Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bis & Welt11 Nr. 9 Antwort nicht voreilig bei der Hand sein, bevor sie folgenden Passus aus Pater Creagh's »Verteidigungsrede" lesen werden, die er nach seiner berüchtigten Rede hielt welche er vor einigen Wochen vor einer Zuhörerschaft von 4000 Personen gehalten hat und die einen Angriff auf Juden seitens des Pöbels und einen Boykott derselben zur Folge hatte. Pater Creagh reagiert auf den Brief von Michael Davitts, in seiner Rede in der Versammlung seiner „Ordengemeinde" und sagt, dass sein einziger Grund fü die Wie der aufrollung der „Frage" die Absicht war, d* Volk vor dem verderblichen Einfluss der Juden zu retten „Jede Folge hat eine Ursache, und wenn alle Völker die Juden verfolgen, muss man daraus schliessen, dass sie sich als Feinde jedes Landes erwiesen haben." . . . „Der Talmud erlaubt nicht nur, sondern befiehlt geradezu dem Juden den Christen bei jeder Gelegenheit und zu jeder Zeit zu hintergehen und zu morden." Aber die wirkliche „Perle1' der „Verteidigungsrede" des P, Creagh ist in folgender Stelle enthalten: „Die Juden waren immer eine Gefahr für die christlichen Völker. Es ist eine unzweifelhafte Tatsache und verdient die Aufmerksamkeit der Völker und der Herrscher. Sie waren die Ursache der Einführung der spanischen Inquisition!" Vielleicht wird man noch eines schönen Tages gegen die Juden eine Zivilklage erheben auf die ungeheueren Kosten, die der katholischen Kirche die Einrichtungen von Gefängnissen und Scheiterhaufen verursacht haben; auch die Erfindung von so wirkungsvollen Folterwerkzeugen wird man auf ihre Rechnung setzen.. . . Einstweilen werden die Wolken an unserem Horizont immer schwerer. Die Agitation gegen die „Fremden" nimmt eine erschreckende Form an. Die Versicherung der kommenden Gesetzregelung in der Thronrede hat die Leidenschaften des Pöbels eher entfesselt, als beruhigt. Die Judenhetze ist ein Sport geworden, und die Engländer sind leidenschaftliche Sportmänner. Judenfeindliche Pamphlete zirkulieren wegen der fiskalen Reform. In jeder Zeitungsnummer stösst man auf irgend eine pikante Geschichte von den monströsen „polnischen Juden". Sogar Mitglieder des Parlaments haben ihre Politik beiseite gelegt und widmen sich ausschliesslich der Einwanderungsfrage der Juden im Ostende Londons. „Das britische Parlament", sagt eine englisch-jüdische Zeitung sehr richtig, „gibt seine beste Kraft hin, um über die Frage zu diskutieren, wie man einem Häuflein jüdischer Flüchtlinge verwehren könnte, in einem freien Lande ein Stückchen Brot zu essen." Die Gesetzesvorschläge der Fremdeneinwanderungs- Bill, die der Sekretär des Innern Mr. Akers -Douglas am 7. Februar angekündigt hatte, sind noch nicht bekanntgemacht worden, aber nach den vorläufigen Andeutungen, die im „Standard" veröffentlicht wurden, wird jeder Einwanderer einen Gouvernementpass haben müssen, die Schiffahrts- Gesellschaften, welche „unerwünschte" Einwanderer bringen werden, sollen gezwungen werden, dieselben auf eigene Kosten zurück zu befördern, die Einwanderer, denen die Landung gestattet wurde, werden registriert und polizeilich beaufsichtigt werden im Laufe der ersten zwei oder drei Jahre, und schliesslich wird ein abgesperrtes Viertel eingeführt werden, das heisst, die neuen Einwanderer werden nicht berechtigt sein, ihren Wohnort frei zu wählen. Manche Leser werden glauben, dass solche Massregeln wie Pässe, Polizeiaufsicht und abgesperrte Viertel mehr russisch als englisch aussehen. Es ist auch so der Fall, denn in der Judenfrage scheint eine Epoche der Gleichmachung aller nationalen Gesetzgebungen heranzunahen. ,. . Aber haben wir nicht in London eine der reichsten und einflussreichsten Judengemeinden der Welt? Jawohl! Und sie tut nichts? Gewiss nicht, aber jetzt . . . wartet sie ab. Dies sagte Sir Samuel Montagu in einer Versammlung, die nach der Thronrede folgte. Sir Samuel hat vor etwa 18 Monate ein Zerstreuungskomitee gegründet, das Wunder leisten, nämlich 'die Ostendjuden über das ganze Königreich zerstreuen und dadurch die fremdenfeindliche Agitation im Keime ersticken sollte. Wunder hat es zwar nicht vollbracht, die Juden hat es zwar nicht zerstreut, „abei", sagte Sir Samuel in der „Zerstreuungskomitee-Versammlung", „wir haben schon so lange gewartet, während der Sitzungen der Fremdenkommissionen, wolhn wir also noch ein wenig warten". Hierin ist die Gemeinde wenigstens konsequent. „Warten" war immer ihr Wahlspruch. Sie hat gewartet, als Dr. Herzl sie vor sieben Jahren gewarnt hatte, dass eine Krise hereinbrechen werde, sie hat gewartet, als die Krise akut geworden ist, sie wartet noch immer. . . . Und während sie da wartet, gibt es einen Mann, den die jüdische Lage nicht warten heisst, und der treu seiner Lebensaufgabe, mit Selbstaufopferung vor Könige und Staatsminister tritt um für sein leidendes Volk zu plaidirer. Welches jüdische Herz wird nicht aufjauchzen vor Dankbarkeit und Bewunderung für den nationalen Helden? Dr. Herzl mag Gegner haben, aber er hat auch Anhänger. Das junge, tapfere Israel ist mit ihm — und mit ihm als Führer ist unsere Sache gewonnen, mögen auch Hindernisse von aussen im Wege liegen. Aber, im Namen Zions, wollen wir nicht auch von innen her Hindernisse hinzufügen! P. M. R a s k i n. Gesetzmacherei. Eine der vielen Sorgen, die ein rumänischer Politiker hat, ist: wie er die rumänischen Bauern schützen soll. Drei Viertel der rumänischen Bevölkerung bestehen aus Bauern, wenn nicht mehr, und es ist nur billig, dass die regierenden Rumänen — Grossgrundbesitzer und wenige Diplomierte — sich der grossen Masse der armen Land) evc'lkerung annehmer. Aber diese Sorge der oberen Klassen Rumäniens hat bis jetzt den notleidenden Bauern nur wenig genützt. Die Lage der Bauern hat sich im Verlaute der Zeit nur wenig gebessert. Noch immer hat Rumänien erschreckend viel Analphabeten, noch immer dezimieren Alkoholismus, Syphilis, Pelagra und Tuberkulose die Dörfer. Aber die Sorge um die „armen" rumänischen Bauern ist keinen Augenblick von der Seele der regierenden Patrioten gewichen. „Der Bauer, der den rumänischen Staat auf seinen gebeugten Schultern trägt etc. etc." ist eine ständige Figur in den Reden der wortgewandten Abgeordneten, im Abgeordnetenhause wie in öffentlichen Versammlungen. Man kann sagen, dass der rumänische Bauer nicht nur den Staat auf seinen gebeugten Schultern trägt, sondern auch die Karriere der meisten politischen Männer Rumäniens. Dieser Sorge der Politiker für die Bauern haben diese ihr indirektes Wahlsystem, die Landgenda rme r ie und noch viele andere Lebensgüter — den TJnterpräf e k t e n nicht zu vergessen — zu verdanken. Aber damit nicht zufrieden, arbeiten die Regierenden unausgesetzt an der Beglückung ihrer Schützlinge weiter, und es ist nur eine logische Fortsetzung, wenn die Herren, die den Bauern das erwähnte Wahlsystem, den Uuterpräfekten und die Qendarmen gegeben haben, ihnen jetzt auch die grosse Wohltat erweisen, die Landgemeinden judenrein zu machen. Das ist das Neueste auf dem Gebiete der rumänischen Gesetzmacherei. Der mit den Verhältnissen in Rumänien einigermassen vertraute Leser wird sich wahrscheinlich wundern, dass ich jetzt von der Ausschliessung der Juden aus den Dörfern spreche. In der Tat sind die Juden schon längst aus den Dörfern ausgewiesen, aber — das war bis jetzt nicht das Verdienst der gesetzgebenden Körperschaften: das geschah bis jetzt auf Be-