Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bi* # Welt11 Nr. 12 Plan Sokolows und aller Freunde der hebräischen Literatur nähert eich nun seiner Verwirklichung. Das Redaktionspersonal ist bestellt, die weitgehendsten Vorbereitungen sind getroffen, und der nimmermüde Soko- 1 o w. der das Unternehmen leitet, inauguriert das baldige Erscheinen der Enzyklopädie voll Freude und Zuversicht. Er darf es wohl tun, denn er, er allein ist der Mann dafür, wie kaum ein anderer. Wir glauben unserem Jubilar zu seinem bevorstehenden Freudentag keinen passenderen Wunsch senden zu können, als den, dass er sein ideales Lebenswerk glücklich zu Ende führe. Sein Können und Wollen werden diesen unseren Wunsch zur Wirklichkeit machen. M. Berkowicz. Aus Russland. Petersburg. Die in den russischen Blättern publizierten Listen der aus allen Städten Russlands nach üem Kriegsschauplatz im fernen Osten entsendeten Aerzte weisen eine erdrückende Majorität von Namen jüdischer Aerzte auf. Das unter dem Protektorate der Zarinwitwe stehende Bote Kreuz versendet folgendes Zirkular an Aerzte, welche in den Dienst des Roten Kreuzes treten wollen: „Das Rote Kreuz organisiert Sanitätsabteilungen behufs Entsendung derselben nach dem fernen Osten. Jede Abteilung besteht aus einem Primarius und vier Sekundarärzten. Der Primarius erhält ein Gehalt von 500, der Sekundararzt von 350 Rubeln monatlich. Der Primarius muss orthodoxen, die Sekundärärzte können römisch-katholischen und protestantischen Glaubens sein." Juden erscheinen somit ausgeschlossen. Wohl beeilen sich die „Petersburgskija Wjedomosti" zu erk/ären, dass das Rote Kreuz sehr humane Ziele verfolgt und keine derartigen Verordnungen treffen kann, aber das publizierte Aktenstück beweist deutlich, dass das Rote Kreuz den Dienst jüdischer Aerzte nicht annehmen will. Petersburg. Die antisemitische Presse fährt fort, die Juden des Verrates an Russland, begangen durch Ankauf von Pferden für Japan zu beschuldigen. Trotzdem sogar die offiziellen „Tambowskija Gubernskija Wjedomosti" kategorisch erklärt hatten, dass im Gouvernement Tambow absolut keine jüdischen Remontenkäufer sich aufhalten, beeilt sich der antisemitische „Swet". welcher in tausenden von Exemplaren in den niedrigen Volksschichten Verbreitung findet, wiederum einen Artikel zu bringen, in welchem behauptet wird, dass jüdische Remontenkäufer in vielen Ortschafren des Reiches Pferde ankaufen und es fo zu machen verstehen, dass diese Pferde nach dem Auslande gebracht werden, wo sie von japanischen Agenten übernommen werden. Die anständigen Blätter von Petersburg weisen zwar diese Insinuation des „Swet" zurück, aber das von dem „Swet" verbreitete Gift der Verhetzung kann für unsere Volksgenossen verhängnisvoll werden. Krementschag. Die von den Petersburger Antisemitenblättern aus Anlass des Krieges in Ostasien eröffnete Hetze gegen die Juden hat viele Amtspersonen und Polizeichefs in Südrussland veranlasst, öffentlich die Juden gegen böse, verhängnisvolle Verleumdungen in Schutz zu nehmen. In Krementschug hat der Polizeimeister, wie die „Juschnaja Rossija" meldet, während des Gottesdienstes in der grossen Synagoge, den die hervorragendsten Christen besuchten, eine Rede gehalten, in welcher er unter anderem sagte: „Was über die Juden in letzter Zeit verbreitet wird, ist eine Lüge. Die Feinde Russlands säen im Volke Unruhe, um einen nationalen Zusammenstoss herbeizuführen. Gleich den Russen setzen auch die Juden gerne ihr Leben für das Vaterland ein. Gerne opfern sie ihr Geld, um Russland im Kampfe mit dem Feinde zu unterstützen.0 Jelisawetgrad. Wie der „ Jelisawetgradskij Listok" meld* t. hat der kommandieren de General der Stadt, General Soms a r o w, an die Veranstalter einer patriotischen Kundgebung für die nach Ostasien gehenden Truppen eine Ar- Sprache gerichtet, in welcher er sagte: „Ich danke insbesondere den Juden für ihre Gefühle und mache alle darauf aufmerksam, dass die Juden ebenso treu und fest die teure Heimat lieben, wie wir alle, dass daher alle gegenteiligen Behauptungen blosse Verleumdungen sind." Petersburg. In der unlängst abgehaltenen vereinigten Sitzung der Gesellschaft der Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland und der Kommission zur Errichtung eines jüdischen theologischen Institutes in Russland, wurde einstimmig beschlossen, alle Mittel zu ergreifen, um die Errichtung des theologischen Institutes schnell zu beschaffen, weil dieses Institut ein unerlässliches Bedürfnis der russischen Juden ist. Odessa. Der soeben von der Kommission zur Unterstützung armer Juden während des Passahfestes herausgegebene Rechenschaftsbericht für das abgelaufene Jahr konstatiert eine rapide Zunahme der Zahl der jüdischen Armen, welche am Passahfeste mit Unterstützungen 'versehen werden mussten. Es erhielten Unterstützungen 45000 Juden; dabei hat die jüdische Volksküche 8000 Personen täglich gespeist und die Juden in den Spitälern und in den, Arresthäusern mit Essen versehen. Wilna. Wie die „Sewero-Sapadnoje Slowo" berichtet hat das Militärkommando von Wilna den militärischen Musikkapellen verboten, auf jüdischen Hochzeiten zu spielen. Auf polnische, deutsche und litthauische Hochzeiten bezieht sich dieses Verbot nicht. Gt. Zur Judenfrage in Deutschland. Von Hugo Schachtel - Breslau. Alljährlich zur Zeit der Etatsdebatten im deutschen Reichstage und prcussisch.cn Landtage kann man leicht interessante Studien zur Judenfrage in Deutschland machen. Wis in diesen Parlamenten gesagt wird und was nicht gesagt wird, wer da von Juden spricht und wer von ihnen schweigt, bietet Material genug. Wie im Laufe der Zeit die Stellung der deutschen Liberalen zu den Juden sich gewandelt hat, darüber ist in früheren Jahren auch in diesen Blättern des öfteren gesprochen worden. Und es ist hier immer wieder darauf hingewiesen worden, wie die Führer der Freisinnigen Volkspartei immer weniger und weniger von den Juden wissen wollen, wie die um Eugen Richter immer mehr und mehr zu der Einsicht kamen, dass der Juden Anhängerschaft ihnen nicht förderlich sei und man sie möglichst abschütteln müsste — brauchte man sie nicht. Das Gros der deutschen Juden allerdings sah das nicht oder wollte das nicht sehen. Und wenn ein Liberaler anderer Art und Richtung, Herr von Gerlach, auf die antisemitelnde Freisinnige Volkspartei hinwies, musste er sich gefallen lassen, dass man ihn des Judenhasses zieh. Nun durchschauten die deutschen Juden ihre freisinnigen Freunde allerdings schon bei den letzten Parlamentswahlen; aber es gab noch Beschwichtigungsräte genüg, die ihr Handwerk nur zu gut verstanden. Obenan der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (und Nicht-Glaubens). Da fand aber eben eine Nachwahl in einem bisher freisinnigen Wahlkreise — Eschwege-Schmalkalden — statt. Es. kam zu einer Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Sozialdemokraten. Die Freisinnige Volkspartei hatte es in der Hand, dem einen oder anderen zum Stiege zu verhelfen. Sie tat, was die denkenden deutschen Juden erwarteten: sie gab keine Parole aus, sondern überliess es den Wählern, nach eigenem Ermessen zu handeln. Und der Wähler eigenes Ermessen — bei der angeborenen und anerzogenen Liebe für uns Juden — ging dahin, dass der Antisemit das kleinere Uebel sei, und der Antisemit siegte. Zu den offenen und heimlichen Antisemiten des deutschen Reichstages gesellte sich noch einer. Kurz vc r der Wahl noch hatte der Vorsitzende des oben zitierten Staatsbürgervereins die sichere Erwartung ausgesprochen, dass die Freisinnige Volkspartei hier gerade zeigen würde, dass sie allein frei von jeder antisemitischen Unterströmung sei. „Wir werden nicht zagen, der Freisinnigen Volkspartei den Wechsel zu präsentieren und wir wollen sehen, ob er eingelöst wird," so sprach der Zentralvereinsvorsitzends. Diese Wechselpräsentation scheint inzwischen erfolgt zu sein. Die Freisinnigen sind darauf hingewiesen worden, wie die Wahl in Eschwege-Schmalkalden gedeutet worden. Und da mussten sie etwas tun, um ihre judenfreundliche Gesinnung vor aller Welt zu dokumentieren: Einer der Ihren wurde beauftragt, doch wieder einmal über einige Zurücksetzungen von „Bekennern der jüdischen Konfession" im Paria-