Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bi* # Weit" Nr. 10 Die ins einzelne gehende Besprechung der Aufgaben der physischen Pflege im Hause wird in unserem Kreise noch besonders besprochen werden. Hier aber muss besonders betont werden, dass sich die Liebe und Zuneigung der Eltern vor allem darin zeigen wird, dass sie ihre Neigungen zu allerhand Vergnügen ausser dem Hause, als auch ihre Bequemlichkeit und ihr Ruhebedürfnis den Anforderungen ihrer Kinder zu opfern imstande sind. Kinder dürfen nicht bis in die Nacht hinein in öffentlichen Lokalen sein. Die Pflege der Kinder soll nicht aus der Hand der Mutter kommen. Die grössten Schädigungen entstehen durch die Unkenntnis der hygienischen Forderungen, durch die dürftigen Lebensverhältnisse, aber auch durch die Unfähigkeit der Ernährer, sich in ihren Beziehungen und Lebensgewohnheiten zu beherrschen. Wer aber in der physischen Gesundheit des Kindes die Quelle kräftigen Wohlseins sieht, soll besonders die Sinne üben, das Auge, das Ohr, die Hand, den Geschmack, den Geruch, die Muskel. Sie beeinflussen auch das Wachsen und Gedeihen des Intellekts. Wer weiss nicht, wie hoch Komenius, Pestalozzi und F r ö b e 1 die Wichtigkeit der Familienerziehung schätzten? Nach P e s t a 1 o z z i soll die allgemeine Erhebung des Menschengeschlechtes von den Müttern ausgehen, und Fr ö bei bestimmte als erste Grundlage des Lernens die Mutterschule. Auoh diejenigen, mit denen das Kind am frühesten verkehrt, lernt es die Sprache, die Worte, die Grammatik, die Betonung und den Wohllaut. Es lernt die Dinge kennen, benennen, unterscheiden, gebrauchen; es lernt aufmerken, bedenken, genau sehen und hören. Es erhält gleichsam zufällig und spielend die ersten Kenntnisse und die Keime der Interessen. Im Hause, im Hof, in Garten, Feld und Wald erhält es tausend Anregungen. Der Verkehr zwischen Mutter und Kind kann somit eine reiche Mitgift fürs Leben sein. Nur gilt auch hier die Warnung vor dem Zuviel. Verfrühung und Ueberreizung der geistigen Entwicklung sind schlimme Gaben. Wir bilden und entwickeln ferner den Geist des Kindes, wenn wir alle seine Fragen sachgemäss beantworten und es zu Fragen nach Grund, Zweck, Zeit, Art und Aehnlichem anregen. Die Mutter und die Familie sind die Urheber der Bedeutung der Nachkommen. Zu der Bildung des Gemütes und der Gefühle wirken mit die Vererbung und die bei den Kindern so wirksame Nachahmung. Im Verkehre mit der Familie lernt das Kind am frühesten die Roheit oder Zartheit des Fühlens, die Gleichgiltigkeit oder rege Teilnahme gegen die Mitgeschöpfe und der ästhetischen Sinne. Die Wurzeln der religiösen Gefühle, der Moral und des Geschmackes liegen in der Familie. Die Schule kann nur weiter führen oder korrigieren. Das Beispiel der Eltern, die häusliche Sitte, der Anstand in Worten, Geberden und Handlungen, die Pflege des Guten und Schönen im Hause sind die Grundlagen für den Bau in der Schule. Sind die Fundamente schlecht, missglückt auch die Arbeit des Lehrers. Das Wohl und Wehe der Menschheit liegen physisch und moralisch in der Familie. Der Familiensinn, das Interesse für das Familienleben und für die eigene Familie erweckt alle häuslichen Tugenden. Und im Familienleben wird jede Teilnahme für die grösseren Gemeinschaften im Staate, Volk und Nation vorgebildet. Wo ein guter Geist und gute Sitte herrschen, macht sich die rechte Familienerziehung ohne viel Worte und lautes Wesen geltend. Die Kinder lernen mehr durch Gewöhnung und Beispiele als durch die Bücher: Pietät, Achtung, Bescheidenheit, Wohlwollen, Gerechtigkeit und Billigkeit. Und wer solche Tugenden besitzt, übt sie gegen jedermann. Die Familienerziehung ist das besondere Gebiet der Mutter, der Frau. Die Berufsart zahlreicher Männer erlaubt ihnen nicht die Pflege und Erziehung des Kindes. Die Mutter hat also die Aufgabe, die Kinder zu guten und edlen Menschen zu erziehen, eine grosse Aufgabe, grösser und schöner, mehr als die Betätigung fürs Frauenrechtlertum, zumal für uns jüdische und zionistische Frauen! Die Familienerziehung ist die Grundlage für die Volkserziehung. Die Erweckung der alten jüdischen Familie, die Liebe zur Familie, das ist ihr Ziel. Daraus wird die fürs Volk entstehen. Es wird keine schwere Arbeit sein, denn mit Recht lässt G u t z k o w den Silva zu Uriel Acosta sagen : „Tief in unserem Volke wurzelt derZauber der Familie/ Er liegt auch in unserem Volke. Wir zionistischen Frauen haben ihn nur aus dem Schlafe der Assimilation zu befreien und die Dornenhecke der fremden Anschauung zu durchhauen, um wieder die gute, schöne, alte, jüdische Familie zu erhalten, in der Vater, Mutter und Kinder eins waren in Gesinnung und Wollen, in der Liebe das Gesetz des Handelns war. Die alten, schönen Familiensitten sollen erwachen, um unsere Jugend wieder ideal zu machen und sie abzubringen vom Tand und seichter Nachäfferei. Wie schön war doch die alte jüdische Familie! Welcher Glanz ruht auf der Sabbatweihe! Wahrlich, eine hohe, schöne Braut war der Sabbat! Und wer denkt nicht an eine alte Ahne, die über der Tchine lesend sass, Gutes für ihre Familie erflehend? Wie waren Hochzeit, Geburt und Tod aufregende Familienbegebenheiten! Schöne, gute Zeiten, die das Herz erheben, die Seele adeln! Ruft sie zurück! Ihr ruft mit ihnen Euer eigenes und Eures Volkes Glück zurück. Familienerziehung ist Volks erziehung, ist Eurer Kinder, Eures Volkes Veredlung. Echoklänge, (Ein Brief an die JRedaktion.) Herr Dr. Krenberger schildert in Nr. 4 Ihrer geschätzten Zeitschrift Mängel der heutigen jüdischen Mädchenschulbildung, die infolge paralleler Vorkommnisse in Bayern, mein lebhaftes Interesse erwecken, Sie sind da umso rügenswerter, weil alle städtischen Mädchenschulen der Hauptstadt München simultanen Charakter haben, jüdische Mädchen also gleichberechtigt mit den Bekennerinnen anderer Glaubensdogmen die vortrefflich organisierten Schulen besuchen können. Nichtsdestoweniger wiederholt sich da leider alljährlich folgender Vorgang: Ein Teil der werktagsschulentlassenen jüdischen Mädchen bemüht sich, in emer^katholischen Mädchenkloster - sehule aufgenommen zu werden, um hier die Fortbildungsjahre (zwischen dem 13.—16. Jahre) zu verbringen. Ja, sie bemühen* sich; denn es wird ihnen immer wieder „ausnahmsweise" zugesagt, und die jüdischen Eltern sind glücklich, wenn ihre Kinder dort „geduldet" werden; sie haben nichts dagegen, wenn ihre Kinder den streng christlichen Gebeten und Gebräuchen mit beiwohnen. Und mit welch ungenügenden Motiven begründen diese Eltern ihre Vorliebe für die Klosterschule, wenn man ihnen — gelinde gesprochen — die Indolenz gegen ihre Glaubenssache bei einer so wichtigen Angelegenheit, der Erziehungsfrage, klar macht : „Die Freundinnen unserer Kinder gehen auch hin; sie lernen gut handarbeiten; das Schulgeld ist nicht hoch (ich glaube 4 M. monatlich); unsere Kinder gehen so gerne zu den „Schwestern" u. dgl. m. Dabei sind ja all diese Gründe nicht stichhältig. Betrachten wir die Sache näher! Was vielen nicht passt, ist folgendes: