Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 flbi$ £ W$lt Seite 15 seit fernster Zeit in diesem Worte tönten, zu sammeln und in Einen Schall zu vereinen : es müsste ein ungeheurer, betäubender Donner entstehen, der über die Erde hinrollend] die Gebirgskolosse ins Wanken bringen könnte." „Ja, Sie haben wohl Recht! Man mag weithin Umschau halten und man wird nicht leicht ein so merkwürdiges Wort finden." „Und jetzt stellen Sie sich folgendes Bild vor: es ist halb zwölf Uhr nachts. Die Strassenlampen breiten einen fahlen Schein über die Vorderfront der Michaeierkirche. Vereinzelte Regentropfen fallen. Dort vom Kohlmarkt her kommt ein grauhaariger jüdischer Hausierer. Er geht gebeugt, seine verhärmten Gesichtszüge erzählen eine traurige Geschichte von Not und Bitternis. Heute nachts ist er wieder, wie alinächtlich, durch den rauch- und alkoholgeschwängerten Dunst der Wirtshausstuben gewandert und hat clemütiglich, mit der Grimasse eines freundlichen Lächelns, die gesprochene oder handgreifliche Roheit derer übersieh ergehen lassen, die Sonntags, feierliche Gläubigkeit im Angesicht, durch diese Türe eintreten. — Der Hausierjude will links zur Kirchuhr emporschauen, aber sein Blick bleibt, wie von einer magischen Gewalt aufgehalten, an dem Schilde des Engels Michael haften. Wie angewurzelt bleibt der Alte stehen und starrt mit weitgeöffneten Augen, wie auf ein Unfassbares und Schreckhaftes, auf die hebräischen Zeichen. Ist es nicht ein Trug nächtlichen Irrscheins? Narren ihn nicht seine alten Augen? Nein, unbeweglich und ehern steht dort oben der Name seines Gottes —-seines Stammgottes. Und jetzt kreuzen sich in dem Hirn des Juden zwei Gedanken : Dass die Hände seiner Väter diese Buchstaben aneinander gereiht und hier hinaufgereicht haben, und dass die, die sich das Wort darreichen liessen, um davor Sprüche anbetender Verehrung anzustimmen, — dass die den Sohn dieser Väter jahraus jahrein mit Sprüchen rohen Schimpfes überschütten. Und der Alte greift sich an die Stirne und bricht in ein grimmiges Lachen aus. Doch er verstummt sogleich, blickt ängstlich um sich, und schleicht scheu weiter, denn er weiss, dass man es dem jämmerlichen Hausierjuden sehr übel vermerken würde, wenn er hier auf einem vornehmen Platz der Hauptstadt seinen Stimmungen ungehemmten hörbaren Ausdruck verleihen wollte." „Armer Kerl!" Die zwei Herren, der Blonde und der Jude, wendeten sich von der Michaeierkirche ab und gingen weiter, hinein in die Herrengasse. „Man darf annehmen", fuhr der Jude fort, „dass hier auch eine Wurzel des Judenhasses zu suchen ist: kümmerlichen, verkrümmten Seelen ist der Gedanke an Wohltaten, die sie empfingen, eine würmelnde Pein. Sie sind zu eng und armselig, als dass sich in ihnen die grosse warme Gegenliebe der Dankbarkeit erheben und die breiten schönen Flügel regen könnte. Darum ist ihnen der Anblick dessen, dem sie verpflichtet sind, ein Vorwurf und eine Mahnung an unbeglichene Schuld. Sie sehen scheel nach ihm hinüber und hassen, wo ihnen die Grösse zur Dankbarkeit fehlt. So geht es solchen, die kleine Gaben mit übel geformten Fingern nehmen, und nun gar solchen, die einen Gott, einen unendlichen, ewigen Gott, zum Geschenke erhielten. — Sie hassen die, die ihnen die vier hebräischen Buchstaben überbrachten. — Wobei sie blind sind für die namhafte Ironie, die von Steinen gepredigt wird, wo Menschen schweigen." Der Blonde blickte fragend auf* „Nun, merken Sie nicht, was für sonderbare Bewandtnis es gerade mit dem Erzengel Michael hat? Mit diesem Engel hebräischen Namens, dessen Geburtsland die Visionen jüdischer Propheten sind? Lieber Freund, ich will Ihre Aufmerksamkeit auf eine nicht genug gewürdigte Tatsache hinlenken; bedenken Sie: der „deutsche Michel" hat einen ausgeprägt hebräischen Namen! Sie werden zugeben müssen, dass dies ein bisschen schnurrig ist Man hat das tief empfundene Bedürfnis gehabt, dem deutschen Volke eine Ptepräsentationsfigur zu schaffen, die in Namen und Haltung eine möglichst lebendige Verkörperung germanischer Art sein sollte. Und zu diesem Zwecke nahm man die sehr beträchtliche Liste der vorrätigen Rufnamen her, prüfte und wog die einzelnen Vokabeln und schliesslich, wm in einer jähen Erleuchtung, traf man die Entscheidung: der sinnbildliche Typus des deutschen Stammes wurde mit einem semitischen Märkwort benamset. Mit einem prononciert semitischen Wort, um das just die seltsamst geformten Wolken altorientaliscIut Mystik ihre geheimnisreichen Kreise ziehen." „Das ist allerdings ein merkwürdiges Zusammentreffen! Ich erwarte jetzt nur noch, dass Sie — da wir nun schon einmal in apokalyptische Gegenden geraten sind — dass Sie, mein Bester, eben diesem deutschen Michel jene machtvolle und ausschlaggebende Rolle für die Tage des Vöker-Endkampfes zuteilen, mit der das Buch Daniel und die Offenbarung Johannis den Michael für die Zeiten der letzten Kämpfe bedenken. — Uebrigens kann ich für den braven deutschen Michel, der da ahnungslos einen hebräischen Namen erwischt hat, eine kleine Entschuldigung anführen: Anderen ist es ebenso ergangen! Ich erinnere Sie an den „Bruder Jonathan" der vereinigten Nordamerikaner. " „Ja, und an den John Bull der Engländer, der ein Johannes oder Jochanan Bull ist. Sie sehen, welch betrübenden Umfang die „Verjudung der Welt" angenommen hat: die Repräsentanten bedeutendster Weltmächte sind hebräische Gestalten. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen auch Ihren Kant, den Sie vorhin als Gottesbekämpfer nicht genug rühmen konnten, ein wenig in ein bedenkliches Licht rücken — „Bitte, legen Sie sich keinerlei Zwang auf! Ich bin gefasst!" „Sehen Sie, dieser Kant, der sich, wie Sie behaupten, gegen den lieben Gott so ablehnend verhalten hat, musste gleichfalls einen hebräischen Vornamen mit sich herumschleppen, der zum deiciden Beruf in schnurgeradem Gegensatze steht: Immanuel — Immanu-El — das bedeutet „Gott mit uns!" Mit dem Kant Ihrer Vorstellung zusammen getan muss dieses Immanu-El wie eine mustergiltige Contradictio in adjecto erscheinen. Das „ Gott - sei - mit - uns - Kant" klingt ja dann fast wie die bekannte Beteuerung jenes Gottesgegners: „Bei Gott, ich bin ein Atheist!" „Wie man's nimmt! Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Kant und dem „Gottsei-mit-uns". Sie müssen es nur ein klein wenig anders lesen. Sagen wir: der Gottseibeiuns - Kant!" Und er schlug in der Luft mit komisch-ernster Miene drei Kreuze.") Erwin Rosenberger. *) Der Schild des Engels Michael ist jetzt zufällig von der Michaeierkirche verschwunden. Der Sturm, der dieser Tage in Wien herrschte, hat den linken Arm und den Schild der Steinfigur weggerissen, — schon nachdem dieser Beitrag zum Druck befördert war.