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Die Welt · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 „bis * weit11 Seite 3 allgemeinen Urteilen über das Gelingen oder Misslingen gegenüber sich nicht skeptisch genug verhalten kann; es bedarf speziellen Studiums der einzelnen Siedelungen, um daraus allgemeine Schlüsse ziehen zu dürfen, und solche liegen bisher nicht vor. Wie dem aber auch sei, eine grosse Zukunft wird diese Kolonisation kaum haben, da die Tscherkessen viel lieber nach Kleinasien gehen, wo schon der bei weitem grösste Teil angesiedelt ist, und wo ja noch Platz in Hülle und Fülle für den verbleibenden Rest dieses Stammes ist. Von weit grösserer Bedeutung für das Land ist die Kolonisation der Templer, jener württembergischen religiösen Sekte, die in ihrem Bestreben, dem Urchristentum nahe zu kommen, allmählich die spät-christlichen Dogmen abgestreift hat und daher jetzt, bis auf den Ritus, der jüdischen Religion nahe steht. Die ersten Einwanderer dieser Sekte kamen 1868 nach Palästina und gründeten nach einem missglückten Versuch am Eingang der Ebene Jesreel 1869 die Kolonien in Haifa und Jaffa. 187.1 die Kolonie Sarona bei Jaffa, 1873 eine Kolonie in Jerusalem, während 1903 Land für eine Kolonie bei Ramie gekauft wurde. Die Zahl der Templer "in Palästina belief sicli 1878 auf 850, 1884 auf 1300 Seelen. Im vorigen Jahre betrug zwar die Zahl der in den Kolonien lebenden Deutschen 1371, die Zahl der Templer war aber auf 1116 zurückgegangen, der Rest bestand aus 239 Evangelischen und 16 Katholiken. Man sieht demnach, ein numerischer Fortschritt ist in den letzten Jahren kaum zu verzeichnen, wohl hingegen ein wirtschaftlicher, indem jetzt der grössere Teil der Kolonisten in auskömmlichen, ein bedeutender Teil sogar in guten Verhältnissen lebt. Die Kolonien in Jaffa und Jerusalem sind fast rein städtischer Natur, die Kolonisten sind grösstenteils Handwerker oder Kaufleute, die Kolonie in Jerusalem besitzt kein Ackerland und nur 12 ha Weinberge, während in Jaffa neben 32 ha Weinbergen noch 12 ha Ackerland und 8 ha Orangengärten gezählt werden. Auch die Kolonie in Haifa ist eine überwiegend städtische, doch finden sich hier neben 33 Handwerkern, 13 Gewerbetreibenden, 9 Kaufleuten, 13 dem Beamtenstande oder liberalen Professionen angehörenden immerhin noch 23 Winzer und 16 Bauern. Die für Getreidebau brauchbare Fläche ist 280 ha gross, dazu kommen 37 ha Weinberge und viel noch brachliegendes Weinland auf dem KarmeL Die Kolonie Sarona ist überwiegend landwirtschaftlich, indem sie 20 Bauern und 10 Winzer neben 24 Gewerbetreibenden und Handwerkern beherbergt, und über 300 ha Ackerland, 350 ha Weinberge, 24 ha Orangengärten, 2 ha Waldanlage und 1 ha Olivengärten verfügt. Die neue, etwa 15 km von Jaffa gelegene Kolonie ist ca. 900 ha gross und dürfte sich zu einer fürs erste fast rein landwirtschaftlichen Siedelung entwickeln. Alle Kolonien zusammen verfügen also über 1500 ha Ackerland, 231 ha Weinberge, 33 ha Orangen und Oliven. Das lebende Inventar besteht aus 180 Pferden, 9 Maultieren, 70 Eseln, 494 Stück Hornvieh und 257 Schweinen, dazu noch Ziegen, Hühner und. ca. 200 Bienenvölker.') Ein grosser Teil der Pferde und Esel gehört der städtischen Bevölkerung oder wird doch des Lohnfuhrwerks wegen gehalten. Wie man sieht, ist die landwirtschaftliche Bedeutung der Templerkolonisten keine sehr grosse; am meisten leisten sie noch im Weinbau, indem sie über 4000 Hektoliter Wein produzieren, den sie auch schlankweg und zu guten Preisen exportieren — erzielt doch in Stuttgart der Templerwein 75—150 Mk. pro Hektoliter, also einen mindestens doppelt so hohen Preis, als derjenige, zu dem die wohl etwas besseren palästinischen Weine der Rothschild'schen Kellereien in Hamburg momentan noch verkauft werden. Da das eigene Gewächs der Templergemeinde der Nachfrage nicht genügt, kaufen die Weinhändler von Sarona und ") Die obigen Angaben über den Viehstand der Kolonien beziehen sich auf das Jahr 1899 und schliessen denjenigen der neuesten Kolonie Wilhelma nicht mit ein. Haifa auch noch grössere Quantitäten Wein von jüdischen Kolonisten, bezahlen ihnen etwas bessere Preise, als letztere in der. Rothschild'schen Kellereien erzielen, und erzielen trotzdem noch einen bedeutenden Profit. In Sarona sind drei Weinhandlungen mit eigenen Keltereien, Kellereien, Brennereien und Küfereien, sowie eine Schaumwein- und Likörfabrik, in der Kolonie von Jerusalem leben 2 Weinhändler und 1 Weinbergbesitzer, in Haifa sind mehrere der Weinbergbesitzer und Kaufleute gleichzeitig Weinhändler. Ein weiterer wichtiger Erwerbszweig der deutschen Kolonie ist das Lohnfuhrwerk. Viele der Fremden, die Nazareth und Tiberias besuchen, fahren mit den Wagen der deutsche]] Kolonisten von Haifa dorthin, ebenso liegt der Wagenverkehr Haifa—Jaffa zum Teil in ihren Händen. Sarona versorgt Jaffa zum Teile mit Milch und frischen Gemüsen. Haifa besitzt zwei Seifenfabriken, eine Bierbrauerei und eine Dampfmühle, Jerusalem eine Bierbrauerei, eine Zementwarenfabrik und eine Dampfmühle, eine andere findet sich in Sarona; dass es den Kolonien nicht an Aerzten und Apotheken, Lehrern und Lehrerinnen fehlt, ist ebenso selbstverständlich, wie das Vorhandensein von Gastwirtschaften in deutschen Siedelungen, ja sogar die besten Hotels in Haifa und Jaffa befinden sich im Besitz von Deutschen. In Haifa leben auch ein deutscher Ingenieur und ein Techniker, während in der Kolonie bei Jerusalem zwei Architekten, ein Meteorologe und ein Naturaliensammler aufgeführt werden. Durch die grosse Zahl guter Handwerker, Gewerbetreibender und Leute mit höherer Bildung, sowie durch den Kredit, den die Kaufleute gemessen, üben die deutschen Kolonien einen weit grösseren Einfluss aus, als wie der Zahl nach gerechnet ihnen sonst zukommen würde. Sie stellen eben die Pioniere westlicher Kultur im Orient dar, und auch die Deutsche Palästina-Bank in Jerusalem. Jaffa und Haifa findet in den deutschen Kolonien eine wesentliche Unterstützung. Auch landwirtschaftlich kann man sie als Pioniere betrachten: in der Einführung moderner landwirtschaftlicher Geräte, wie Mähmaschinen und Pflüge, sind sie den jüdischen Kolonien zeitlich vorangegangen, und in Bezug auf Futterbau sind sie letzteren noch heute voraus. Mit echt schwäbischer Zähigkeit haben die Leute es verstanden, sich den orientalischen Lebensverhältnissen anzupassen, ohne dabei die deutsche Nationalität — sowohl innerlich als äusserlich — einzulassen. Sie haben die harten Prüfungen, welche das Fieber, durch das sie anfangs in Sarona in furchtbarer Weise dezimiert wurden, über die junge Kolonie gebracht hat, mannhaft ertragen und befinden sich jetzt in einer relativ behäbigen und gesunden Situation. Dennoch ist von einem kräftigen Vorwärtsschreiten der Kolonien wenig zu spüren. Die Lebensansprüche der Kolonisten sind im Hinblick auf das Land relativ bedeutende, die Erwerbsgelegenheit keine sehr ausgedehnte, so dass ein Teil des Nachwuchses vorzieht, anderswo in der Welt sein Glück zu versuchen. Zur Erklärung der geringen Zunahme der Kolonisten in den letzten zwanzig Jahren ist sicherlich auch die Einwirkung des Klimas in Betracht zu ziehen. Der schwäbische Stamm, aus dem sich die Kolonisten vorzugsweise rekrutieren, ist verhältnismässig imvermischt germanischer Herkunft. Die Germanen repräsentieren aber eine ganz spezielle Anpassung der arischen Völkergruppe an mitteleuropäisches, d. h. nördlich gemässigtes Klima. Alle Versuche der Germanen, nach Süden vorzudringen, sind bisher gescheitert: die Langobarden in Italien*, die Goten in Spanien, die Vandalen in Nordafrika sind geschichtliche Beispiele dafür. Es ist kein Geheimnis, dass die jungen deutschen Kolonisten Palästinas zum weit überwiegenden Teile sich bei der ärztlichen Prüfung für den deutschen Militärdienst als untauglich erweisen. Das. Klima hat also schon in ein bis zwei Generationen dieses an sich so kräftige -Völkchen zu degenerieren begonnen. Gb Inzucht hierbei auch schon im Spie.le ist, wage ich nicht zu behaupten und glaube es auch nicht, wohl dagegen werden Fieberplasmodien und die hohe Sommertemperatur da-

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