hauses aber sind gläubige Christen (lebhafter, langanhaltender Beifall), die sich nicht verhöhnen lassen. (Lebhafter Beifall.)" Also: Die Juden dürfen in jeder Weise ungehindert beschimpft werden; wehe aber, wenn einer wagt, die Tatsache auszusprechen, dass Jesus ein Jude war.-- Auf den Kanzeln der d e u t s c h e n Synagogen aber hören wir: Wir wollen uns nicht rauben lassen den Glauben an den Portschritt der Gesittung, und dass der Tag bald kommen werde, an dem wir völlig den anderen gleichgestellt sein werden, und dass der Judenhass alsbald schwinden werde. Und wie es auf den Kanzeln die Rabbinen prophezeien, so künden es in Logen, Literaturvereinen und anderen Orten andere, die alle das gemein haben, dass sie sämtlich selbst eine Judennot nie spürten. Ja, sie behaupten zuweilen, die „moralische Judennot" habe Max Nordau nur erfunden, um so für den Zionismus Propaganda zu machen. Als ob der Zionismus solche Manöver brauchte! Selbst jener Hoffnungsseligen Söhne pflegen schon anders zu denken, als ihre Väter. Besser so als umgekehrt! Ghettozionismus.*) Der Begriff einer orthodoxen Kirche ist aus dem jahrhundertelangen, blutigen Streite zwischen Idololatren und *) Wir publizieren diese Ausführungen, ohne mit dem geehrten Herrn Autor in allen Punkten einverstanden zu sein. I>ie Red. Ikonoklasten, zwischen Anhängern und Gegnern des Bilderdienstes im religiösen Kultus des Christentums organisch hervorgewachsen. Indessen würde der fromme Kirchenlehrer Johann von Damascus das Gefühl der Verwunderung nicht unterdrücken können, wenn er heute erführe, dass man jetzt in einem ähnlichen Sinne von einer orthodoxen Synagoge spricht, wie er selber in den Tagen des Bildersturmes von einer christlichen Orthodoxie gegenüber dem bilderfeindlichen Kaiser Leo Isauricus gesprochen hat. Die sogenannte jüdische Orthodoxie ist viel jüngeren Datums, eine Frucht moderner Erkenntnis. Will man auf ihren Ursprung zurückgehen, so muss man den Blick auf die Zeiten lenken, wo der unabänderliche Verlauf der modernen Entwicklung wie ein reissender Strom auch den Felsendamm des Ghettos durchbrach, wo Moses Mendelssohn den philo-maimonidischen Versuch machte, seine Religion mit seiner Philosophie — wie man so sagt — auszusöhnen. Damals erhob sich gegen den gar nicht kühn auftretenden Neuerer ein Sturm der Missbilliguug, ausgehend von der alten Schule. Besonders der ehrwürdige, sehr gelehrte Rabbi Jecheskel Landau aus Prag betrachtete diese Vermählung jüdischer Glaubensfestigkeit mit philosophischem Rationalismus nüsstrauischen Blickes. Mit harter Rücksichtslosigkeit ging er gegen die neue Richtung vor, die aus dem Judentum hinausführe. Man hat ihn dafür mit dein Pathos der sittlichen Entrüstung einen Fanatiker genannt, einen fortschrittsfeindlichen Rabbiner, einen bornierten Reaktionär. Somit war bei den Juden Rabbi Ezechiel Landau der erste Orthodoxe. Wahrscheinlich hat er diesem neumodischen Schlagwort bei seinem mangelhaften Sinn für Fremdwörter wenig Verständnis entgegengebracht, vielleicht hat der tiefgelehrte, kluge Mann es auch gewusst, dass dem, der die Wahrheit geigt, der Fidelbogen um den Kopf geschlagen wird. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass er seines Zeitgenossen, des unerschrockenen Lessing, wenig liebenswürdige Ansicht teilte: Die neumodische Theologie ist gegen die Orthodoxie wie Mistjauche gegen unreines Wasser. War es wirklich der pure Bildungshass und eine souveräne Verachtung der Wissenschart, die den Rabbi veranlassten, den Plänen Mendelssohns, diesen unbeugsamen Widerstand entgegenzusetzen? Mit M.endelssohn beginnt im geistigen und sozialen Leben der deutschen Juden eine neue Entwicklungsepoche. Das Epochemachende seines Auftretens in der jüdischen Wissenschaft besteht darin, dass er, ein getreuer Anhänger der rationalistischen Auffassung in Philosophie und Theologie, die Annahme einer unmittelbaren Offenbarung als einer von aussen kommenden Mitteilung konsequent zurückwies. Dabei zog er jedoch nicht die Schlussfolgerung, dass eine Offenbarung nunmehr überflüssig, d. h. unwirklich sei. sondern er überkleisterte den entstandenen Konflikt zwischen seiner Vernunft- Theologie und der traditionellen Anschauung, von der er nun einmal nicht lassen mochte, durch eine neue Deutung der vorhandenen Urkunden, er erklärte sie zwar als geofienbart, doch sei allein die Mitteilung eines Zerenionialgesctzes bezweckt gewesen. Das geschah in dem bekannten Werk ,,Jerusalem, oder über religiöse M.acht und Judentum'*, wo er die Maxime des Zeremonialgesetzes dahin formulierte: Die Menschen müssen zu Handlungen getrieben, zum Nachdenken nur veranlasst werden. War nun aber der geoffenbarte Gott hinwegdemonstriert, so musste auch das geoffenbarte Gesetz hinfällig werden. Wenn man den geoffenbarten Gott hinauswies, so musste man ihm das nunmehr autoritätlose Gesetz nachsenden. Diese Konsequenz war unvermeidlich, und sie hat sich ja durchgesetzt, allem Phrasengoldschaum zum Trotz. Denn die brutale Logik der tatsächlichen Dinge hat die Gewohnheit, die angenehmsten Theoreme zu widerlegen, wenn sie auch noch so fein gesponnen sind.