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Die Welt · 1904-03-04 · 10 (4.3.1904) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 10 „bi* * A. M. Luncz: Jerusalem, Jahrbuch zur Förderung einer wissenschaftlich genauen Kenntnis des jetzigen und des alten Palästina. Band VI, Heft i. Jerusalem 1903 (hebräisch). Das Leben unserer Brüder in der alten Heimat bietet leider noch immer nicht die Bedingungen für die Entstehung und Entfaltung einer namhaften literarischen Tätigkeit, Wenn die hebräische Sprache dort auch heimischer ist als irgend anderswo, so kann dennoch von einer eigenen hebräischen Literatur in Palästina noch kaum die Kede sein. Ben-Jehudas mit vielem Geschickredigirte Wochenschrift „Haschkafa" verfügt über einen zu geringen Umfang und über noch geringere Mittel, als dass sie einen gedeihlichen Boden für eine vielseitige literarische Tätigkeit abgeben könnte. Nach einer Richtung jödoch, der wissenschaftlichen nämlich, ist in- Palästina schon manches Beachtenswerte geleistet worden. So entstand dort vor Kurzem erst das vortreffliche Wörterbuch Ben-J e hu das und auch Grasowsky's Taschenwörterbuch (erschienen im Verlage „Tuschijah") dürfte dem langjährigen Aufenthalte seines Autors.in Palästina zu verdanken sein. Einen unermüdlichen Arbeiter hat die hebräische Literatur in Palästina in A. M. Luncz, dem Herausgeber des Sammelbuches „Jerusalem" und eines jährlichen Kalenders gleichen Namens und noch mancher anderer Werke gefunden. In dem vorliegenden Hefte, das den VI. Band des „Jerusalem* abschliesst, finden wir eine Reihe lesenswerter Aufsätze zur Kenntnis des alten und neuen Palästina, die sich denjenigen würdig anreihen, die in den vorigen Bänden erschienen sind. Dazu gehört die Fortsetzung der gründlichen Arbeit zur Geographie Palästinas aus den vorangegangenen Heften, die dem Herausgeber als Autoren Ehre macht, sowie das Ende einer historischen Abhandlung über „die Ringmauern Jerusalem", übersetzt aus dem englischen Werke „Excavations at Jerusalems" (Cap. VII) von Bliss un Di ekle, den Leitern der englischen Ausgrabungen in Palästina (1894—97). In diesem letzten Aufsatze ist die Geschichte der Mauern Jerusalem während eines Zeitraumes von 3500 Jahren enthalten. Zwanzigmal wurden die Mauern von Feinden erobert, zweimal gründlich zerstört. Verschiedene Baumeister haben an ihnen gearbeitet: Juden, Römer, östliche Christen, Kreuzfahrer und Araber. Alle hinterliessen Spuren, die bei den Ausgrabungen ans Licht gefördert wurden. Sehr interessant sind auch die geographischen Aufsätze „Jeruschlem und Jeruscholajim" von Ch. Hirschensohn, über „die Festung Machaerus* von Prof. Dr. S. Kraus und „das Land Goschen" von J. Schachewitz. Dieser letztere versucht es in einem anderen Aufsatze auf Grund talmudischer Quellen nachzuweisen, dass Bar-Kochba den Tempel wieder aufgebaut habe, seine sonderbare Hypothese dürfte aber kaum jemanden befriedigen, der die Belegstellen ernstlich prüft. Nebst einigen sprachwissenschaftlichen Bemerkungen enthält das Heft noch einige Bemerkungen betreffend die neue Ausgabe des „Jerusalemischen Talmud", die vom. Herausgeber geplant ist. Ueber diese wichtige Arbeit von der uns ein Probebogen vorliegt, werden wir noch ausführlich referiren. M. B. Peuilletot)* Ein Gedicht von Theodor Storm. Von Max Aram. Für diejenigen, die ihre Freude an scharfsinnigen, dialektischen Spielereien, an Spielen mit Worten haben, mag es ein interessantes TRema sein, das seltsame Verhältnis der nationalistischen Parteien aus den verschiedenen Landern zu einander zu betrachten. Die Nationalisten der verschiedenen Völker müssten doch für einander die internationale Sympathie hegen, die man z. B. bei der Soziademokratie findet, und wirklich haben die radikalen deutschen Antisemitenblättchen, wie man sie etwa in Sachsen findet, immer mehr für die französischen Nationalisten als für die „Dreyfusisten" Waldeck-Rousseati und Loubet übrig gehabt. Aber wie? Sind die französischen Nationalisten nicht zugleich die schlimmsten Feinde der Deutschen? Die Deutschen die der Franzosen? Können die französischen Nationalisten den Deutschen das Erstarken des Volkskörpers wünschen, das sie von nationalistischen Tendenzen erwarten? Können die deutschen Nationalisten es den Franzosen wünschen? Nein! Nur das reine, geklärte Nationaigefühl kann eine all- Wclt" Seite 13 gemeine Kräftigung der Völker durch eine Stärkung ihrer Bodenständigkeit wünschen, wie ja wohl auch der Bund der Bodenreformer zugleich national und international gesinnt ist. Nur in der Luftregkwa des zum Prinzip geläuterten, sozusagen defensiven, edlen Nationalgefühles können, während hart in dem Räume der europäischen Völkerkiste sich die Nationen stossen, die Völker beieinander wohnen. Dass die Völker die Banner ihrer Nationalitäten, die „Nationalhymnen" einander entlehnten und wandern Hessen, wissen wir. Das deutsche „Heil dir im Siegerkranz" soll dem österreichischen „Gott erhalte. Franz den Kaiser" entstammen, und dieses wieder dem englischen „God save the Queen". Letzteres ist aber wieder von dem Deutschen Händel komponiert. Immerhin, dieses höfische, dynastische Nationalgefühl braucht nicht als das eigentliche angesehen zu werden. Aber auch das Tiefe, Ursprüngliche, aus dem Herzen des Volksstammes Hervorquellende kann seine dichterische Inspiration aus ausländischen Symbolen beziehen. Die Kämpfer der deutschen Freiheitskriege waren für ihre Ideale begeistert worden durch Dichtungen wie „Wilhelm Teil" und die „Jungfrau von Orleans". Es war ja auch gleich, aus welchem Boden das Drama und die lyrischen Empfindungen eines kämpfenden Patriotismus aufstiegen. Das so edle jüdische Nationalgefühl, wie es im Zionismus Gestalt gewonnen, kennt nicht den' geringsten Gegensatz zu irgend welchen anderen Völkerinteressen und kann in seiner idealen Luftregion daher eine innige Verbindung mit den reinen Nationaltendenzen anderer Völker eingehen. Kein geringerer Deutscher als Peter Rosegger hat den Zusammenhang ausgesprochen in einem hier schon einmal zitierten Sprüchlein. So kann der Zionist auch das Gedicht eines deutschen oder französischen oder englischen Poeten annektieren, in dem das Nationalgefühl schlechthin eine vollende dichterische Gestaltung erfahren hat. Theodor Storni könnte vielleicht dem einen und dem anderen sogar als ein Antisemit erscheinen. Er war eine zu poetische Natur, als dass er in einen rohen Tageslärm eingestimmt hätte. Wohl aber mochte er eine unüberwindliche Antipathie gegen die nationalen Elemente, die sogenannten ,Auswüchse" des Judentums hegen. Es findet sich in dem schmalen Bändchen seiner Lyrik ein merkwürdiges Gedicht, betitelt: „Es gibt eine Sorte": Es gibt eine Sorte im deutschen Volk, Die wollen zum Volk nicht gehören; Es sind auch nur die Tropfen Gift, Die uns im Blute gären. Und weil der lebenskräftige Leib Sie auszustoßen trachtet, So hassen sie nach Vermögen ihn Und hätten ihn gern verachtet. Und was für Zeichen am Himmel stehn. Licht oder Wetterwolke, Sie gehen mit dem Pöbel zwar. Doch niemals mit dem Volke. Da mag es schwer sein, diese Verse nicht auf die liberalen, freihändlerischen Juden der Sechziger- und Siebzigerjahre zu deuten. Aber wenn Storni Antipathien gegen Juden gehegt hat, so gilt es gewiss nur den von der edlen, patriarchalischen Tradition ihres Stammes Abtrünnigen, und man mag dabei an den anderen deutschen Dichter, an Peter Rosegger denken. Storm besass ein so ausgeprägtes Gefühl für die Schönheit der nationalen Zusammenhänge, und ein Gedicht von ihm schreit förmlich danach, den Lesern der „Welt" mitgeteilt zu werden. „Abschied" heist es. Abschied 1853. Kein Wort, auch nicht das kleinste, kann ich sagen. Wozu das Herz den vollen Schlag verwehrt; Die Stunde drängt, gerüstet steht der Wagen, Es ist die Fahrt der Heimat abgekehrt.

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