Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316086--45549-3340362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr, 12 flbi* * Weit" Seite 3 N. Sokolow. (Zu seinem 25jährigen S c hr i f t s t el 1 e r j u b ilä um.) Seit mehr als Jahresfrist wird in hebräischen Schriftstellerkreisen zu einem Feste gerüstet, das Sonntag den 4. Nissan in Warschau gefeiert und voraussichtlich überall dort ein freudiges Echo finden wird, wo hebräische Zeitungen gelesen werden, wo zionistisches Leben und jüdischnationale Gesinnung heimisch sind. Es ist ein Fest der Arbeit, unermüdlichen fruchtbaren Schaffens und Wirkens: das Jubiläum der 25jährigen Schriftstellertätigkeit N. S okolowB, eines Mannes, dessen Namen mit der hebräischen Journalistik eng verknüpft, mit der Ausbreitung und Befestigung der zionistischen Bewegung seit dem ersten Kongresse innig verbunden ist. Sokolow steht heute im45. Lebensjahre und nimmt trotz dieses relativ jugendlichen Alters fast den ersten Rang in der hebräischen Publizistik und Journalistik ein, den er mit frischer Kraft und lebenssprudelnder Begeisterung ausfüllt Wir sagen: fast den ersten Rang. Denn es hat in der hebräischen Literatur fast kein zweiter eine so reiche Tätigkeit aufzuweisen, wie Sokolow. Aber darin muss N. Sokolow. Sokolow ganz entschieden der erste Rang zuerkannt werden, dass er die hebräische Presse auf eine ungeahnte Stufe brachte, dass die hebräische Journalistik in ihm nicht allein ihren fähigsten Vertreter, sondern — was seine erbittertsten politischen Gegner anerkennend zugeben müssen — ihren modernsten, auf der Höhe der Zeit stehenden Meister feiert. Und er hat Gegner, mit denen er sich, in den letzten Monaten besonders, sehr scharf und gar zu oft in der heftigsten Weise auseinandersetzen musste. Diese Gegnerschaft ist zum Teile auch schon älteren Datums als der jüngste Ugandastreit und der Charkower Rummel. Sokolow war einst kein Freund der „Chowewe Zion" und nach dem Erscheinen des „Judenstaates" befand er sich auch unter den offenen Gegnern Herzls. Er kam dann zum ersten Kongress nach Basel. Als Redakteur, als Journalist. Er sah die Erneuerung des Bruderbundes aller Juden der Diaspora, die auf der ganzen Erde ihr Echo fand; er. hörte die wiedererwachten uralten Wünsche des unglücklichen Juden Volkes in der Abfassung des Baseler Programmes klar und aufrichtig zum Ausdrucke kommen und er ward Zionist, einer der eitrigsten und begeistertsten Kongresszionisten. Er stellte nun dem Zionismus die von ihm seit Jahren geleitete Tageszeitung .Hazefirah" zur Verfügung. Darob ein Zetergeschrei: „Sokolow hat seine Ansicht gewechselt!" Und Sokolow gibt es unumwunden, in herzlicher Aufrichtigkeit zu, dass er aus einem Gegner ein Zionist geworden. „Unser Zionismus — antwortet er in der „Hazefirah" seinen jüdisch-polnischen Kollegen, die ihm diese Wandlung nicht verzeihen konnten — unser Zionismus ist folgender: Ein politisch-rechtlicher, gesetzlich anerkannter, moderner und dem Zeitgeist entsprechender. Und ihr „Gemeinde Korachs* gehet hin und verleumdet uns, dass wir Zionisten geworden sind! . .. Wir waren früher gegen Herzl, weil wir seine Pläne für phantastisch und extrem hielten. Nun aber hat sich die Sache geklärt, und die Führer der Bewegung haben unzweideutig erklärt, was sie anstreben : eine rechtlich gesicherte Heimstätte für Heimatlose. Seitdem Herzl das grosse Wort gesprochen, dass er unter Zionismus „die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" verstehe, seitdem wir eingesehen, dass unsere hervorragendsten Intelligenzen, die vom Judentum längst nichts mehr wissen wollten, durch den Zionismus die besten Juden geworden sind — können wir uns der Wahrheit nicht verschliessen, und müssen anerkennend zugeben, dass der Zionismus eine mächtige und gewaltige Kraft ist und den Lebenssaft bildet, der unserem Volkskörper jugendliche Frische verleiht! . . .* Seither steht Sokolow auf dem von ihm eingenommenen Posten und kämpft unermüdlich in den ersten Reihen der politischen Zionisten. Der Lebenssaft, den der Zionismus dem jüdischen Volkskörper eingeüösst, erhöhte auch Sokolows jugendliche Frische und brachte seine schriftstellerische Tätigkeit zur höchsten Entfaltung. Er schrieb seither das Beste, das Schönste, was sein vielseitiges Talent vermochte. Er schrieb viel, s o viel, dass es geradezu Staunen erregte. Und schön, geistreich ist alles, was aus seiner Fed^r fliesst. Neben, dem grossen Reichtum seiner Sprache, den er der gründlichen Kenntnis aller Disziplinen des talmudisch-rabbinischen Wissens, verdankt, entbehrt alles, was S o k o 1 o w schreibt, nicht eines eigentümlichen poetischen Reizes. Seine weitgehende Bekanntschaft mit der alten und mittelalterlichen jüdischen Geschichte und Literatur, gepaart mit einem tiefen Verständnis des gesamten Gebietes der grossen Kulturwelt haben tausende und abertausende Köpfe aufgeklärt und erzogen, die keine andere Sprache lesen als die hebräische. Was Sokolow immer schreibt, ist von Bedeutung für die Erziehung der Massen im Osten und gewährt zugleich demjenigen, der bereits modern erzogen ist, soweit er noch hebräisch liest, Stunden hohen Genusses. Sokolows Styl zeichnet sich aber nicht allein durch den Reichtum seiner Sprache aus. Er ist auch in gewissem Sinne künstlerisch, er verbindet die scharfe kritische Dialektik des Halachischen mit dem weinendlachenden Humor der Agada und des späteren Ghettojudentums. Er philosophiert (wenn auch nicht als origineller Denker) über alle Erscheinungen im Leben und in der Geistes weit, er begeistert sich, wo er einen hellen Lichtstrahl erblickt, er überschüttet schonungslos mit Spott und Verachtung, wo er Faules, Ungesundes gewahrt. In letzter Zeit hat ein neues Unternehmen Sokolows in der ganzen gebildeten Judenheit, die sich für jüdisches Wissen noch interessieren, von sich reden gemacht. Es ist dies die geplante Herausgabe einer grossen allgemeinen Enzyklopädie in hebräischer Sprache, die nicht allein jüdisches, sondern auch allgemeines Wissen enthalten soll. Der lange gehegte