Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 9 „bis * weit" Seite 7 fehl des Ministers des Innern. So kam es, dass nach Zeitperioden der eifrigsten Judentreibereien plötzlich Ruhe eintrat, um bei einem neuen Ministerwechsel oder einer den Juden wieder ungünstigen politischen Konjunktur d'u c a p o, c o n b r i o anzusetzen. Aber — und das ist prinzipiell sehr wichtig — man konnte immer hoffen, dass dieser Brauch einmal aufhören wird. Jetzt ist er zum Gesetze geworden, die Judenaustreibungeri aus den Dörfern wurde gesetzlich geregelt. Wollen wir uns dieses Gesetz ein wenig anschauen. Es ist ein hässliches, gegen den rumänischen Juden gerichtetes Antisemitengesetz. Aeusserlich äusserst bescheiden, enthält es ein erschreckendes Quantum Perfidie. Das neue Gesetz, welches mit keinem Buchstaben der Juden erwähnt, setzt die Normen fest, nach welchen ein „Fremder" sich in einer Landgemeinde niederlassen kann. a) Der „Fremde" muss ein Gesuch an den Genieinderat richten, um sich dessen Bewilligung einzuholen, was eigentlich nicht so arg ist. Man könnte auch hier Verschiedenes einwenden, aber wenn man. ein Freund der Gemeindeautonomie ist, so muss man sich einverstanden erklären. b) Der Bewilligung des Gemeinderates muss der Distriktspräfekt beistimmen, damit sie Giltigkeit erhält, und das ist schlimmste rumänische Judenpolitik. Der Distriktspräfekt ist ein Regierungsbeamter, er wird vom Minister ernannt und fällt mit dem Minister. Also sind wir dort angelangt, wo wir uns jetzt befinden: beim Ministerium. Die Gemeindeautonomie ist nur ein Schein, hinter welchem uns das altbekannte Gesicht des rücksichtslosen Politikers angrinst. c) Der „Fremde" muss ein „Sittenzeugnis" aus seiner früheren Gemeinde dem Gesuche beilegen. Dieses letzte Postulat ist eine perfide Beleidigung der schutzlosen Juden. Was ist natürlicher als das Fordern, solch eines Zeugnisses? Und dennoch ist nichts schwieriger für einen armen Juden, als die Erlangung eines Sittenzeugnisses. Der arme Jude, der um ein Sittenzeugnis zum Herrn Kommissär geht, wird einfach hinausgeworfen. — „Der Jude hat keine „Rechte" in Rumänien," soll einmal ein Bojar einem Juden geantwortet haben, der sein Geld, sein „Recht" verlangt hat. Hat der Jude ein Recht, den Herrn Kommissär zu belästigen? Und was soll er tun, wenn dieser ihm kein Zeugnis geben will? Klagen? Nun, dieses auf dem gerichtlichen Klagewege erhaltene Zeugnis kann ein freundliches Schriftstück werden. Wenn man bedenkt, dass auch, nachdem man endlich das Sittenzeugnis und auch die Bewilligung des Gemeinderates hat, man dennoch vom Distriktspräfekten nach dessen Gutdünken kurzweg abgewiesen werden kann, so wird man verstehen können, was das genannte Gesetz bezweckt. Was wird dieses Gesetz in der Lage der rumänischen Bauern hessern? Werden die „ganz luetischen Dörfer" (Bericht des Dr. N. Manolescu) geheilt werden? Werden die nach „Hunterttausenden zählenden Malariakranken" (ibidem) nicht mehr hinsiechen? Im Jahre 1897 waren in Rumänien 19 780 Pelagrakranke, im Jahre 1901 sind deren 30 878, schreibt Prof. N. Manolescu. Und wo sind die meisten Pelagrakranken, wo sind die meisten Tuberkidösen? In den „jüdischen" Distrikten Botoschany, Dorohoiu etwa? Auf welchen Gütern haben die Bauern revoltiert? Niemals gegen einen jüdischen Pächter, aber schon zu wiederholtenmalen wurde der christliche Bauernschinder von den Bauern getötet.*) *) Das hindert aber nicht, dass man jetzt eine wahnsinnige Campagne gegen die jüdischen Pächter betreibt. Selbst ernste freisinnige Männer, wie Herr C. S t e r e, protestieren gegen den „ausbeuterischen" Juden. Ich weiss nicht, ob die angeklagten jüdischen Pächter Ausbeuter sind; möglich. Aber wofür existieren denn die Gerichte in Rumänien, dass man gegen die Schufte im Parlament loszieht? Spricht das Verhalten der Bauern auf den jüdischen Gütern nicht deutlich für die jüdischen Pächter? Ist es nicht jedermann klar, dass man in Rumänien mit dem Leben der genannten Pächter spielt, wenn man die Bauern derart gegen sie aufreizt? Man tat seit Jahrzehnten nichts für den rumänischen Bauer. Man redet nur so hemm, dass man ihn verwirre. Damit er glaube, dass er etwas bekommen werde, nimmt man anderen — den Juden — das Ihrige weg. Man sagt den Bauern: „Seht ihr, was sind die Lebensgüter? Schauet gut zu! Ich nehme den Juden ihr Teil weg, damit ihr mehr habet. Ihr höret ja, die Juden weinen schon — folglich könnt ihr euch freuen, rumänische Bauern!" Und der überzeugte Bauer strahlt vor Glück in dem Sarge, in welchen ihn die Pelagra, Lungenschwindsucht und die Fürsorge seiner Retter gelegt haben. Th. Pich e. Aus Russland. Petersburg. Die Zahl der jüdischen Handwerker in Russland beträgt nach den neuesten Daten DOOJJSO, darunter ausserhalb des Niederlassungsgebiet es im Ganzen 1,935. Die Zahl der nieh (professionellen jüdischen Arbeiter, wie Kutscher, Wasserführer, Holzhacker, Erdarbeiter efc, beträgt 97.000; Ackerbau betreiben in Kussland 10.721 jüdische Familien, ungefähr 68,059 Seelen; die Zahl der jüdischen Fabriksarbeiter im Niederlassungsgebiete., das Weichsolgebiet und das Gouvernement Cherson ausgenommen, beträgt 33.933. Odessa. Für die Erweiterung des Wahlrechtes der Juden in Odessa hat sich dieser Tage der Gemeinderat von Odessa ausgesprochen. In ihrer Sitzung unter Vorsitz des Bürgermeisters S e 1 e n o j hat die Duma beschlossen, die Regierung um Erweiterung des Wahlrechtes der Juden anzusuchen. Die Begründung dieses Beschlusses lautet : „Alle Juden, welche bis jetzt in der Städte- oder in der Gemeindeverwaltung gearbeitet haben, standen auf der Höhe ihrer Aufgabe und brachten der Stadt grossen Vorteil." Cherson. Die unter den Bauern der Ansiedlung Nowaja Praga im Gouvernement Cherson lebenden Juden hatten von der Behörde die Ausweisungsordre erhalten und mussten gegen Ende Jänner ihre alten Wohn&tätten verlassen. Vorige Wo^he jedoch wurde der Bezirksleiter von Nowaja Praga von dem Gouvernement-Stellvertreter von Cherson, Kammerherrn Besobraso w, telegraphisch angewiesen, die Ausweisungen der Juden bis auf Weiteres einzustellen. Diese Meldung der „Illisawetgradskija Nowoti" ist dahin zu ergänzen, dass die Einstellung auf Verfügung des Gouverneurs von Cherson, Lewaschen erfolgte, welcher der Konferenz in Petersburg beiwohnte und die Beschlüsse der Konferenz kannte. Kiew. Der neue General-Gouverneur von Kiew, Generai Kleigel, "welcher früher als Stadthauptmami von Petersburg viele Juden aus der russischen Hauptstadt ausgewiesen hatte, hat nunmehr auch die Vorschriften über das Wohnrecht der Juden in Kiew verschärft. Wie die Kiewskoje Slowo" meldet, hat der Polizeichef von Kiew angeordnet, die Wohnrechte der jüdischen Angestellten in Kiew zu prüfen und Jene, deren Rechte nicht unbestreitbar sind, auszuweisen. Kowno. Die offiziellen „Kowenskija Gubernskija Wjedomosti" machen darauf aufmerksam, dass die Auswanderung der Juden nach Südafrika in letzter Zeit in allen Ortschaften des Gouvernements einen grossen Umfang angenommen hat. Die in Transvaal, Kapstadt und in den anderen afrikanischen Kolonien seit mehreren Monaten lebenden jüdischen Auswanderer aus Pussland sollen dort guten Verdienst haben. Das Postamt von Kowno erhält täglich aus den bezeichneten Ortschaften in Südafrika Geldbriefe und Wertsendungen für die im Gouvernement zurückgebliebenen Verwandten und Angehörigen der Auswanderer. Warschau. Die hiesigen Blätter konstatieren, dass in letzter Zeit aus dem Weichselgebiete eine Massen auswande-