Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4flbi^^ weit" Nr. 10 Schaffung eines Zentral-Bureaus des Landeskomitees gebührend angezeigt.) Herr Dr. Mandielstamm berichtete seinerseits über obigen Beschluss an Herrn Dr. Kokesch, ohne irgendwie Protest zu erheben. ad Punkt III: Die Erklärung Dr. Ma-ndelstamms, der uns droht, uns unter Kontrolle zu stellen und das für die Agitation bestimmte Geld an diejenigen russischen Mitglieder des A.-C, die er dazu für passend finden wird, zu verteilen, erklären wir als illegal. Unterzeichnet die anfangs erwähnten drei Herren. Aus Russland. Petersburg. Die judenfeindlichen Blätter benützen den Ausbruch des Krieges zwischen Russland und Japan dazu, um die judenfeindliche Stimmung der russischen Gesellschaft zu verschärfen. Die „Nowoje Wremja" publizierte eine Notiz, in welcher ohne Angabe von Quellen erzählt wird, dass jüdische Remontenkäufer das Gouvernement Tambow bereisen und Pferde ankaufen, angeblich für die englische, tatsächlich aber für die japanische Armee. Diese Notiz hat ihre Wirkung auch nicht verfehlt. Ein Fürst Lobanow-Katowsky richtete tags darauf eine Zuschrift an die „Nowoje Wremja", in welcher er die Regierung auffordert, dieser empörenden Tatsachache die richtige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die neue Zeitschrift, „Ruspj", deren Herausgeber ein Sohn des Direktors der antisemitischen „Nowoje Wremja" ist, wusste zwar wenige Tage darauf die Nachricht der „Nowoje Wremja" dahin zu modifizieren, dass die fraglichen Remontenkäufer nicht russische, sondern österreichische Juden wären, aber die kritiklosen Volksmassen machen wenig Unterschied zwischen den Juden dieses oder jenes Landes, so dass die Meldung der „Ndwoje Wremja" den brutalsten Instinkten des Pöbels den Juden gegenüber neue Nährung' zuführt. Schon beeilte sich die „Moskowskja Wjedomosti" zu erklären, dass alle Uebel im russischen Leben nicht russischer, sondern fremder Herkunft seien. Warschau. Einen sensationellen Artikel über die moralischen und ethischen Eigenschaften der Juden im Weichselgebiete hat der Warschauer Bischof Ruskiewicz im „Przeglad Katolicki", dem Organ der polnischen Geistlichkeit im Weichsel gebiete, publiziert. Anlass dazu gab dem Bischof die von der Warschauer antisemitischen Presse aufgerollte Frage über den Einfluss der Juden auf den religiösen und moralischen Verfall bei den in ihren Diensten stehenden christlichen Dienstboten, Bischof Ruskiewicz erklärt in seinem Artikel, dass die Juden durch ihre hohen moralischen und ethischen Eigenschaften den bei ihnen bediehsteten Christen und Christinnen mit gutem Beispiele vorangehen und sie immer dazu verhalten, den Weg der Moral nicht zu verlassen. „Als langjähriger Seelsorger in Warschau8, schreibt der Bischof, „kann ich mit reinem Gewissen erklären, dass die Behauptung, die Juden demoralisieren die in ihrem Dienste stehenden Christen und Christinnen, absolut unwahr ist. Wo aber die christlichen Dienstboten tatsächlich demoralisiert werden, das sind christliche Familien, welche die Dienstboten von der Religion abwendig machen und die sie dem Laster zuführen. Derartigen Erscheinungen begegnen die Warschauer Geistlichen auf Schritt und Tritt. Angesichts dieses ist es völlig ungerecht, die Juden zu beschuldigen, dass sie angeblich das Dienstgesinde demoralisieren." Petersburg. Die erste Partie jüdischer Aerzte, welche ihre Dienste dem Kriegsministerium anlässlich des Krieges in Ostasien angeboten haben, ist bereits nach dem Kriegsschauplatz expediert worden. Sie bestand aus vierzig Aerzten, darunter vielen, welche in Petersburg eine ausgiebige Privatpraxis hatten. Die unter dem Protektorate der Zarin-Witwe stehende Gesellschaft des Rothen Kreuzes hat bis jetzt den jüdischen Aerzten die Aufnahme in den Dienst verweigert. Petersburg. Angesichts der immer an Umfang zunehmenden Auswanderung der Juden aus Bessarabien hat die jüdische 'Kolonisations-Gesellschaft in Petersburg das Ministerium des Innern ersucht, die Erlaubnis zur Vermehrung der Zahl der Bevollmächtigten der Gesellschaft in Bessarabien zu * erteilen. Das Ministerium gab, wie der „Juschny Kraj" meldet, diesem Gesuche statt. Auch im Gouvernement Cherson ist eine starke Auswanderungsbewegung unter den Juden zu verzeichnen. Die Petersburger Kolonisations-Gesellschaffc hat ihr Mitglied Feinberg dahin entsendet. Kischenew. Die kürzlich durchgeführte Verhandlung gegen einige Teilnehmer an den Judenexzessen in Kischenew endete mit der Freisprechung der der Ermordung des Juden Kohen beschuldigten Plünderer und mit der Verurteilung der Mörder der Jüdin Sarah zu Kerkerstrafen in der Dauer von 1 bis 2 Jahren. Kiew. Wie die „Kiewskoje Slowo" meldet, wurde der Mutter und der Schwester eines in Kiew lebenden jüdischen Arztes, welcher nach dem Kriegsschauplatz in Ostafrika geschickt worden ist, befohlen, Kiew zu verlassen und in den jüdischen Ansiedlungsrayon zu gehen, da sie durch die Abreise ihres Sohnes, respektive Bruders das Wohnrecht in Kiew verwirkt haben..... Gt. Pariser Briefe. in. Paris, im Februar 1904. Eine Frage nach den Möglichkeiten des Zionismus in Frankreich könnten selbst manche der in Paris wohnenden Zionisten schwer beantworten. Wir haben zwar in Paris einige unserer hervorragendsten Gesinnungsgenossen, es sind zwar in der Weltstadt einige zionistische Vereine tätig mit mehreren hundert Schekelzahlern, die in einem Milieu, darin das politische Leben und das Parteibewusstsein sehr entwickelt sind, sämtlich zuverlässige Zionisten sind. Das alles genügt aber nicht, um ein richtiges Bild der Wirkungen unserer Bewegung in Frankreich zu geben. Um diese festzustellen, muss man zuerst die allgemeine Denkungsart des jüdischen Publikums in Frankreich erforschen und sein Verhalten zu den allgemeinen jüdischen Fragen klarstellen. Denn das französische Judentum ist keine einheitliche, kompakte Masse. Es besteht aus den mannigfaltigsten, einander oftmals gerade entgegengesetzten Elementen, die man vorher kennen lernen muss. Zuerst in Betracht kommen die Aborigenen, das heisst die Juden, welche seit Jahrhunderten in Frankreich ansässig sind und die am tiefsten assimiliert sind. Es sind meist sogenannte portugiesische Juden, die Abkömmlinge der vor der spanischen Inquisition nach Bordeaux und anderen französischen Handelsstädten entflohenen Marranen, die sich am Ende des XVII. Jahrhunderts öffentlich als jüdische Gemeinden konstituierten. Als Marranen waren sie schon tief von nichtjüdischem Geiste durchtränkt, nicht mehr solidarisch mit der gesamten Judenheit, und es ist bekannt, dass es die Delegierten der portugiesischen Juden aus Bordeaux waren, die gegen ihre Gleichstellung mit den elsässischen Gemeinden unter der Konvention protestierten. Ihre Ueberhebung und ihr Stolz darauf, nicht den anderen Juden zu gleichen, führten sie sogar bis zur Behauptung ihrer Abstammung von den zehn Stämmen, während alle anderen aus Juda stammen sollten. Das Leben und die Emanzipation haben alle politischen und sozialen Unterschiede unter den Juden nivelliert. Dies war auch der Fall im religiösen Gemeindewesen. Die portugiesischen