Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316083--45487-3340297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
Seite 4 „bie # W^It" Nr. 9 bei eine Rolle spielen. Wie dem auch sei, die Tatsache steht fest, dass der südliche Orient ebensowenig wie Nordafrika und Italien ein passendes Kolonisationsfeld für Deutsche germanischer Rasse darstellt. Die Templerkolonien sind ein interessantes und für die Kultur im Orient wichtiges Experiment, das aber jedenfalls nicht zu einer grossen Ausdehnung ermutigt Für die Deutschen ist nun einmal die kühlere gemässigte Zone das richtige Kolonisationsgebiet, einerlei, ob es Nordamerika inkl. Kanada, Südchile, Südaustralien und Neuseeland, oder Russland und Sibirien heisst; auch in wärmeren Gegenden vermag sich deutsches Volkstum zu erhalten, indem es besondere Entwicklungseinrichtungen einschlägt, wie z. B. in Südafrika, Queensland und vor allem Südbrasilien, aber doch nur dann, wenn die Konkurrenz gering ist, oder hervorragend günstige Momente vorhanden sind. Wo beides nicht der Fall ist, wie im Mittelmeergebiet, da hat deutsche Kolonisation keinerlei Aussicht, eine grosse Bedeutung zu erlangen.3) Trotzdem möchten wir in Palästina die Templerkolonien nicht missen. Sie bilden ein natürliches Verbindungsglied des Orients mit dem Occident, und zwar speziell mit dem christlichen Occident, besonders mit dem kulturkräftigeu Deutschland. Wenn auch in dem späteren wirtschaftlich erstarkten Orient ein grosser Teil des vermittelnden Verkehrs nach dem Occident hin den Juden naturgemäss zufallen wird, so wird es doch jederzeit Spezialgebiete des Handels geben, welche die Templer besser zu beackern imstande sein werden, sei es infolge besserer Eignung und Anlagen derselben, sei es aus Gründen der Geistes- und Sprachverwandtschaft zu den europäischen Völkerschaften oder infolge der Sympathie letzterer. Ein bedeutender Teil des sicher in Zukunft stark zunehmenden Fremdenverkehrs wird sich ohne Zweifel dauernd der Vermittlung und Kenntnisse der palästinischen Deutschen bedienen und auch Abnehmer liefern für ihre produktive Tätigkeit: ebenso werden die vielen und an Zahl zunehmenden religiösen, wissenschaftlichen und humanitären Anstalten Westeuropas und speziell Deutschlands auf die verschiedenste Weise die Templerkolonien in Nahrung setzen. Auch die Aerzte, Apotheker, Ingenieure, Architekten, Beamten, Fabrikanten, Gastwirte und besseren Handwerker unter den deutschen Kolonisten werden bei zunehmender Landeskultur nur umso leichter ihr Brot finden und haben eine Konkurrenz keineswegs zu scheuen. Wenn also viele der Templer missgünstig und scheelen Auges auf die fortschreitende jüdische Kolonisation in Palästina blicken, so verstehen sie nicht die eigenen Vorteile, indem sie, in einer unbegründeten Furcht befangen, meinen, dass ihre wirtschaftliche Existenz untergraben werden könnte, während doch gerade ein wirtschaftlich aufblühendes Land eine reiche Fülle der verschiedensten Existenzen zu ernähren vermag, die in einem wirtschaftlich rückständigen Lande nicht hätten bestehen können oder sich doch nur mit Mühe halten würden. (Aus „Altneuland", II. Heft.) Eliazar Ben-Jehoudah. (Zu seinem 25jährigen Schriftsteller-Jubiläum.) Am heurigen Purimfest werden fünfundzwanzig Jahre verflossen sein, seitdem Ben -J ^houdah zum ersten Male in der hebräischen Literatur auftrat. Im Jahre 1879 veröffentlichte er in der von Perez S m o 1 en s ky redigierten, auf die weitere Entwicklung der hebräischen Literatur epochemachend wirkenden und für die gesamte jüdische Renaissance so bedeutsamen Monatsschrift „Has) Wir sprechen hier natürlich von unvermischten Siedelungen. Dass bei starker Vermischung mit den Eingeborenen sich eine" dauernd widerstandsfähige und konkurrenzfähige Mischbevölkerung entwickeln Hesse, ist nicht ausgeschlossen, aber die Templer haben selbst, ihrer Ethik entgegen dem Rasseninstinkte folgend, die eheliche .Verbindung mit Araberinnen für nicht zulässig erklärt. schaehar" seine Erstlingsarbeit „Eine wichtige Frage". Es war nicht bloss eine literarische Produktion, — es war eine Tat und wirkte auch als eine solche; und es war eine neue Tat. Dieser Aufsatz, der die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Wiedergeburt des jüdischen Volkes und seiner nationalen Sprache im heiligen Lande dartut, erregte sowohl wegen seiner Form als auch wegen seines Inhaltes grosses Interesse im hebräischlesenden Publikum. Wie war da der Ton, die Sprache so neu, so ganz anders als die damals übliche, mit Bibelversen gewürzte Stilistik in der hebräischen Literatur! Keine Spur von der herrschenden sogenannten „Melizah!" Und das allein war schon auffallend genug. Die Frage der Stilarten hatte in der neuerwachten hebräischen Literatur eine primäre Bedeutung und rief zuweilen lebhaftere, ja leidenschaftliche Erörterungen hervor als die Frage der Stoffwahi. Die Schriftsteiler wurden in ihrer Rangierung hauptsächlich nach ihrer Sprache beurteilt und gemessen. Der erste Meister war derjenige, der der Bibelsprache am nächsten gekommen war. Und nun kam ein ganz unbekannter Autor und schrieb so, als ob nie eine Bibel existiert hätte, als ob nie ein Jesaja und ein Hiob gelebt hätten! Und dann die Darlegungsart: Keine lange „Vorrede", keine historiosophischen Umschweife, keine langatmigen einleitenden Betrachtungen über den Begriff „Nation" und Judentum! Mit scharfer, selbstverständlicher Konsequenz behauptet der eigenartige Verfasser: die Juden sind Juden und müssen ein Land und eine Sprache haben, und dieses Land kann nur ihr Land sein, und diese Sprache — ihre Sprache! So klar, so konsequent, so unverhohlen und so ganz ist diese Idee bis dahin in der hebräischen Literatur noch nicht ausgedrückt worden.-- Und Ben-Jehoudah war auch konsequent in seinem Handeln. Er ging nach Palästina. In Jerusalem, wo er seinen ständigen Wohnsitz genommen hatte, warteten seiner grosse Kämpfe. Die dortige Orthodoxie sah in dem Neuangekommenen, der unverzüglich an die Aufdeckung aller Schäden in ihien sozialen und kulturellen Institutionen mit rücksichtsloser Wahrheitsliebe und unabschreckbaren Mut geschritten war, einen gefährlichen Revolutionär und befehdete ihn mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln. D*er Bann wurde über ihn gesprochen; gesellschaftlich war er geächtet und gemieden; die Gefängnisluft bekam er zu atmen. Er blieb jedoch unentwegt. Die Steine, die ihm auf der Strasse nachgeworfen wurden, ermutigten ihn zu weiterem Kampfe. Und er kämpfte wie ein Held. Sein Kampf blieb auch nicht erfolglos. Ihm ist es in erster Reihe zu verdanken, dass ein grosser Teil der dortigen jüdischen Jugend bereits regeneriert ist. Doch sollte sein Wirken nicht auf den palästinensischen Boden allein beschränkt bleiben. Speziell seine literarische Bedeutung geht weit über die Grenzen des heiligen Landes hinaus. Seine ununterbrochene Tätigkeit in der hebräischen Literatur wirkte auf diese epochemachend durch die Reformierung des Stils und ganz besonders durch die Schaffung von neuen Worten für moderne Begriffe. In letzter Beziehung steht er bei uns unvergleichlich da. In der letzten Zeit hat er dieser Tätigkeit seine ganze Kraft gewidmet. Das „Milon", das grosse, umfassende hebräische Wörterbuch, an dem er jetzt mit beispielloser Hingebung arbeitet, ist für ihn zur Lebensaufgabe geworden. Dieses grandiose Werk verspricht für die Belebung der hebräischen Sprache von dauernder Bedeutung zu werden. Der Glaube an die Belebung der hebräischen Sprache bildete die treibende Kraft in Ben Jähoudas rastloser Tätigkeit. Und dass eine solche möglich ist — ist er selbst der