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Die Welt · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 lfbi$ * weit Nr. 9 rung von Juden nach Amerika und Afrika stattgefunden hat. Es gibt Ortschaften, welche noch vor einigen Wochen einige hundert jüdische Familien hatten und jetzt kaum zwanzig aufweisen. Unter den Auswanderern befinden sich auch viele Vertreter der jüdischen Intelligenz. Gt. WelNSbFOoil*. Ueber Josef Israels schreibt man dsr „Voss, Zeit.8 aus Amsterdam unter anderem : Die „Lraelswoche" ist vorüber und noch immer berichten die Z-itungen über das „Fest des Achtzigjährigen" und man Darf sagen, dass noch kein lebender niederländischer Künstler in so gewaltiger, umfassender Weise und mit solcher Herzlichkeit gefriert und geehrt worden ist, aber ebenso wahr ist es, dass sich Regierung und Volk in gleicher Weise selbst geehrt haben, als sie dem grossen Kü stier die verdiente HuMiwUi g gebracht haben. Wie haben sich hierzulande die Zeiten geändert! Als Hollands grosse Romanschriftstellerin, Frau Bosboom-Toussaint, die „Dichterin des Protestantismus", im Jahre 1883 ihren 70. Geburtstag feierte, beschränkte sich die Feier auf einen äusserst bescheidenen Kreis ihrer Verehrer und die Regierung hielt es gar nicht der Mühe wert, von der glänzenden Frau, die den literarischen niederländischen Ruhm weit über die Grenzen ihres Vaterlandes getragen und verbreitet hatte, auch nur die geringste Notiz zu nehmen, denn der Geist des alten Thorbecke, der ein grosser Staatsmann, aber auch ein starrer Bureaukrat war und der das Wort : „Kunst geht die Regierung nichts an" zur R-*gierungsmaxime erhoben hatte, waltete damals noch unbeschränkt in den Bureaus der Ministerien. Dagegen erschien am 27. Jänner 1904 der Minister Dr. Kuyper persönlich im Festlokal „Pulchri studio", wo die Feier stattfand, um dem Jubilar das Komthurkreuz des niederländischen Löwenordens zu überreichen, eine Huldigung, die überall mit eben soviel Genugtuung als Begeisterung aufgenommen worden ist und gewissermassen auf die zahlreichen anderweitigen Ehrungen des Künstlers aas offizielle Siegel gedrückt hat.. . . Israels ist am 27. Jänner 1824 in Groningen von israelitischen Eltern geboren, und da ihn der streng orthodoxe Vater zum Rabbiner bestimmt hatte, widmete er sich schon in jungen Jahren dem Studium der hebräischen Sprache und des Talmud. Aber bald verwendete ihn der Vater, der einen kleinen Effektenhandel betrieb, in seinem Geschäft, und hier war es, wo er mit H. W. M e s d a g, dem späteren Marinemaler, und dessen Bruder Taco Mesdag, die dem Willen ihres Vaters gemäss ebenfalls für den Handel bestimmt waren, zuerst zusammentraf. In seinen freien Stunden zeichnete und malte er, was ihm in die Quere kam, er machte Porträts von seinen Verwandten und Bekannten, und da der Vater so verständig-war, seinen Sohn nicht zu einem Beruf zu zwingen, der ihm nicht zusagte und anderseits über sein herverragendes Talent kein Zweifel mehr bestehen konnte, durfte er sich nach Amsterdam begeben, wo er von Jan Kruseman Unterricht erhielt. Damals — es war im Jahre 1840 — herrschte der Geschmack für alles, was italienisch war, so stark, dass der junge Israels zuerst nur italienische Mädchen und kaiabresische Räuber malte, die streng jüdische Umgebung, in der er lebte, scheint damals noch keinen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Als Mitte der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts die ersten französischen Gemälde nach Holland kamen, als Ary Scheffer, der geborene Holländer, in Paris, das damals der Mittelpunkt der Kunst war, seine Triumphe feierte, zog es den jungen Israels mit unwiderstehlicher Macht nach der Weltstadt. Von den 500 Gulden, die ihm sein Vater gab, lebte er hier zwei Jahre, meist arbeitete er auf dem Atelier von Picot, er genoss aber auch den Unterricht von Horace Verne t, Pradier und Paul Delaroche, sonst führte er aber ein äusserst zurückgezogenes Leben; noch in späteren Jahren konnte er nicht begreifen, dass man eine Reise in diese Stadt mache, um sich zu amüsieren, er selbst fand in Paris „eine Hölle, wo die grossen Männer die kleinen Talente niedertraten". Es braucht kaum gesagt zu werden, dass auch die reichen Kunstschätze in Paris von Einfluss auf seine künstlerische Ausbildung gewesen sind. im Jahre 1848 kehrte er, eben als die Revolution in Paris ausbrach, nach Holland zurück, wo er sich in Amsterdam niederliess und in der Warmoesstrasse ein Atelier einrichtete. Mit seinen ersten Arbeiten hatte er kein Glück: man fand seinen „Aron und seine vier Söhne am Gpferaltar" abscheulich „fatal", aber der Maler Pienemann, der seine künstlerische Begabung erkannte, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Die ersten Jahre waren eine äusserst harte Zeit für ihn, es kostete ihm ausserordentliche Mühe, für seinen Unterhalt zu sorgen, er malte meistens romantische Figuren und Szenen, die in den damaligen Geschmack fielen, und war glücklich, wenn ihm das Stück mit zehn oder zwanzig Gulden bezahlt wurde, auch mit seinen Porträts hatte er wenig Erfolg und auch grössere theatralische und historische Kompositionen, wie „Hamlet und seine Mutter", „ Wilhelm der Schweiger und Margaretha von Parma* und „Prinz Moritz von Nassau vor der Leiche seines Vaters14 fanden wenig Anklang. Sein alter Lehrer Krusemann wurde nicht müde, ihn zu ermahnen, doch ja keine hässlichen Menschen zu malen, weil „dies den Geschmack verderbe". Der junge Künstler muss eine ausserordentliche Willenskraft und einen unbeugsamen Mut besessen haben, wenn er den Kampf gegen Vorurteil und Mißgeschick unentwegt fortsetzte. Aber schliesslich wur-^e man doch auf ihn aufmerksam, sein Gemälde „Träumerei", ein junges, unter einem Baum am Wasser liegendes Mädehen, fand Gnade vor dem Publikum und er war glücklich wie nie, als ihm 500 Gulden dafür bezahlt wurden. Eine Krankheit, die er sich durch übermässiges Arbeiten, vielleicht auch durch Entbehrungen zugezogen hatte, war die Ursache, dass er den Weg fand und einschlug, auf den er in der Folge zur Vollendung hinansteigen und die grössten Triumphe feiern sollte. Um sich zu erholen, begab er sich in das damals wenig besuchte Seebad Zandvoort, wo er bei einem Schiffszimmermann wohnte. Das Innere der ärmlichen und doch charakteristischen Wohnungen, die Kleidung der Fischer und Fischerinnen, ihr harter, mit Gefahren alier Art verknüpfter Beruf brachte ihm zum Bewusstsein, dass auch im gewöhnlichen Leben der unteren Volksklassen genug dramatischer Stoß' vorhanden sei, dass hier der Schmerz ebenso ergreifend ist, wie in den höheren Ständen und dass das Innere einer Fischerhütte, durch deren enge Fenster das spärliche Sonnenlicht einfällt, ebenso viel Harmonie und Poesie haben kann, als irgend ein anderer historischer oder literarischer Stoff. Die folgenden sieben Jahre, 1853—1860, die Israels in Amsterdam zubrachte, waren die erfolg-und genussreichsten seines Lebens. Es entstanden hier die Gemälde: „Erste Liebe", „Der Tag vor dem Scheiden", „An Mutters Grab", „Der Schiffbrüchige", „Dem Kirchhof entlang", Die kleine Strumpfstrickerin", „Vom Dunkel zum Licht", „Die Kinder der See", „Die Wiege" u. a. Auf Andringen seiner Frau, der Tochter eines Advokaten in Groningen, die er 1863 geheiratet hatte, verlegte er seinen Wohnsitz nach dem Haag, wo seine reifsten und vollendeteten Stücke entstanden. Wer hat ohne Rührung das Gemälde gesehen, auf dem ein alter Fischer gramgebeugt auf dem Stuhl sitzt, während die Leiche seiner Frau in der Bettstätte ruht? Gerade dieser Volksklasse hat Israels das Leben in seinen verborgensten Pulsschlägen wie kein anderer abgelauscht und mag er einen Stoff, auch den alltäglichsten wählen, stets werden wir von der laut zu uns sprechenden Wirklichkeit aufs tiefste ergriffen. Israels ist ein durch und durch intuitiver Künstler, schwerlich wird er auf die Frage, warum er dieses und jenes so und nicht anders gemacht habe, eine sichere Antwort geben können, für jeden Gegenstand scheint er einen anderen Stil zu haben, denn die allgemein geltenden Prinzipien der dekorativen Zusammensetzung eines Gemäldes srelten bei ihm nicht. Wir haben bereits gesagt, dass Israels den Stoff für seine künstlerischen Gebilde aus dem untern Volksleben sich zu holen pflegt, man hört deshalb auch keine Jubeltöne oder himmlische Akkorde durch seine Schöpfungen rauschen, nur Seufzer, nicht durch Seraphimmusik hervorgebracht, sondern von geschlagenen Kainskindern ausgestossen, schlagen an unser Ohr, erführt uns am Krankenbett, an der Todtenbahre, an offenen Gräbern vorbei, aber er haucht den Nachtseiten des menschlichen Lebens doch wieder einen zarten Idealismus ein, der das sonst widersinnige Wort von der „Aesthetik des Hässlichen" in seiner vollen Berechtigung erscheinen lässt. „Ein Sohn d*s alten Volks", vielleicht das herrlichste und vollendetste Kunstwerk von Israels, ein „königliches Gemälde", wie es mit Recht genannt worden ist, ist dafür ein überwältigender Zeuge. E n alter jüdischer Trödler sitzt auf der Schwelle seiner ärmlichen Wohnung im Ghetto, über ihm hängen alte, abgetragene Kleider, neben ihm steht eine ärmliche Ausstellung von beschädigten und abgenützten Zinn- und Kupfer geraten, er selbst, halb zerlumpt, in faden-

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