Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „biS & Welt11 Nr. 11 sundheitszustand Chederahs nicht schlechter ist als der von Zichron-Jacob. Rischon-ie-Zion. Die 38 vor! J. Belkind aus Kischenew hierhergebrachten Waisen wurden hier in einem Schulraume untergebracht. Die Kinder werden unterrichtet und in Gartenarbeit unterwiesen. Wie wir aus Palästina erfahren, wurde bis jetzt noch nicht einmal der für die Schule notwendige Boden erworben/ Vom Ankauf des in der Nähe von Tiberias in vielen Beziehungen günstig gelegenen Hettin wurde aus unbekannten Ursachen Abstand genommen. Die Beziehungen zwischen den Arbeitern und der Administration wurden hier in der Weise geregelt, dass eine dreimonatliche Kündigungsfrist beiderseits eingeführt wurde. Bei Entlassung nach zweijähriger Arbeitszeit erhält der Arbeiter ausser seinem Lohne noch 10 Prozent der Summe, die von ihm im Laufe der zwei Jahre verdient wurde, als Entschädigung. Ebenso gelangen bei seiner Entlassung die monatlich während seiner Arbeitszeit entrichteten Kassenbeiträge ä 5 Mark zur Auszahlung. Wie verlautet, soll die Eisenbahn Jaffa—Jerusalem von Ramie aus eine Abzweigung nach Rischon-le-Zion erhalten. Der Transport des Weines von Rischon nach Jaffa würde sich bedeutend verbilligen, und die Eisenbahngesellschaft würde dabei kein schlechtes Geschäft machen. Jedoch bedarf diese Mitteilung einer Bestätigung. Jessod-Hamaalah. Der von uns gemeldete Mord eines Juden in Jessod-Hamaalah wurde von der türkischen Regierung in Safed streng geahndet. Der Mörder wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Bruder des Dorfschechs, der dem Ermordeten im Streite eine Ohrfeige versetzt hatte, bekam 1 Jahr Gefängnis. Der Dorfschech selbst, der zugleich Wächter der Kolonie ist und dafür ein Jahresgehalt von 3000 Frcs. bezog, war verdächtig, der Anstifter verschiedener Diebstähle zu sein, und wurde für sie verantwortlich gemacht. Das Gehalt, eigentlich Tribut, von 3000 Frcs. wurde ihm entzogen. Organisation der palästinischen Lehrerschaft. Das von der Lehrerkonferenz in Zichron-Jacob eingesetzte Komitee veröffentlicht ein Zirkular, in dem die Zwecke des Komitees bekannt gegeben werden. Das Komitee bezweckt 1. die Verbesserung der Erziehung in Palästina und 2. die Verbesserung der Situation der Lehrer. Als Mittel sind in Aussicht genommen: 1. Festlegung von Programmen für städtische und Dorfschulen, 2. Einführung einer Prüfung für Lehrer, und zwar für fiauptlehrer, Hilfslehrer und Lehrer für Kindergärten, 3. Anstellung von geeigneten und geprüften Lehrern, 4. Veranstaltung von allgemeinen Leserkonferenzen, die die verschiedenen Erziehungsfragen behandeln sollen, 5. Schutz der Lehrer vor Ausbeutung, 6. Gründung einer Altersversorgungskasse für Lehrer. Rinderpest in den Kolonien von Judäa. Wir erhalten noch Vor Schluss der Redaktion die betrübende Meldung von dem Ausbruch der Rinderpest in den südlichen Kolonien. Artuf verlor den grössten Teil des Viehbestandes, ebenso Mikweh. — In Ekron wurde auf Anordnung des Kulturinspektors der Rothschild'schen Kolonien Barbier Israel mit der Impfung des Viehes nach Burenart (Injektion von Galle der erkrankten Tiere) betraut. Ueber die Ergebnisse dieses Verfahrens ist hoch nichts näheres bekannt. Aus „Altneuland", Heft III. Aus Riisslantl. Petersburg. Die gleich nach dem Ausbruche des russischj apanischen Krieges von den antisemitischen Blättern Kusslands eingeleitete Hetze gegen die Juden im Zarenreiche nimmt immer hässlichere Formen an. Der Publizist Menschikow, welcher aus der liberalen Zeitschrift „Nedelja* zu der antisemitischen „Nowoje Wremja" überging, verleumdete in den Spalten dieses Blattes die Juden skrupellos. In seinem jüngsten Feuilleton in der „Nowoje Wremja" versteigt sich Menschikow, der in der liberalen „Nedelja" stets von Wahrheit, Menschlichkeit und Menschenliebe predigte, zu der Behauptung, dass die Juden allein Schuld an dem Kriege seien . . . Dienach Amerika ausgewanderten russischen Juden hätten nämlich, wie Herr Menschikow herausgefunden hat, Japan gegen Russland gehetzt, das Reich der aufgehenden Sonne mit Geld versehen und die Japaner so lange bearbeitet, bis sie Russland den Krieg erklärten . . ♦ Diese hasserfüllten Ausfälle gegen die Juden machen in Russlaad trotz ihrer augenscheinlichen Unhaltbarkfiit Eindruck, und die antijüdische Stimmung nimmt an Umfang zu. In Erkenntnis dieser traurigen Tatsache beeilte sich der bekannte russische Publizist Alexander A m fi t e a t r o w, in der neuen Zeitschrift „Russjtt Menschikow und seine unwürdige Haltung scharf zu tadeln, und dem Antisemiten der „Nowoje Wremja" vorzuhalten, dass fr das jüdische Volk beleidigt, zu einer Zeit, wo tausende von Söhnen dieses Volkes im fernen Osten für das russische Vaterland kämpfen. Auch die „Nowosti" brandmarkten die Haltung Menschikows, während die „Petersburgskija Wjedomosti" auf Grund von Informationen aus kompetenter Quelle die von der „Nowoje Wremjntt lau - zierte Melduag über den angeblichen Ankauf von Pferden für Japan durch russische Juden als Unwahrheit bezeichneten. Aber die kolossale Verbreitung der „Nowoje Wremja" unter den russischen Militärs und unter der russischen Kaufmannschaft macht die von diesem Blatte eingeschlagene Bahn der Verläumdung der Juden zu einer Zeit, wo die russischen Volksmassen so leicht entzündbar sind, für unsere Volksmassen zu einer äusserst gefährlichen. Wie weit die Perfidie der „Nowoje Wremja" geht, kann man daraus ersehen, dass sie alle von den Juden in allen ihren Wohnorten veranstalteten Gottesdienste für den Sieg der russischen Waffen und Spendensammlungen für die Verwundeten und Kranken ganz einfach todtschweigt . . . Unter diesen Umständen ist es begreiflich, dass die Ausfälle der „Nowoje Wremja" unter den Juden in Russland Beunruhigung erzeugt haben. Kiew. Die polizeiliche Verfügung, dass die Familien der nach dem Kriegsschauplatze entsendeten jüdische Aerzte, welche in Kiew ihr Domizil hatten, das Wohnrecht in Kiew verwirkon und daher in den Ansiedlungsrayon zu übersiedeln haben, wurde zurückgezogen. Wie die „Kiewskije Otkliki" melden, hat der Gouverneur von Kiew an die Polizeileiter von Kiew ein Zirkular gerichtet, in welchem anbefohlen wird: Die Familien der jüdischen Aerzte und Wundärzte, welche nach dem Kriegsschauplatze entsendet würden, haben auch fernerhin das Wohnrecht in Kiew. Ein ebensolches Recht geniessen auch die jüdischen Bediensteten jüdischer Aerzte, denen der Aufenthalt in Kiew behördlich bereits gestattet wurde. Ein Tagesbefehl des Kiewer Polizeimeisters vom 25. Februar verfügt jedoch, dass die Polizei darüber wachen muss, dass die Eltern und Verwandten der bezeichneten jüdischen Aerzte und Wundärzte, welche jetzt ausserhalb Kiew leben, sich ohne behördliche Erlaubnis in Kiew nicht niederlassen sollen . . . Petersburg* Unmittelbar nach erfolgter Anordnung der Mobilisierung der Truppen in den west- und ostsibirischen Militärbezirken wurden alle Aerzte der kriegsmedizinischen Reserve einberufen. Da jüdische Aerzte zum militär-ärztlichen Dienste nur in Sibirien zugelassen worden, so wurden fast alle jüdischen Aerzte, welche nach der Mobilisierungs-Erklärung einberufen wurden, den sibirischen Militärbezirken zugeteilt. Petersburg allein hat nach Sibirien 150 Aerzte, darunter 90 Juden entsendet. Kiew. Angesichts der demnächst bevorstehenden Eröffnung der grossen Jahresmesse in Kiew hat der Polizeimeister von Kiew angeordnet, strenge darüber zu wachen, dass die auf die Messe kommenden Kaufleute nur in den Bezirken von Podol, Ploskoje und Lybedok wohnen. Den Polizeileitern der Bezirke von Starokiew, Dworzowy und Bulvaroy, sowie den Leitern der Geheimpolizei der innern Stadt wurde eingeschärft, jüdische Kaufleute zum Absteigen in den Hotels und in den möblierten Zimmern nicht zuzulassen. Gt. Die Revision des Prozesses Dreyfus. Noch einmal soll die „ Affäre" aufgerollt werden. Die Kriminalkammer des Kassationshofes ^hat sich mit den neuen Fakten beschäftigt, welche eine Revision motivieren und hat den Revisionsantrag für begründet erklärt. Zur Prüfung der Dokumente ist eine Enquete angeordnet worden. Dagegen ist im Gegensatz zu dem bei der trüheren Revision eingeschlagenen Verfahren das Urteil des Kriegsgerichtes von Rennes nicht aufgehoben worden. Aus den bisherigen Verhandlungen geht hervor, dass alle die Fälschungen begangen wurden, um die Entlarvung Esterhazys zu verhindern. Allerdings musste der Generalstab fürchten, dass Esterhazy, wenn er seine Sache verloren sehen würde, Manches erzählen könnte, was den Generalstab in einer irreparabeln Weise blossstellc-n musste. Man darf gespannt sein, wie die „Affäre" sich jetzt entwickeln wird. Es ist zu hoffen, dass die Regierung des Herrn C o m b e s mehr Mut beweisen wird als ihre Vorgängerinnen,