Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 lf5ie $ weit" Nr, 10 Geht immerhin — den« eure Tat ist euer — Und widerruft was einst das Herz gebot; Und kauft, wenn dieser Preis euch nicht zu teuer, Dafür auch in der Heimat euer Brot! Ich aber kann des Landes nicht, des eignen In Schmerz verstummte Klagen missverstehn; Ich kann die stillen Gräber nicht verleugnen, Wie tief sie jetzt in Unkraut auch vergehn. — Du, deren zarte Augen -mich befragen, Der.dich mir gab, gesegnet sei der Tag! Lass nur dein Herz an meinem Herzen schlagen Und zage nicht! Es ist derselbe Schlag! Es strömt die Luft — die Knaben stehn und lauschen Vom Strand herüber dringt ein Mövenschrei; Das ist die Flut! Das ist des Meeres Rauschen; Ihr kennt es wohl, wir waren oft dabei. Von meinem Arm in dieser letzten Stunde Blickt einmal noch ins weite Land hinaus, Und merkt es wohl, es steht auf diesem Grunde, Wo wir auch weilen, unser Vaterhaus. Wir scheiden jetzt, bis dieser Zeit Beschwerde Ein and'rer Tag, ein besserer, gesühnt; Denn Raum ist auf der heimatlichen Erde Für Fremde nur und, was den Fremden dient. Doch ist's das flehendste von den Gebeten, Ihr möcht dereinst, wenn mir es nicht vergönnt, Mit festem Fuss, auf diese Scholle treten, Von der sich jetzt mein heisses Auge trennt! — Und du, mein Kind, mein jüngstes, dessen Wiege Auch noch &uf diesem teuren Bioden stand, Hör' mich — denn alles andere ist Lüge — Kein Mann gedeihet ohne Vaterland. Kannst du den Sinn, den diese Worte führen, Mit deiner Kinde rseele nicht verstehn, So soll es wie ein Schauer dich berühren Und wie ein Pulsschlag in dein Leben gehn. Dies Gedicht klingt wie das Klirren von glänzenden germanischen Schwertern, und man möchte meinen, dass seine Strophenform die Nibelungenstrophe sei. Wenn das Gedicht hier in seiner ganzen Länge abgedruckt wurde, so kann es schon die eine Zeile motivieren: Kein Mann gedeihet ohne Vaterland! Der zionistische Schriftsteller, der für eine Broschüre oder ein Buch ein Motto braucht, könnte er schöneres, herrlicheres finden als dies: Kein Mann geheihet ohne Vaterland! Jüdische Kraft im Mittelalter.1) Von Dr. Richard Blum und Louis Lamm. In der jüdisch-belletristischen Literatur — von dem „Maasebuch" des 16. Jahrhunderts bis zu dem „Sippurim44 der Neuzeit und den Darstellungen von S. Kohn (Gabriel, David Speyer, Die Starken etc.), A. Bernstein (Mendel Gibbor) u. a. in der neuesten Zeit — spielt der „Gibbor'' (Der Kräftige) eine grosse Rolle. In mannigfacher Gestalt tritt er uns entgegen. Das Charakteristische an allen diesen jüdischen Helden ist ihre über das Mass des Menschlichen hinausgehende Körperkraft und Energie. Die ausgedehnte Verbreitung und starke Beliebtheit dieser „Heldengeschichten" unter den Juden und besonders unter der jüdischen Jugend legt beredtes Zeugnis von der grossen Sympathie ab, die diesen „Muskeljuden" allgemein entgegengebrächt wird; und diese Sympathie ist in der Natur x) Aus der „Jüdischen Turnzeitung44. Zentrale: Charlottenburg, Herderstrasse 6. (Jahresabonnement Mk, 3. Die „Jüdische Turnzeitung" ist eine Monatsschrift.) des jüdischen Volkes begründet und darum sehr begreiflich. Wenn wir bedenken, dass die folgenden Beispiele von Körperkraft aus einer Zeit stammen, wo des Mittelalters Dunkel schwer auf der Judenheit lastete, so werden wir einen Schluss auf die Summe körperlicher Spannkraft ziehen dürfen, die dem jüdischen Volke mit auf den Weg gegeben wurde. Dass es „eher zum Krieger als zum Hausierer geboren" ist, beweist seine Geschichte, wie die moderne Geschichte der Völker, unter denen es lebt. T<ch brauche die Freiheitskämpfe unter Maccabi, eines Bar Kochba nicht zu erwähnen; schweigen will ich auch voii den jüdischen Helden neuester Zeit, wie sie sich in den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts hervorgetan haben. Ein späterer Aufsatz soll die nähere Kenntnis dieser Tatsache übermitteln. Bleiben wir heute beim Mittelalter. lieber Juden, die im frühen Mittelalter zum Kriegsdienste herangezogen wurden, weiss Vulpius2) mancherlei zu erzählen. Wenn auch das dort erwähnte Weissenf eiser Judenturnier vom Jahre 13S4 — nach anderen soll es 1386 stattgefunden haben — von der neueren Forschung nicht als historisch anerkannt wird, so ist die Annahme doch wohlberechtigt, dass in der Erzählung wenigstens ein geschichtlicher Kern steckt. Dass sich die Juden des Mittelalters der Waffen bei den Kampfspielen bedienten, die einen Bestandteil der Hochzeitsfeierlichkeiten bildeten, und dass sie nicht selten an der Jagd teilnahmen, ist sicher erwiesen.3) Im 13. Jahrhundert wird der kriegerische Jude Daniel von Köln von dem Kölner Chronisten Gottfried Hagen mehrfach erwähnt. In den betreffenden Stellen4) heisst es unter anderem: Sich mögen alle die myne schämen Dat under desen ein enich mann, Die kone strydes e begann, Dat is der Jude Daniel Hadde sy dur brochen also snel Als ein valke der eynen vogel sle.it Daniel wie du ouch gefangen sijis Des strydens gein ich dir den prys Drissich ritte r sint mir ge van gen ave Und ich byn bas an uch have. An gleicher Stelle wird der zweifellos geschichtliche, jüdische Landsknecht Michel von Hildesheim erwähnt, der sich bei der Hildesheimer Stiftsfehde vom Jahre 1520 auszeichnete und nicht unerhebliche Vergünstigungen seitens des Rates erhielt. Er war allgemein unter dem Namen „der lange Michel'4 bekannt und man wusste von ihm, dass er die hebräische Sprache vortrefflich beherrschte. Der in der Augsburger Chronik5) erwähnte Jude Michel, der den Augsburger Reichstag vom Jahre 1547 besuchte, ist mit dem „langen Michel44 nicht identisch. Sein Auftreten hat einen eigenartigen Beigeschmack. Der Augsburger Michel sei — so heisst es —in kostbarer Kleidung einhergeschritten und wurde von allen den grossen Herren, die den Reichstag besuchten, als fremder Ritter sehr geehrt; als sich jedoch die Tatsache herausstellte, dass er ein Jude sei, soll er nach dem Bericht des Chronisten seiner wohlverdienten Strafe nicht entgangen sein. Aus dem 15. Jahrhundert hat sich die Kunde von einem hervorragenden jüdischen Schützen erhalten, wenn auch sein Name der Vergangenheit anheimgefallen ist. Als im Jahre 1499 das badische Städtchen Thiengen an der schweizerischen Grenze von Eidgenossen belagert wurde, zeichnete sich ein Jude durch lesondere Treffsicherheit und grossen Mut aus. „Er schoss gut und erstach viel Mann.44 Unter den Opfern seiner sicheren Hand und seines scharfen Auges befanden sich der Fähnrich von 2) „Journal der Vorzeit44, Band I, Seite 268. 3) Wiener, Gebrauch der Waffen bei den Juden. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 1863, Seite 22. ' 4) Hemusgegeben von Karl Seifart: „Streitbare Juden des Mittelalters", Hirsch, Jesehurun, 4. Jahrgang, Seite 315. ß) Vgl. Allgemeine Zeitung des Judentums, 1868, Nr. 2.