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Die Welt · 1904-03-04 · 10 (4.3.1904) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 10 „bi* * W^lt" Seite 5 Juden waren dann die ersten, welche gemäss den Prinzipien der Revolution mit der Auflösung des Judentums vorgingen. Sie gingen Mischehen: en masse ein und sogar Joseph Salvador, der grosse jüdische Patriot und ein Vorläufer des Zionismus, war der Sohn einer Christin. Sie waren stolz auf ihre lange Ansiedlung in Frankreich, sozial und ökonomisch meist gut gestellt, in häufiger Verbindung mit den höheren Klassen der französischen Gesellschaft. Eabelais, einer der Schöpfer des „Esprit francais", stammte aus einer marranischen Familie, die viele jüdische Gelehrte und Finanzleute hervorbrachte. Diese portugiesischen Juden waren nach der politischen Emanzipation für das Judentum fast verloren, und wären nicht die immer Paris zuströmenden reichen oder gebildeten Juden aus dem Oriente gewesen, meist leider dem jüdischen Gefühle entfremdet aber doch pro forma wenigstens jüdisch gesinnt, so würde sich ihre Gemeinde schon lange aufgelöst haben. Auch so sind unter ihnen weder die hebräische Sprache noch mit dem Judentum sich beschäftigende Zunftgelehrte zu vernehmen. Hier wie in London ist der Rabbiner der Portugiesengemeinde ein „ Aschkenasi", und zwar Herr Em. Weill, übrigens ein guter Jude. Vom Zionismus wissen sie nichts und wollen nichts wissen, da sie von jüdischer Solidarität weit entfernt sind und nur wenige Gebildete, wie Schriftstellerin Madame Broudon-Salvador und wenige andere befassen sich mit dem Judentum und schätzen alles jüdische Leben. Etwas besser steht es mit den anderen einheimischen JudenFrankreichs, darunter den autochthonen Abstämmlingen von Avignon und den „vier Gemeinden" des Südens, den Einzigen, die nach der Vertreibung im XIII. Jahrhundert in Frankreich ansässig geblieben sind. Letztere haben im Laufe des Mittelalters jüdische Literatur und Wissenschaft gepflegt und wurden durch Pietät und Lehre in der Diaspora erhalten. Nach der Emanzipation haben sie sich zwar den Franzosen, deren Sprache und Sitten ihnen geläufig waren, leicht assimiliert, doch haben sie immer jüdisches Gefühl und jüdische Denkart zu bewahren gewusst. Ein grosser Teil der hervorragendsten Juden Frankreichs, von Cremieux bis Bernard L a z a r e, stammen aus dem Süden, und noch heute finden wir viele Rabbiner, Vorsteher der Konsistorien, sowie Schriftsteller und Gelehrte dieser Herkunft. Die grosse Masse, die in Paris wohnt, ist zwar stark assimiliert, in den kleinen Gemeinden des Südens aber finden wir noch viel Schätze jüdischen Geistes und bei geeigneter Propoganda könnten diese Leute dem Judentum noch sehr viel leisten. Auch unter den italienischen Juden, mit denen diese Juden zu vergleichen sind, wäre eine zionistische Bewegung leicht hervorzurufen. Leider ist bis jetzt die französische Provinz von der zionistischen Propaganda unberührt geblieben. * * * Die „Sociöte des Etudes juives" hat diesen Winter eine Reihe öffentlicher Konferenzen (Vorlesungen) über jüdische Geschichte eingerichtet. Unter den Rednern finden wir manchen bekannten jüdischen und auch christlichen Gelehrten. Die Vorlesungen werden verhältnismässig sehr zahlreich besucht. Leider fehlt es im Programm an bezweckter Tendenz und an System. Zum Beispiel sprach Herr Salomon R e in ac h in seinem Vortrage von der Ungewissheit einer jüdischen Rasse, die für Redner nie existiert hat, und Herr Professor J. Reville über die Entwicklung des neuen Testaments aus dem alten. Ebenso hat Herr Theodore R ei n a c h einen vortrefflichen, aber geradezu missions-tendenziösen Bericht über das Judentum zur Zeit des zweiten Tempels gehalten. Zu erwähnen ist im Gegensatze hierzu der gut jüdische und vortreffliche Vortrag des jungen Gelehrten Julien Weill. Der Kurs der neuhebräischen Literatur in der Sorbonne wird am 3. März anfangen. Die ersten zwei Konferenzen sind der Entwicklung der hebräischen Literatur und Sprache gewidmet. Die Uebrigen werden folgende Gegenstände behandeln: 1, Die Renaissance des biblischen Stils im XVII. Jahrhundert. 2. Die Verweltlichung des literarischen Geistes. 3. Der Einfluss der französischen Literatur. 4. Der Roman und die Poesie im XIX. Jahrhundert. Erklärung der Texte im Originale Esther, M a p u, G o r d o n, L e b e n s o n u. s. w. N. B. D. Ueber Familienerziehung. Von Laura Krenberger. (Ein Vortrag.) Die Mutter ist durch die Natur die erste Ernährerin des. von ihr geborenen neuen Menschen. Es ist also von vornherein eine beklagenswerte Unsitte, oft ein bedauerlicher Notbehelf, wenn Ammen die Mutter vertreten. Die erste Pflicht derselben ist vernachlässigt, und sie ist leider der Anfang zu einer Hintansetzung der ganzen, durch die Mutter zu bestimmenden Familienerziehung *). Die Familie ist für jedes Kindes- und Jünglingsalter sicher die berufene Erziehungsstätte. Daher ist besonders auf die Ehe zu achten. Sie hat nur dann einen tieferen ethischen Wert, wenn durch sie die Bürgschaft für die Erfüllung wichtiger Pflichten innerhalb der Familie gegeben ist. Schon das, was das Kind von derselben an individuellen Eigenschaften ererbt hat, und das gleichsam seinen innern, fast unwandelbaren Kern bildet, stammt von den Eltern. Und die Lebensrichtung wie Lebensweise der Frau, die sich Mutter fühlt, ist bereits für die zukünftige Gestaltung des neuen Menschen bestimmend. Ausserdem spielen die gesamten Lebensverhältnisse der Familie eine grosse Rolle in der Erziehung, so der Stand und Beruf des Vaters, die Zahl und Art der Geschwister und die materielle Lage des Hauses. Die Familienerziehung erstreckt sich auf die leibliche Pflege und auf die Entwicklung des Seelenlebens im ganzen Umfange. Es können und sollen in der Familie die formale und sachliche Bildung des Geistes, die religiöse, ästhetische und ethische Entwicklung angebahnt, mitgefördert werden. Da die ersten Eindrücke für das spätere Werden entscheidend sind, muss man der Familienerziehung auch in dieser Hinsicht einen hohen Rang einräumen. Schon in Bezug auf den Körper steht das Kind unter dem Einfluss der physischen Veredlung. Unzählige arme Geschöpfe leiden unter dem Fluche der Sünden ihrer Väter und Mütter. Es müssten also die Eltern rein an Leib und Seele in die Ehe treten. Die sittliche Haltung und vernünftige Lebensweise der Eltern, besonders aber der hoffenden Mutter ist die erste Bedingung und Forderung guter Familienerziehung. Des weiteren gilt es, die Gesamtheit der hygienischen Massregeln bei der Auferziehung der Kleinen zu befolgen, alles, was die Ernährung, Bekleidung, Reinlichkeit und die Befriedigung einer Menge sich regender Bedürfnisse erheischen. Derjenige hat schon ganz wesentliche Vorbedingungen zu einem glücklichen Leben erworben, der mit gesundenßinnen und gesundem Körper ins Leben hinaustritt. Er besitzt einen durch nichts zu ersetzenden Empfehlungsbrief. Doch dürfen durch die Pflege des Leibes nicht andere, höhere, erziehliche Aufgaben hintangesetzt werden. Zu ängstliches Behüten der körperlichen Gesundheit hindert oft sehr die Löaungz ahlreicher sittlicher und allgemeiner kultureller Aufgaben. *) Vgl. Horst Kieferstein in KiinsEnzyklopädie.

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