Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9 „bi* # W^lt Seite 13 Dr. Malz kann dem Leser wohl kaum klar machen, wie denn eigentlich das jüdische Proletariat „der jüdische Prometheus" „der Erlöser des jüdischen Volkes" sein soll, und wie man aus den allgemeinen Eigenschaften und Interessen des Proletariats die Notwendigkeit des Landes für die Juden folgern kann. Mir scheint in den Argumentationen dieses Aufsatzes eine ziemlich grosse Verwirrung zu herrschen. Das Proletariat, das eigentliche industrielle, klassenbewusste, wertschaffende, wird mit der armen Klasse überhaupt zusammengeworfen. „Die Judenfrage ist eine Arbeitsfrage", sagt der Verfasser. Das muss erst bewiesen werden. Denn, ist sie bloss eine ökonomische Frage, schliesst sie in sich keinen andere Motive psychologischen Charakters ein, dann muss vielleicht die ganze Frage revidiert werden. Jedenfalls sind es Fragen, die man nicht so leicht und apodiktisch beantworten kann. Da zum Beispiel spricht sich Herr W. Chajes in einem Artikel über „Zionismus und Industrialisierung* in einem viel praktischeren Sinne üi>er die Arbeitsfrage aus. Vor allem lokale Organisation, ökonomische Selbstbetätigung. Die Juden in Galizien müssen ihre eigene Industrie entwickein. Und das ist ein sehr gesunder und richtiger Standpunkt. Aber wozu alles mit dem Zionismus in Verbindung setzen? Wozu auch immer und immer betonen, dass die Zionisten keine „Gegner des Polentums" sind? Wozu die zionistische Idee in den Kampf der Nationalitäten in Galizien hineinziehen? Herr Halewi entwickelt in einem guten Aufsatz: „Juden und Polen* seine Ansichten, die Ansichten eines freien, stolzen und bewussten Juden, eines Zionisten über das Verhältnis zu den Polen. Es ist angenehm zu sehen, dass der Zionismus die galizischen Juden gelehrt hat, stolz und mutig aufzutreten. Einen sehr interessanten Beitrag zur Geschichte der modernen Judenschaft Galiziens und ihres Anteils an der polnischen Literatur, ist der Artikel von Roman Glassner: „Jüdische Literaten in der modernen polnischen Literatur." Eine Reihe von jungen Schriftstellern, von denen manche sich bereits einen achtbaren Namen erworben haben, zieht an uns vorüber. Werden sie alle dem Beispiele Klaczkos folgen, sich von ihrem Volke abwenden, oder werden diese jungen Kräfte vielleicht einmal zu ihrem alten, leidenden und kämpfenden Volke zurückkehren? . . . Den russischen Dichter N ä d s o n, einen Judenstämmling, hat vor seinem Tode die Sehnsucht nach seinem Volke "ergriffen, und er sang sein berühmtes Lied, das Lied eines sterbenden Dichters, der noch kämpfen, noch leben möchte für sein armes Volk, das alle hassen. . . . Werden die lebenden Dichter je diese Sehnsucht verspüren? . . . Einen Aufsatz über Lilien hat im Jahrbuch Herr A.Stand geschrieben. Es ist weniger ein Artikel über Kunst, als ein literarisches Essay. Aber Herr Stand hat vollkommen Recht in seiner Wertschätzung der Lilien 'sehen Kunst, dieser wenn auch schönen und zierlichen, so doch ziemlich monotonen und in engem Rahmen sich bewegenden Kleinkunst. S. Schiller schreibt wieder über jüdische Religion. Was er eigentlich im Artikel neues sagen will, ist schwer zu ersehen. Die übrigen Artikel sind historischen (Josef Nachmanowicz von M. Balaban und der alte Friedhof von Ee Silberstein) und informativen Inhalts. Cor. «peaillefoi). Purimwanderung. Skizze von M. Scherlag. Emil erhob sich eben, müde vom Lesen, als sein Freund Rosen eintrat, ein kleines Pakett in der Hand. „Was bringst du da?" fragte Emil, der gute Zigaretten witterte. „Zwei Masken," antwortete der schmächtige Rosen mit einem feinen Lächeln, „denn heute ist Purim!" „Was geht mich Purim an?" rief Emil und warf seinen stolzen schönen Kopf in den Nacken. „Purim geht dich ebenso an, wie die Juden dich angehen. Und dass dich die Juden kümmern, ist einmal sicher, denn erstens bist du ein Jude, zweitens schimpfst du auf die Juden und rechtfertigst deine Abneigung gegen sie lediglich mit den unzähligen Fehlern, die sie besitzen sollen. Ob sie diese aber wirklich besitzen, davon hast du dich nie überzeugt; du kennst ja nicht einmal ihre primitivsten Sitten und Gebräuche. Nun will ich dir eine Grundlage geben, worauf sich dein Urteil stützen soll. Maskiert sollsi du heute mit den Juden dieses galizischen Nestes in Berührung kommen — es geschieht dir auf dieser Purimwanderung nichts, als dass du fortan nicht mehr so ins Blaue hinein verdammen wirst. Und vielleicht wirst du sie gar liebgewinnen. . Emil lachte : „Liebgewinnen? Lass ab — sie werden in der Nähe eher verlieren als gewinnen, und ich habe dann noch mehr Grund zum Schimpfen, oder, wie du sagst, zur Abneigung." „So kommst du ja auf deine Rechnung — also komm, du verkappter Antisemit! Ich werde dich führen, wie einst Vater Virgil den düsteren Dante geführt hat." Eine halbe Stunde später — es war Dämmerstunde — standen sie im ßethamidrasch. Das Licht der Messinghängeleuchter ergiesst sich wie Salböl auf die Köpfe der dichten und lauten Menge. Wie ein Fels ragt der Almemor aus den ihn utnbrausenden Menschenwogen. Und gleich ruhenden Zugvögeln sieht man oben einige Männergestalten über den Tisch gebeugt. Ein Knittern von aufgerolltem Pergament, ein flacher Handschlag auf die Tischplatte, ein gedehnter Ruf: „Schaaa!E — Und das Gemurmel und das Geschaukel legt sich, wie wenn Meeresstille eintritt. In die lauschende Stille fallen nun wohltönende Worte, verhaltener Flammen voll. Und die Flammen durchbrechen die Schalen der Worte und zucken und springen und schlagen wie Blitze ein, hierin ein Auge, dort in ein Herz . . . Wurde der Namen Haman genannt, dann fuhr es wie Donner durch die Reihen — hundert nagelbeschlagene Sohlen klopften dröhnend auf die Dielen, als gelte es eine Legion Feinde in den Boden zu stampfen. Vernahm man den Namen Esther, so legte sich der Sturm und eine sanfte Freude verklärte die Gesichter der Versammelten. Bei dem Namen Mordechai reckte sich so mancher Nacken trotzigstolz empor, und manches Haupt wuchs bis zu den Messingleuchtern und manches Mannesauge sprühte seltsam kräftige Funken. Anfangs stand Emil kühl und skeptisch dem sich darbietenden Bilde gegenüber, aber allmählich, schier unerklärlich und unbewusst schwand das Gefühl der Ueberlegenheit und etwas Neues begann sich in seiner Seele zu regen. Erst war es Verwunderung, dann Ehrfurcht. Ueberrascht und ergriffen lehnte er in einem Winkel und bewunderte die Feierlichkeit der Stimmung, die Einmütigkeit der Begeisterung, die freudvolle Gewalt des Zornausbruches gegen Haman, den düsteren Ton der Freude, die Grösse des sich bäumenden Stolzes und die Erhabenheit des Vertrauens auf Gottes Hilfe . . . Diese Gedanken und Empfindungen teilte er nachher seinem Freunde mit, der ihn durch nasse Gässchen weiter führte und im scherzenden Tone sagte : „Ich wusste, dass Emil im Grunde ein fühlender Mensch ist mit guten Rasseninstinkten, die nur von einer blinden judenfremden Erziehung abgestumpft wurden . . . Aber da sind wir schon bei Mondfeld, Eine brave Patrizierfamilie — obwohl es nur Juden sind."-- * * * In einem hellbeleuchteten Saale sassen um einen weissgedeckten Tisch arme, hungrige Juden beim Mahle. Die anmutigen Töchter des Hauses brachten Speise und Trank und bedienten flink und freundlich jeglichen Gast. Und wer gesättigt war, sagte sein Gebet und erhob sich und ging, um einem neuen, der wartend wie auf Nadeln dastand, Platz zu machen. Und es kamen immer neue, wie Spatzen im Winter, wenn man Brosamen vor die Türe streut. Mancher in verschämter Haltung, mancher mit flehender Miene und manche mit Blicken des Neides. Einige trugen rote Masken, damit man sie nicht erkenne.