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Die Welt · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bis # W^lt Nr. 9 Und unerkannt traten sie einzeln auf den Herrn des Hauses zu, der obenan sass und die Gaben bereit hielt. Es gab auch Gruppen von Sängern und Spielern, die das übliche Purimstück aufführten und beim Klange einer Okarina einen unmöglichen Tanz zum besten gaben. Emil und Rosen verloren sich in dem Gedränge der bunten Gestalten. Unterdessen kamen und gingen unablässig Laufburschen oder Mägde und trugen in weissen Tüchern flache Teller mit Backwerk, In dem anstossenden Zimmer stand die Hausfrau vor einem Berg von Gebacken, lf-erte und lud die gebrachten Teller auf die eine Seite des Berges ab, füllte sie mit den Schätzen der anderen Seite und reichte sie den Laufburschen und Mägden. Rosen erklärte seinem Freund den Vorgang: „Heute beschenkt einer den andern, wie ihr es zu Weihnachten tut; man tauscht heute Süssigkeiten aus, wie man zu Hamans Zeit Briefe austauschte, wo einer den anderen vor dem Anschlag der Feinde warnte, bis sie alle am Tage des Kampfes wie ein Mann sich erhoben. Und jetzt? Traurig ist's. Statt des einen Haman drohen uns jetzt tausend. Aber wir schöpfen aus dem Estherbuch wie aus einem Jungbrunnen den Trank des Trostes und des Mutes und hoffen auf die Hilfe des Himmels — wenn wir uns einmal selbst helfen werden. Und wir tauschen untereinander die Zeichen unserer leuchtenden Hoffnung aus. Denn was sind diese Süssigkeiten anders als tiefe Symbole? Zeichen tauschen wir aus, Gedanken, Träume und Ideale, bis wir wieder geeinigt und gross aufstehen, wie jedes andere Volk, das diese Bezeichnung verdient." Eben wurden die Haustöchter der beiden im Gespräch vertieften Masken gewahr und boten ihnen Speise und Trank an mit den leisen Worten : „Schämt euch nicht." Die Freunde dankten, verbeugten sich und verliessendas gastfreundliche Haus. „Weisst du, Rosen," sagte Emil am Wege durch weitere dunkle Gässchen, „die Patriarchengestalt des Hausherrn, der die Armen und Dürftigen um seinen Tisch versammelt, hat mich gerührt. Im Bethaus sah ich nur eine gewisse Grosszügigkeit im jüdischen Weser, die imponieren muss. aber hier, weist du, war es mir, als sehe ich die leibliche Güte vor mir. So mild und lieblich war alles — und da rührte sich etwas in meinem Herzen. Denn wohltuend ist es, Wohltaten zu sehen, wenn sie auf solch zartsinnige familiäre Weise geübt werden. Fast glaube ich, dass ich auf dem Wege bin, an den Juden gewisse Eigenschaften lieb zu gewinnen." „Schön," sagte Rosen mit seltsamer Stimme, „aber nun pass auf, es ist der Schlussgang der heutigen Wanderung!u * * * Ein niedliches Zimmer, ein kreisrunder Tisch in der Mitte und um den Tisch ein Kranz von Mädchen; in einer halbdunklen Nische die Eltern des Hauses und einige Frauen. Rosen ging von einem Mädchen zum anderen, tuschelte jedem etwas ins Ohr, so dass manches laut auflachte. Während dem stand Emil, an eine Komode gplehnt, ruhig da und seine Augen glühten aus der Maske wie eingefasste Rubinen. Sie sahen nichts, als ein dunkles Augenpaar, das ihm aus einem unsäglich schönen sittsamkeuschen Mädchenantlitz bezaubernd entgegenleuchtete und voller Fragen schien. Und er antwortete mit allen Fiebern seiner jungen Seele: „Du Schöne, ja, ich freue mich, dich zu sehen!" Ueber allgemeines Verlangen mussten beide die. Masken lüften und an dem begonnenen Gesellschaftsspiele teilnehmen. Es folgten erlesene Augenblicke für Emil, der zag und selig an der Seite der Schönsten sass, wie in einem Traum. Und als er später mit Rosen in die feuchte .Nacht hinaustrat und dieser ihn nach den empfangenen Eindrücken fragte, drückte er dem Freunde die Hand und schwieg. „Bist du noch immer auf dem Wege? . . .* fragte Rosen. „Ich glaube, ich werde diesen Weg öfter gehen müssen,u antwortete Emil. Rosen lachte und sagte: „Kein schlechtes Missverständnis! Nun aber gute Nacht, Freund Bileam, der du ausgingst, um zu schimpfen und nun gar segnen musst!" Emil sah zum Himmel hinauf, wo eben ein neues Sternchen hinter eine Wolkenwand aufgetaucht war, wie ein segnendes Auge. Auf dem Michaelerplatz. lieber den Michaelerplatz in Wien'schritten zwei Herren. Der eine, der mit der unschönen Hakennase, war ein Jude. Aber trotzdem war zwischen beiden, die einander seit Jahr und Tag kannten, jederzeit eine gute, ungetrübte Verträglichkeit. Sie hatten soeben über Kant gesprochen, dessen Todestag sich vor Kurzem zum hundertstenmale gejährt hatte, und der Jude, der sehr an Gott hing, hatte in einigermassen gereiztem Tone den Satz verfochten, dass das vielgerühmte Gestirn Immanuel Kant an dem Throne Gottes vorübergezogen sei, ohne auch nur die leiseste Erschütterung in die Grundfesten des Thronsitzes zu bringen, geschweige denn Gott selber hinabzustürzen. Da stiess der Jude plötzlich mit dem Ellenbogen den blonden Begleiter an und wies, wie im Triumphe lächelnd, auf das Steinbild über dem Portal der Michaelerkirche. Der andere sah hinauf: der Erzengel Michael mit dem Flammenschwerte. Er setzt den Fuss siegreich auf den Leib des Bösen, der sich in Qualen auf dem Boden windet. In der Linken hält Michael einen metallnen Schild von seltsamem Ansehen; aus der Schildfläche heben sich, von einem Strahlenkranz umrahmt, fremdartige Schriftzeichen heraus — hebräische Buchstaben — m,T „Nun, und was wollen Sie damit sagen", fragte achselzuckend der Blonde. „Ich werde es Ihnen schwerlich klarmachen können", sagte mit einem Beiklang von Resignation der Jude, „Sie können mir nicht nachfühlen, welch' unsagbar merkwürdige Erscheinung es mir ist, wenn hier vom Kirchentor diese vier hebräischen Zeichen, die das Wort „Jehovah" ergeben, zu mir niederblicken. Bedenken Sie doch den eigenartigen grandiosen Weg dieser vier Buchstaben, die aus den fernen Morgennebeln einer semitischen Vorzeit emporstiegen und über Länder und Meere in majestätischem Bogen westwärts strichen, bis sie sich hier im Sonnenlichte einer neuen Zeit, umrauscht vom Lärm des Grossstadtplatzes, niederliessen. Können Sie mir irgendwo auf der Erde in allen Sprachen der Menschen ein Wort zeigen, zu dem Millionen und Abermillionen Augen so ehrfurchtsvoll und bange aufgeschaut haben, wie zu dem hier oben? Der Staub derer, die sich als die Ersten davor niederwarfen, wird schon seit Jahrtausenden in den Wüsten des Morgenlandes umhergetrieben, aber die Schauer heiliger Furcht, die das Wort auf jene Verwehten niedersandte, sind wie ein ewiger Hauch über unermessliehe Menschenreihen weitergegangen und sie weben heute in den kühlen Hallen dieses Gotteshauses. Wenn es möglich wäre, die Klänge aller Menschenstimmen, die

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